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Mecklenburg-Vorpommern

03. Dezember 2016 | 01:17 Uhr

Schnellbootgeschwader : Das war’s: Die Marine sagt Ahoi

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nach 55 Jahren geht die Ära der Schnellboote zu Ende. Korvetten sollen nun ihre Aufgaben übernehmen

In der Luft liegt Zigarettenrauch, umhüllt vom Geruch der Dieselmotoren. Die Räume sind klein und eng, Privatsphäre gibt es keine. Das Licht der Neonröhren flackert bedrohlich. Die Augen brennen vor Müdigkeit. Der schwarze Kaffee aus Plastikbechern schmeckt abgestanden, doch hält die Wölfe in Lauerstellung wach. Die Gedanken schweifen ab: „Was wohl die Frau zuhause macht?“ Vizeadmiral Rainer Brinkmann reist durch Erinnerungen. Die Außerdienststellung des 7. und somit letzten Schnellbootgeschwaders sei es Wert, für einen Moment die Augen zu schließen und in die Vergangenheit zurückzukehren. Mit dem Einrollen der Truppenfahne ging gestern eine Ära zu Ende. 55 Jahre waren die Schnellboote im Dienst der Deutschen Marine.

Fregattenkapitän Martin Kübel hat nach seinem Studium 1988 als Schnellbootsoffizier angefangen und ist mit dem 2. Geschwader viele Jahre zur See gefahren. 1995 wurde er Kommandant. Er gehörte zu den ersten, die den Umzug der Marine von Olpenitz (Schleswig-Holstein) nach Warnemünde mitmachten. „Wir haben einen ziemlich verwaisten Stützpunkt vorgefunden. Bis 1998 standen wir knietief im Matsch. Alles war sehr improvisiert, aber wir hatten noch nie in unserem Leben so viele Freiheiten“, erinnert er sich. In Rostock habe er sich schnell wohl gefühlt, und das nicht nur, weil er ein Fan von Walter Kempowski ist. Es war auch die Nähe zum Strand, insbesondere im Sommer, die ihm gefiel – sofern er in der Stadt war. „Ich war viel unterwegs.“ Und so hörte er vom Mauerfall aus Fernschreiben und rauschigen Kurzwellen. „Als wir direkt nach der Grenzöffnung im schwedischen Göteborg auf der Straße umarmt worden sind, wurde dieses politische Ereignis für uns erst richtig lebendig.“

Dabei wurden die Schnellboote eigens für den Kalten Krieg gebaut. „Jahrzehnte waren sie eine der tragenden Säulen der Deutschen Marine. Schnellboote waren Kavallerie, sie waren Excalibur und Balmung der Flotte“, bedeutet Vizeadmiral Brinkmann. Die Boote der ersten Stunde hießen „Sturmmöwe“, „Silbermöwe“ und „Wildschwan“. Es folgten erste Jaguar-Boote und in den 70er-Jahren mit der Einrüstung des Flugkörpers „Exocet“ ein erster waffentechnologischer Quantensprung. Mit der Zeit wurden die Schnellboote zu den Pionieren auf dem Wasser, die sich durch Kampfkraft, Standfestigkeit und Schnelligkeit auszeichneten. Anfangs wurden sie hauptsächlich in Küstennähe eingesetzt, später zog es sie bis nach Afrika. Cherbourg, Brest, Cadiz, Palma und vor allem Limassol und Beirut seien den Schnellbootfahrern vertrauter geworden als die Häfen der heimatlichen Ostsee. Zuletzt bestand das Geschwader noch aus „Hermelin“, „Zobel“, „Frettchen“ und „Hyäne“. „Nach 1990 löste sich die Ost-West-Konfrontation in Luft auf, die Ostsee wurde Tummelplatz und Spielwiese für Kooperation und Freundschaft und die Politik drang auf eine Friedensdividende. Das 3. und 5. Schnellbootgeschwader waren die ersten Opfer“, erzählt Brinkmann.

Unzählige Male wurden die Schnellboote seeklar gemacht. Das Leben an Bord sei herausfordernd gewesen – aber genau das, habe es so besonders gemacht. „Da waren 40 Mann an Bord, für die eigentlich gar kein Platz war. Es gab keine Offiziersmesse, keinen Speiseraum, keiner konnte sich verstecken. Jeder kannte jeden. Man hat die gleiche Sprache gesprochen“, verdeutlicht Fregattenkapitän Kübel. Beim Niederholen der Dienstflaggen stand er an der Pier. „Das ist der Moment, in dem einem bewusst wird, dass man vom Schnellbootfahrer zum Dinosaurier mutiert ist. Will ich meiner Familie von glorreichen Seefahrerzeiten erzählen, muss ich jetzt ins Museum gehen.“

Die Schnellboote mussten Platz machen. Heutzutage seien andere Seekriegsmittel nötig. Die Korvetten der Marine treten ihr Erbe an. „Sie sind das Fundament einer neuen Zukunft“, so Rainer Brinkmann.

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erstellt am 16.Nov.2016 | 20:55 Uhr

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