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Mecklenburg-Vorpommern

01. Oktober 2016 | 14:05 Uhr

Die Mecklenburger Luftrettung : Bei ihnen ist noch nie jemand gestorben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag: Die Johanniter-Luftrettung hebt seit 1993 ab

9 Uhr. Schichtbeginn. Vor Maik Loh und seinem Team liegen 24 Stunden Bereitschaftsdienst. Sobald sein Pieper Alarm schlägt, bleiben ihm nur wenige Minuten. Minuten, in denen er einsatzbereit sein muss. Minuten, die lebensentscheidend sein können. Loh ist Leiter des Sanitätsdienstes der Johanniter. Heute ist er für den Flugdienst eingeteilt. Der Intensivtransport-Hubschrauber „Christoph Rostock“ ruht auf dem Landeplatz hinter dem Rostocker Südstadtklinikum. „Das Wochenende war ruhig“, sagt Loh.

Die Ruhe vor dem Sturm? Zwanzig nach zehn dann der Funkspruch der Leitstelle: Das KMG Klinikum Güstrow muss einen Herzpatienten verlegen lassen. Der 78-Jährige sei am Morgen eingeliefert worden. Die Herzkranzgefäße seien verschlossen, er müsse schleunigst operiert werden. „Wir merken immer wieder, dass die Kliniken im Land an ihre Leistungsgrenzen stoßen. In Güstrow gibt es zwar ein Katheterlabor, aber keine Herzchirurgie. Deshalb wird der Patient nach Rostock gebracht“, erklärt Loh.

„Christoph Rostock“ wird vor allem für Sekundärtransporte eingesetzt. „Das bedeutet, der Patient wurde bereits versorgt und der Transport erfolgt zum Beispiel von einem Krankenhaus in ein anderes“, erklärt Loh, während er auf Dr. Olaf Steinbach wartet. Der Anästhesist vom Klinikum Südstadt ist heute der begleitende Notarzt auf dem Flug nach Güstrow und muss für den Einsatz aus dem OP geholt werden.

Die Abläufe sind routiniert. Jeder kennt seine Aufgaben. Steinbach wirft den weißen Kittel ab und streift sich die rote Sanitätsbekleidung über. „Es kann losgehen.“ Maik Loh nimmt neben dem Piloten Platz. Er ist dazu ausgebildet, die Maschine im Zweifelsfall sicher landen zu können, falls der Pilot unerwartet ausfällt. Dr. Olaf Steinbach sitzt hinten. Die Atmosphäre ist intim, die Gespräche sind privat.


Der einzige Helikopter, der nachts fliegen darf


Die Flugbedingungen sind an diesem Vormittag ideal, die Sicht ist klar. „Wir haben lediglich bei starker Bewölkung Probleme. Liegt die Sichtweite am Tag unter drei Kilometer und in der Nacht unter einem Kilometer, sollten wir nicht starten. Auch bei einer Wolkentiefe von 150 Metern tagsüber und 300 Metern nachts wird es zu gefährlich“, erklärt Uwe Knust. Er ist seit mehr als 40 Jahren Pilot und seit acht Jahren in der Luftrettung. Ob es in all den Jahren schon Mal brenzlig wurde? „Das bleibt nicht aus. Bisher konnten alle Situationen geklärt werden. Es ist noch niemandem etwas passiert.“ Auch nicht den Patienten, die mit „Christoph Rostock“ geflogen sind. „Wir transportieren hier nur Personen, die eine intensivmedizinische Betreuung brauchen. Bei uns ist noch nie jemand gestorben“, sagt Loh. „Und es wurde auch noch kein Kind geboren“, fügt er ein wenig scherzhaft hinzu. „Auch Risikoschwangere werden via Heli verlegt. Am Klinikum Süd gibt es das Perinatalzentrum, wo sie die beste Betreuung erhalten.“ In der Regel dauern die Einsätze zwei bis drei Stunden. In Güstrow übernimmt das Team nach einer kurzen Absprache mit den Ärzten den 78-jährigen Herzpatienten. „Auch das KMG-Klinikum hat einen Heli. Dieser fliegt aber hauptsächlich Primäreinsätze, das heißt, er bringt Patienten vom Unfallort in die Klinik“, erläutert Loh. Darüber hinaus darf der in Güstrow stationierte Hubschrauber nicht in den Abendstunden fliegen. „Christoph Rostock“ ist der einzige Helikopter in ganz Mecklenburg-Vorpommern, der auch nachts unterwegs ist. Nachts meint dabei keine konkrete Uhrzeit, sondern den Einbruch der Dunkelheit. „Ein Drittel aller Einsätze sind in der Nacht“, so Loh.

Dass der Herzpatient aus Güstrow nicht mit einem Intensiv-Rettungswagen nach Rostock gebracht wird, hat mehrere Gründe. Entscheidend sei, dass es nur zwei Intensiv-Rettungswagen in MV gäbe. „In Parchim und in Neubrandenburg. Sie stehen in erster Linie für Primärtransporte bereit. Der Anfahrtsweg ist lang, dauert womöglich mehrere Stunden. Und so lange kann der entsprechende Notarzt nicht aus seinem Gebiet abgezogen werden“, erklärt Dr. Olaf Steinbach. Darüber hinaus sei der Transport via Heli für den Patienten wesentlich komfortabler, da Staus und holprige Straßen überflogen werden könnten.


„Christoph Rostock“ schafft 900 Kilometer


Der Flug in die Rostocker Herzchirurgie dauert zehn Minuten. Pilot Uwe Knust geht auf 400 Meter Höhe. Maik Loh sitzt nun hinten, überwacht gemeinsam mit Dr. Steinbach die Vitalfunktionen des Patienten. Komplikationen gibt es keine. Zeit, um durchzuatmen.

Der weiteste Einsatz führte das Team nach Ulm zwischen Stuttgart und Augsburg. Dass der Rettungshubschrauber „Christoph Rostock“ bis zu 900 Kilometer am Stück zurücklegen kann, sei in diesem Kontext ein Vorteil. „Solche Touren sind allerdings für alle Beteiligten sehr anstrengend – und auch nicht der Regelfall“, betont Loh. Bis nach Berlin ginge es aber schon das eine oder andere Mal. Im Universitätsklinikum Rostock geht alles ganz schnell. Der Patient wird mit einem Rettungswagen vom Helikopterlandeplatz abgeholt und anschließend in die Herzchirurgie gebracht. Nach einer kurzen Besprechung mit dem diensthabenen Arzt, ist der Einsatz für das Team beendet. Nun geht es zurück zum Südstadtklinikum.

„Das Schöne am Helikopter ist, dass ich nur so schnell zu fliegen brauche, wie ich auch gucken kann. Der Heli kann auch mal in der Luft stehen. Das ist beim Flugzeug anders“, erklärt Uwe Knust. Die Piloten, die am Steuerknüppel von „Christoph Rostock“ sitzen, werden von der Rotorflug GmbH gechartert. Auch die Wartung des Hubschraubers wird von der Firma übernommen. Morgens und abends wird der Heli durchgecheckt. Einmal im Jahr wird zudem eine aufwendige Wartung der Elektronik durchgeführt, bei der auch mögliche Beanstandungen behoben werden.

Nachdem Uwe Knust die Parkposition eingenommen hat, sendet er der Leitstelle ein Signal: „Christoph Rostock“ ist wieder frei und das Team bereit, weitere Leben zu retten.

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erstellt am 09.Jan.2016 | 16:00 Uhr

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