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Mecklenburg-Vorpommern

24. Juli 2016 | 12:44 Uhr

Industrie in MV : „Das Glas ist halb voll“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Krieg, Demontage, Planwirtschaft, verfehlte Treuhandpolitik: MV leidet noch immer unter Teilungsfolgen / Industrie in neuen Ländern Motor des Aufbau Ost

Für Klaus-Uwe Scheifler gibt es nichts zu deuteln: Geringe Industriedichte hin, hohe Arbeitslosigkeit her – trotzdem ist in MV zweieinhalb Jahrzehnte nach der Deutschen Einheit „das Glas halb voll“, meint der Wirtschaftsexperte der Industrie- und Handelskammer Schwerin (IHK). Die Ernährungswirtschaft, die maritime Industrie, die Holzbranche – in etlichen Bereichen spiele MV „in der ersten Reihe mit“, meint Scheifler. Und doch bleibt die Schwäche des Landes unverkennbar.

Die Fehler sind schwer zu korrigieren: „Die historischen Umbrüche sind bis in die Gegenwart sichtbar“, sagt Iris Gleicke (SPD), Ostbeauftragte der Bundesregierung gestern bei der Vorlage des Industrieatlas neue Bundesländer in Berlin. Krieg, Demontage, Planwirtschaft und in Teilen eine verfehlte Treuhandpolitik – die Teilungsfolgen bleiben spürbar. Trotz Milliardentransfers: „Die ostdeutsche Industrie ist gemessen an ihrer westdeutschen Schwester bis heute relativ klein und kapitalschwach“, heißt es in der Studie. Der Osten beteilige sich gerade einmal mit 8,9 Prozent an der industriellen Gesamtleistung Deutschlands.

Das grundlegende Problem: die kleinteilige Unternehmensstruktur zwischen Rügen und Fichtelberg. Große Unternehmen und Konzernzentralen mit ihren Entwicklungsabteilungen fehlten „nahezu vollständig“, kritisiert Studienautor Gerald Braun vom Hanseatic Institute (HIE-RO) an der Uni Rostock. In Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen befinde sich „keine einzige Hauptverwaltung eines börsenindexierten Unternehmens“. Ein Ergebnis der umstrittenen Treuhandpolitik: In Betrieben, die von Investoren aufgekauft wurden, seien zumeist nur „verlängerte Werkbänke“ entstanden. Auch bei Neuinvestitionen: Nordex baut zwar in Rostock Hightech-Windkraftanlagen, die Zentrale sitzt aber in Hamburg. Der Kranbauer Liebherr, in MV als Top-Industrieansiedlung gefeiert, vermarktet seine Krananlagen aus Österreich. Die Industrieschwäche wird in MV am deutlichsten: In großen Landesteilen seien weniger als zehn Prozent der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe in Lohn und Brot. Nur in Ludwigslust-Parchim, der Region Neubrandenburg und in Wismar sind es doppelt so viel, so die Studie.

Mit Folgen: Abwanderung, Alterung, eine hohe Arbeitslosigkeit – mit einem prognostizierten Bevölkerungsschwund von derzeit 1,6 Millionen auf 1,4 Millionen Einwohner 2030 „läuft das Land Gefahr, sein bedeutendes Innovationspotenzial zu verlieren“, meint Wirtschaftsforscher Braun.

Doch: Es ist nicht alles schlecht. Nirgendwo sei die ostdeutsche Wirtschaft so kräftig gewachsen wie in der Industrie. „Sie war und ist bis heute der Motor des Aufbau Ost“, heißt es in der Studie. Investitionen von 4,2 Milliarden Euro, gefördert vom Steuerzahler mit fast drei Milliarden Euro, fast 100 000 neue Jobs: „Mecklenburg-Vorpommern kommt voran“, bewertet Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) die Entwicklung erwartungsgemäß. Boomender Tourismus, eine „hochproduktive Landwirtschaft“, neue Technologiefirmen, mit knapp 70 000 Betrieben seit 1991 fast doppelt so viele Selbstständige – „Auf der Habenseite ... stehen ein historisch beispielloser Anstieg von Einkommen und Lebenstandards der Bevölkerungsmehrheit und eine hochmoderne Infrastruktur“, attestieren die Studieautoren dem Nordosten. Trotz der Krise auf der Volkswerft Stralsund: Die verbliebene Schiffbauindustrie habe sich zu einer Hightech-Branche entwickelt und gehöre in der Offshore-Branche zur Spitze, meint Kammermann Scheifler – die Ernährungswirtschaft sowieso.

Indes ziehen auch kleinere Firmen nach: So ermittelte die Studie sechs Unternehmen in MV, die zwar zu Weltmarktführern aufgestiegen, dennoch wenig bekannt seien: die Dockweiler AG Neustadt-Glewe, die Eisengießerei Torgelow, German Pellets Wismar, das Grabower Süßwarenwerk, der Medizintechniker Human med Schwerin und der Propellerbauer Mecklenburger Metallguss Waren. Scheifler kennt weitere Firmen: Kein Airbus, kein BMW, kein Porsche ohne Schläuche vom Zulieferer Matzen aus Boizenburg.

Trotz aller Fortschritte, Mecklenburger und Vorpommern brauchen sich keinen Illusionen hingeben: Eine Angleichung zwischen Ost und West werde es nicht geben, kam Karl Brenke, Ost-Experte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW) in Berlin zu dem Schluss: „Wir werden mit regionalen Unterschieden leben müssen.“

Und so werde die „zweite Hälfte des Weges ungemein schwerer“, meint Industrieexperte Scheifler. Auf große Industrieansiedlungen brauche keiner mehr zu hoffen: „Das geht nur noch in kleinen Schritten.“ Doch die Branchen, die MV gesiedelt hätten, „werden stabiler.“ Nestle, Oetker, Liebherr, Nordex, Egger, Klausner: In den vergangenen beiden Jahren hätten die Unternehmen allein in Westmecklenburg Investitionen von fast einer Milliarde Euro investiert, ermittelte Scheifler.

Das lohnt: „Wir müssen gezielt dahin gehen, wo schon Wachstumskerne sind“, will Ost-Beauftragte Gleicke die Förderpolitik neu ausrichten: „Die Gießkannenzeit ist vorbei.“ So müssten Firmen leichter Kapital bekommen, fordert sie. Vor allem aber, so meint Kammermann Scheifler, müsse MV seine Stärken besser nach außen tragen. Mit der bisherigen Marketingstrategie habe es das Land nicht geschafft, die guten Entwicklungen in MV außerhalb der Landesgrenzen zu vermarkten: „Die Kampagne MV tut gut mit einem leeren Strandkorb und einem leeren Strand tut nicht gut“, meint Scheifler: „Wir brauchen einen Strandkorb mit einem Laptop.“


 

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erstellt am 25.Jun.2014 | 11:58 Uhr

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