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Mecklenburg-Vorpommern

27. September 2016 | 02:09 Uhr

Jurij Koch wird 80 : Bin Sorbe, bin Deutscher

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vom Leben der Sorben erzählen viele Werke des Cottbuser Autors Jurij Koch. Zum 80. Geburtstag erscheinen neue Lebenserinnerungen

Kinderbücher, Romane, Lebenserinnerungen: Das literarische Schaffen des Cottbuser Autors Jurij Koch ist vielseitig. Seine Werke verfasst er auf Deutsch und Sorbisch. Koch hat selbst sorbische Wurzeln. Heute wird der Schriftsteller und Journalist 80 Jahre alt.

Ein gepflegtes Wohngrundstück in Cottbus. Im Dachgeschoss des Hauses hat Koch sein Arbeitszimmer. An der Wand hängt ein Porträt von ihm. Überall stehen Bücher, Schwarz-Weiß-Fotos hängen an Wänden und immer wieder sind Bezüge zur sorbischen Sprache und Kultur erkennbar.

Seit Jahrzehnten lebt der Schriftsteller, der auch Theaterstücke verfasst, mit seiner Frau in Cottbus. Das Paar hat zwei Kinder, die zweisprachig aufgewachsen sind, wie der Autor erzählt.

Geboren wurde Koch als Sohn eines Steinbrucharbeiters 1936 im sächsischen Horka in der Oberlausitz. Zuhause wurde Sorbisch gesprochen, die Familie war katholisch. Deutsch lernte er erst in der Schule. Damit eröffnete sich eine weitere Welt für ihn. „Ich bin ja nicht nur Sorbe, ich bin ja auch ein Deutscher. Wir sind mit Goethe, Lessing und Herder aufgewachsen“, betont er und sagt schmunzelnd: „Wir sind nicht irgendwelche Exoten, die mitten in einer deutschen Umgebung leben, mit Ostereiern herumlaufen und wendische Volkslieder singen.“

Erinnerungen an seine Kindheit hat Koch in seinem Werk „Das Feuer im Spiegel“ zusammengefasst, das 2012 erschien. Darin beschreibt er den Zweiten Weltkrieg und die Jahre danach. Es entsteht ein vielschichtiges Alltagsbild dieser Zeit. An einer Stelle heißt es: „In dem Trichter, den die Bombe in einer einzigen Sekunde in den Boden geschlagen hat, sammelt sich nach dem Krieg Regenwasser. Wir baden darin ein Jahr lang und lassen Papierschiffchen von einem zum anderen Ufer schwimmen.“

Koch machte sein Abitur an einer sorbischen Schule in Cottbus. Danach studierte er Publizistik und Theaterwissenschaften in Leipzig. Mit dem Diplom in der Tasche arbeitete er in der DDR als Rundfunkredakteur, seit Mitte der 1970er- Jahre freischaffend. Bereits zu DDR-Zeiten ist er auch als Autor tätig gewesen. In seinem jetzt erschienenen neuesten Werk „Windrad auf dem Dach“, das eine chronologische Weiterführung seiner Lebenserinnerungen ist, beschreibt er seine Studienjahre und sein Arbeiten in Zeiten politischer Zäsur.

Koch hatte demnach auch Kontakt zu einem Stasi-Mitarbeiter, der ihn dazu brachte, einen Deal einzugehen: Er sollte Informationen beschaffen. „Aber schon auf dem Heimweg traktiert mich mein schlechtes Gewissen“, heißt es in dem Buch. Dann versuchte er, so schreibt es Koch, diese „Last“ wieder abzuschütteln, mit Ausreden und Lügen. „Irgendwann wird die Sicherheit die Nase, an der ich sie herumführe, voll haben“, heißt es etwas später.

Koch beschreibt, wie sich der Wind gegen ihn gedreht habe. Als Beispiel nennt er ein Theaterstück, das nach nur kurzer Zeit an DDR-Bühnen wieder abgesetzt wurde. Seine Manuskripte seien heimlich mitgelesen worden. Dass er sich öffentlich gegen die Abbaggerung von Orten für die Braunkohle stark machte und das auch als Schriftsteller aufgriff, habe ihm zudem kein Wohlwollen entgegengebracht.

Sein Werk, das in mehrere Sprachen, z.B. ins Polnische, Spanische, Finnische, Litauische und Russische übersetzt wurde, erstreckt sich über viele Genres. Roman, Erzählung, Novelle und Essay sind darunter. Hinzu kommen viele Kinderbücher. Teilweise wurden seine Werke auch verfilmt. Koch erhielt mehrere Preise.

Auch die Bandbreite seiner Themen ist groß, sie lässt sich nicht auf die sorbische Lebenswelt reduzieren. „Irgendwann spüre ich das Bedürfnis, mich zu äußern“, beschreibt Koch den Prozess des Schreibens. „Es ist das Bedürfnis, zu dem, was mich umgibt, meine Kunst einzusetzen. Das Leben bestimmt die Auswahl der Genres.“ Ob er auf Sorbisch oder auf Deutsch schreibt, mache er auch nach Interesses eines Verlages abhängig.

„Alles, was ich von mir gegeben habe und was gedruckt vor mir liegt, sind meine Kinder“, sagt er schmunzelnd. „Aber so wie das bei Kindern ist: eins ist besser geraten als das andere“, betont er selbstkritisch.

 

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erstellt am 15.Sep.2016 | 08:00 Uhr

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