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Mecklenburg-Vorpommern

01. Juni 2016 | 01:42 Uhr

Posthume Ehrung : Das Versteck in der Dachkammer

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Weil sie 1943 einem jüdischen Ehepaar Unterschlupf gewährten, werden Otto und Hulda Pankok heute postum als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

In den 1950er Jahren war Günther Uecker, Mecklenburgs wohl berühmtester lebender Künstler, Meisterschüler von Otto Pankok. Lange nach seinem Tod wird dieser Maler, Bildhauer und Leiter der Düsseldorfer Kunstakademie zusammen mit seiner Frau Hulda nun als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Es ist die höchste Auszeichnung, die Israel an Nichtjuden vergibt, die während des Holocausts uneigennützig ihr Leben riskierten, um Juden zu retten. Pankoks Großneffe Felix bringt heute aus Schwerin eine Kohlezeichnung mit zur Ehrung nach Berlin. Sie zeigt die jüdische Schauspielerin Brunhilde Barz und ihren Mann Mathias, die Otto und Hulda Pankok 1943 für einige Wochen in ihrem Haus in der Eifel versteckten. Felix Pankok hat das von Mathias Barz vor vom Krieg zerstörten Häusern gezeichnete Paar im Internet ersteigert.

Felix Pankok hat das dünne Kriegspapier restaurieren lassen, damit es nicht weiter verfällt. „Die Ehrung für meinen Großonkel ist auch eine Ehrung für Hilde und Mathias Barz“, sagt Felix Pankok. Er selbst will das Andenken an die beiden Verfolgten auf seine Art wach halten, indem er nach Bildern von Mathias Barz sucht. Anders als Otto Pankok ist Barz nur noch Fachleuten bekannt. Dabei gehörten beide bis 1933 zu den rheinländischen Künstlerkreisen, in denen auch Berühmtheiten wie Otto Dix verkehrten.

Barz wurde wie Pankok von den Nazis mit einem Malverbot belegt. Ihre Werke wurden als „entartet“ diffamiert und zum Teil verbrannt. Hilde Barz bekam als Jüdin Berufsverbot. Jahrelang schlug sich das Ehepaar Barz mehr schlecht als recht durch. Im September 1943 aber sollte sich Hilde in Düsseldorf am Schlachthof mit Gepäck und Proviant „für einige Tage“ einfinden. Mathias Barz hatte keine Zweifel, seine Frau sollte deportiert werden. Sie beschlossen unterzutauchen. In der Morgendämmerung klopften sie wenig später bei Otto Pankok in dem Weiler Pesch in der Eifel an die Tür. Sie wollten durch die Front im Westen brechen. Pankok hielt das für unmöglich – und versteckte sie stattdessen in einer Dachkammer.

Eine Zeitlang ging das gut. Dann wurden die Lebensmittel knapp, die längst pro Person zugeteilt wurden. Otto Pankok bat erfolglos einen Pfarrer um Hilfe. Darum ging er das nächste Risiko ein. Er offenbarte dem NS-Bürgermeister des Dorfes, dass er Juden versteckt und nichts zu essen habe. Das Dorfoberhaupt hielt dicht und brachte Fleisch und Kartoffeln vorbei. Selbst als 20 Wehrmachtssoldaten im Erdgeschoss einquartiert wurden, behielt Pankok das Ehepaar Barz bei sich. Doch die Offiziere wollten auch die Dachkammer belegen. Pankok log, die Tür sei verschlossen und er habe keinen Schlüssel. Als ein Soldat dennoch die Tür öffnen wollte, stockte Pankok vor und Barz hinter dieser Tür wahrscheinlich der Atem.

Zum Glück klemmte die Tür, und Pankok blieb Zeit, die beiden Barz heimlich zum katholischen Priester Joseph Emonds nach Kirchheim zu bringen. Als die SS zwei untere Zimmer beschlagnahmte, versorgte Emonds die Versteckten mit den Resten der SS-Verpflegung. Weihnachten 1944 kehrten Hilde und Mathias Barz nach Düsseldorf zurück und überlebten den Krieg in zwei weiteren Verstecken. Hilde allerdings war kurz davor, sich der Gestapo zu stellen, um ihren Mann und ihre Helfer nicht mehr zu gefährden. Ihr Mann sagte später: „Wir hatten Glück, viel mehr als andere.“

Felix Pankok hat keine Erinnerung an seinen Großonkel Otto, der 1966 starb. Die Erzählungen Tante Huldas über die versteckten Eheleute Barz sind ihm jedoch seit seiner Jugend präsent – eher als Selbstverständlichkeit, denn als Heldentat. Erst als er als NDR-Fernsehjournalist den Schweriner Innenminister Lorenz Caffier (CDU) und Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (SPD) nach Israel begleiten sollte, beschäftigte er sich intensiv mit der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die im Auftrag des Staates Israel prüft, bevor der Titel „Gerechter unter den Völkern“ von einer Sonderkommission unter Leitung eines hohen Richters vergeben wird. Unter gut 24 000 Geehrten sind nur etwa 500 Deutsche. In Jerusalem hatte der Schweriner Journalist etwas Glück, die Geschichte seines Großonkels, die auch von zwei Regionalhistorikern aufgearbeitet worden war, der „richtigen“ Ansprechpartnerin zu erzählen. 2013 hatte Yad Vashem die Quellen und Belege überprüft und erhob Otto und Hulda Pankok sowie Joseph Edmonds zu „Gerechten unter den Völkern“.

Dass die Medaillen und Urkunden an die Nachfahren ausgerechnet im Berliner Kammergericht übergeben werden, wo der berüchtigte Präsident des NS-Volksgerichtshofs Roland Freisler seine willkürlichen Todesurteile verhängte, hat Felix Pankok anfangs verstört. Inzwischen hat er seine Meinung geändert. „Denn diese Feierstunde ist ein Triumph über das nationalsozialistische Grauen“.


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