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Mecklenburg-Vorpommern

01. Oktober 2016 | 12:23 Uhr

Wessis, Ossis und Wende-Legenden : Brathähnchen oder Broiler?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mit dem Mauerfall 1989 prallten nicht nur Lebens- und Denkweisen, sondern auch Sprachgewohnheiten aus Ost und West aufeinander.

„Ham wa nich“ - das bekommt so mancher Gast im Osten Berlins zu hören, wenn im Restaurant die Buletten ausgegangen sind.

Für den Touristen mag die schroffe Berliner Schnauze gewöhnungsbedürftig sein, Sprachforscher wundern sich weniger. Denn in der Hauptstadt des Ostens war der schnoddrige Dialekt zu DDR-Zeiten gewollt und beliebt, schon als subtile Verteidigungsstrategie gegen das Sächsische. Im Westen dagegen war penetrantes Berlinern nach dem Zweiten Weltkrieg verpönt, es galt als proletarisch. Mit dem Mauerfall 1989 prallten nicht nur in Berlin Sprachgewohnheiten aus Ost und West aufeinander.

Ob nun Wortwahl oder Kommunikationsgewohnheiten – für den emeritierten Sprachforscher Norbert Dittmar ist die sprachliche Wiedervereinigung seit mehr als zehn Jahren abgeschlossen. Das heißt, Worte und Codes haben heute in Ost und West eine identische Bedeutung. Das war nicht immer so. Und das sehen übrigens nicht alle Wissenschaftler genau so.

„Die Ostdeutschen mussten alle neuen Bezeichnungen und Codes lernen, um sich zurechtzufinden“, sagt Doris Steffens. Früher forschte die Wissenschaftlerin in Ost-Berlin, heute am Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim. „Zum Beispiel war das Wort Angebot im Sinne von günstig in der DDR nicht geläufig“, berichtet sie. „Wir waren ja schon froh, wenn bestimmte Waren überhaupt angeboten wurden“, erinnert sich Steffens.

Die Unterschiede kamen nicht von ungefähr. Spätestens seit dem Ringen um internationale Anerkennung in den 70-er Jahren wollte sich die DDR auch sprachlich vom Westen abgrenzen. Die Verlautbarungssprache von SED und Medien sei in Wortwahl und Grammatik – zum Beispiel mit langen, dem Russischen nachempfundenen Genitivattributen – auffällig gewesen, sagt Steffens. „Aber mit der Alltagssprache hatte sie wenig zu tun.“ Am liebsten hätte die DDR eine vierte Variante des Deutschen etabliert, neben dem der Bundesrepublik, der Schweiz und Österreichs. „Aber da haben die meisten Wissenschaftler nicht mitgemacht“, betont Steffens. Auch in der Bevölkerung hätten sich Wörter wie „Nietenhose“ für die begehrte Jeans aus dem Westen nie durchgesetzt. Und dass jemand in der DDR „Jahresend-flügelfigur“ zum Weihnachtsengel gesagt habe, sei schlicht eine Wende-Legende. Den Begriff habe es als Verpackungsaufdruck im Handel gegeben, sagt die Forscherin. „Aber so hat doch bei uns kein Mensch gesprochen.“ Bald nach dem Mauerfall verschwanden fast alle Wörter und Begriffe, die an das DDR-System gebunden waren – weil die Institutionen auch verschwanden. Neu hinzu kam dafür in beiden Landesteilen ein „Wendewortschatz“ als Reaktion auf die politischen Ereignisse: Botschaftsflüchtling, Übersiedlerflut, Wendehals oder Hierbleiber.

Doch das waren temporäre Begriffe, die bald wieder verschwanden. Sprachforscher rechneten 1989 allerdings nicht damit, dass auch Teile des Wortschatzes der DDR-Alltagssprache verloren gehen würden, wenn es dafür im Westen andere Begriffe gab: Supermarkt statt Kaufhalle, Tiefkühlware statt Feinfrost. Aber es passiert einfach. Und sei es, weil sich Ostdeutsche nicht sofort als „Ossis“ outen wollten. Nur eine Handvoll spezifisch ostdeutscher Wörter fand Eingang in die westdeutsche Alltagssprache. Bis in die Gegewart gehören „abnicken“ und „angedacht“ dazu. Dafür eint Ost und West bis heute ein gemeinsames Wörter-Erbe aus der Zeit um und kurz nach 1989, von Mauerfall über Einigungsvertrag bis Stasi-Akte. „Die Wende“ ist Stichwort im Universalwörterbuch geworden.Und auch Berlin habe sich sprachlich verändert, sagt der Soziolinguist Peter Schlobinski. Der Osten berlinere durch viele Zugezogene in den Szene-Kiezen ein bisschen weniger, der Westen dafür ein bisschen mehr. Auch eine Art von Annäherung.

 

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