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Mecklenburg-Vorpommern

07. Dezember 2016 | 15:27 Uhr

Prozess um eskalierten Facebook-Streit : „Dann hätten Sie besser geschwiegen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Richter zweifelt an Aussagen eines Messerstechers

Im Prozess wegen einer Messerattacke nach einem Streit auf Facebook hat der 29-jährige Angeklagte beteuert, er habe nur die Jacke seines Opfers im Vorbeigehen seitlich aufschlitzen wollen. Weil der 19-Jährige, der ihm in Wismar im April angeblich zufällig entgegenkam, jedoch weiter frontal auf ihn zuging, sei aus dem beabsichtigten Ritz ein Stich in den Bauch geworden, sagte der Maler vor dem Landgericht Schwerin. Sein Kontrahent musste notoperiert werden und verlor eine Niere. Die beiden hatten sich – ohne einander vorher persönlich zu kennen – zuvor auf Facebook gestritten und gegenseitig beleidigt. Anfangs ging es dabei um eine simple Matheaufgabe.

Dem Angeklagten wird versuchter Totschlag vorgeworfen. In den vergangenen sechs Wochen hatte das Gericht zahlreiche Zeugen gehört. Gestern äußerte sich zum ersten Mal der Angeklagte selbst ausführlich. Der Vorsitzende Richter Otmar Fandel hatte offenbar einige Zweifel an der Darstellung des Malers. Er wies ihn darauf hin, falls er gelogen habe, könnte das Urteil schärfer ausfallen. „Dann hätten Sie besser geschwiegen!“, so Fandel.

Der Richter konnte zum Beispiel nicht verstehen, welche konkrete Beleidigung des späteren Opfers den Angeklagten derart zur Weißglut trieb. Alle Facebook-Einträge, die die Polizei später im Umfeld der beiden Kontrahenten und ihrer Freunde sicherte, sind kaum dazu angetan. Der Angeklagte sagte, als er auf dem Weg zu einem Bekannten in einen Gehweg zwischen zwei Wohnblöcken einbog, habe er seinen Facebook-Kontrahenten fünf Meter vor sich anhand dessen markanten Ohrschmucks erkannt. Spontan wollte er ihm eine Lektion erteilen. Das Messer will er ständig dabei haben, um Orangen zu schälen.

Kaum nachvollziehbar war es für das Gericht jedoch, dass der Angeklagte nicht gemerkt haben will, dass er seinem Opfer einen zweiten Stich in den Rücken versetzte. Er räumte lediglich ein, den 19-Jährigen geschubst und getreten zu haben. Als der Andere am Boden lag, habe er kein Blut gesehen, weshalb er einfach weiterging.

Obwohl er sonst flüssig erzählte und viele Details des verhängnisvollen Tages im April schilderte, kam der Angeklagte ausgerechnet bei der Frage nach dem Tatmesser und seinem Pullover ins Stocken. Beides warf er weg, falls sein Opfer inzwischen Freunde alarmiert haben sollte, ihn zu suchen. Warum er aber den auffälligen Pullover deutlich länger behielt als das Messer, blieb ungeklärt. Kurz nach der Tat löschte der Angeklagte sein Facebook-Konto. Als die Polizei ihn noch am selben Abend festnahm und eine Beamtin von „versuchten Mord“ sprach, „da bin ich aus allen Wolken gefallen“, sagte der Maler.

Die Eltern des Angeklagten halten offenbar zu ihrem Sohn. In einer Verhandlungspause versuchte der Vater gestern den Richter recht rabiat zur Rede zu stellen. Er bekam Hausverbot.

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erstellt am 24.Nov.2016 | 20:45 Uhr

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