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Mecklenburg-Vorpommern

23. August 2016 | 23:03 Uhr

Schulpolitik : Darum soll Brodkorb gehen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Links-Opposition will morgen im Landtag die Entlassung des Bildungsministers beantragen

Zu viel Sex und zu viel Gewalt zwischen zwei Buchdeckeln hat Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) angeblich an die Lehrer in Mecklenburg-Vorpommern verteilt. Außerdem habe, so die Linkspartei, an dem Buch „Schule kann gelingen!“ ein Pädagoge mitgearbeitet, der des Kindesmissbrauchs überführt wurde. Die Oppositionspartei fordert deshalb von Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD), Brodkorb zu entlassen. Morgen entscheidet darüber der Landtag.

Was ist geschehen? Brodkorb hatte das 2004 erschienene Buch der bundesweit bekannten Reform-Pädagogin Enja Riegel nachdrucken lassen und als Anregung „für Ihren eigenen Schulalltag“ an die Lehrer verschenkt. Ende August forderte er es zurück, denn auf der letzten Seite dankt Riegel Gerold Becker für seine Unterstützung. Becker war Leiter der umstrittenen Odenwaldschule und missbrauchte jahrelang Schüler.

Simone Oldenburg, Bildungsexpertin bei den Linken im Landtag, wirft Riegel auch vor, einen Lehrer nicht konsequent aus ihrer Schule herausgehalten zu haben, nachdem er 1989 ebenfalls wegen Kindesmissbrauchs auffiel. Brodkorb hätte davon wissen können, bevor er den Nachdruck bestellte. Riegel habe „jedes Recht verwirkt“, pädagogische Ratgeber zu veröffentlichen, so Oldenburg. Außerdem enthalte das Buch „mehrere gewaltverherrlichende Passagen“ und vermittle „sexuelle Assoziationen in Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen“. Als Gewalt-Beispiel führt Oldenburg einen Absatz über eine Schultheaterprobe an. Die Schülerin Diana soll ein Attentat verhindern, traut sich aber nicht, den Angreifer zu schlagen. Der Regisseur erklärt ihr: „,Der Königssohn wird attackiert, es geht um Leben und Tod. Da kannst du den Attentäter nicht streicheln.’ … Der (Regisseur) ist in die Rolle des Attentäters geschlüpft ... ,Wenn du mich nicht schlägst, schlag ich dich’, lässt der Attentäter die Schülerin wissen. ,Das würdest du nicht machen.’ Ein Regisseur schlägt doch keine Schüler. ,Ich zähle bis drei, und wenn du mich bis dann nicht niedergeschlagen hast, haue ich dir eine runter, dass du dort hinten an der Wand klebst!’ Die Drohung klingt ernst. Würde der Attentäter sie schlagen? Diana holt tief Luft und schlägt zu.“

Simone Oldenburg: „Da wird der Wille des Kindes gebrochen. Das ist Gewaltverherrlichung.“ Weitere Passagen, die ihrer Meinung nach Gewalt verherrlichen, konnte sie gegenüber unserer Redaktion nicht benennen, da sie „keine Lust habe, so ein Buch noch einmal zu lesen“.

Die Schilderung einer weiteren Theaterprobe vermittelt laut Oldenburg „sexuelle Assoziationen“. Die 15jährige Paula soll ihren ahnungslosen Bühnen-Geliebten verführen und in seine Kleider schlüpfen, um ihn vor ihrem rachsüchtigen Vater zu schützen. Anfangs weigert sie sich, dies im grellen Licht vor Zuschauern zu spielen. „Kann ich nicht wenigstens die Hose anlassen?“ fragt sie. Der Regisseur lässt die beiden Jugendlichen die Szene im Dunkeln proben, was ihnen sehr gut gelingt. Bei der Premiere vor 150 Zuschauern klappt der Kleidertausch problemlos.

Hier würden Kinder gezwungen, sich vor versammelter Mannschaft „bis auf den Slip“ auszuziehen, so Oldenburg, und bekämen „für ihr ganzes Leben einen Knacks“. Als Mutter hätte sie Strafanzeige gegen die verantwortliche Lehrerin gestellt.

Brodkorb hat inzwischen auf eine Neuauflage des Buches ohne die umstrittene Danksagung an Becker verzichtet. Wenn der Leser weiß, dass Gerold Becker die Autorin beraten hat, „dann bekommen einige Textstellen einen problematischen Zusammenhang“, so ein Ministeriumssprecher. SPD-Fraktionschef Norbert Nieszery warf der Linken unterdessen vor, das Leid missbrauchter Kinder politisch zu instrumentalisieren.



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erstellt am 17.Sep.2014 | 07:45 Uhr

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