zur Navigation springen

Mecklenburg-Vorpommern

27. Juli 2016 | 07:44 Uhr

Prozessbericht : Autobahn-Entführer entschuldigt sich

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Frau aus Karstädt berichtet vor Gericht über die Minuten, in der sie in der Gewalt des Mannes war

Es waren wohl die längsten fünf Minuten in ihrem bisherigen Leben. Was während dieser Zeit geschah, ist immer noch so präsent in ihrem Kopf, als ob es erst gestern passiert ist.

„Ich wusste, ich habe nur eine Chance, wenn ich hier herauskomme“, sagte die 44-jährige Frau aus Karstädt gestern vor dem Landgericht Schwerin. Sie war am 1. Juli auf der Autobahn hinter Bandenitz von einem Mann überfallen und zu einer rasenden Fahrt nach Wittenburg gezwungen worden.

Der 36 Jahre alte Pole steht unter anderem wegen eines räuberischen Angriffs auf eine Kraftfahrerin vor Gericht. Am ersten Prozesstag vor einer Woche hatte er den Richtern dafür eine abenteuerliche Erklärung präsentiert. Er habe sich seit Stunden von immer wieder wechselnden Autos verfolgt gefühlt.

Für sein Opfer begann dieser sonnige Tag morgens gegen sieben Uhr mit der Fahrt zur Arbeit, als sie zwei Männer wild gestikulierend über die Mittelleitplanke springen sah. Arglos hielt sie auf dem Seitenstreifen an. „Ich dachte, da ist auf der anderen Fahrbahn ein Unfall passiert, da muss ich jetzt helfen.“ Aber es baute sich einer der beiden vor ihrem Wagen auf. Er hielt etwas Schwarzes in der Hand, was die Karstädterin für eine Waffe hielt. „In Panik suchte ich den Knopf für die Zentralverriegelung. Aber ich fand ihn nicht“, berichtete die Frau anfangs noch mit fester Stimme. Aber je mehr Details sie schilderte, desto mehr Tränen flossen ihr über die Wangen.

Im nächsten Moment saß der Mann auf dem Beifahrersitz und schrie sie in gebrochenem Deutsch an, schnell weiter zu fahren. Dabei hielt er einen Elektroschocker auf sie gerichtet. Er griff ihr ins Lenkrad und steuerte den Wagen auf die Überholspur. Ständig schaute er sich nach hinten um, wodurch der Wagen ins Schlingern geriet. „Er wirkte fahrig und gehetzt, fast schon panisch“, berichtete die Zeugin. „Ich hatte den Eindruck, er fühlte sich verfolgt.“

Sie sagte ihm, dass sie Angst hatte. An der Ausfahrt in Wittenburg ließ er sie aussteigen und fuhr Richtung Gadebusch davon, wo er Stunden später von der Polizei aufgespürt wurde. Ihr Auto bekam die Frau bald zurück. Wenig später hat sie es ausgetauscht. „Ich konnte in diesem Wagen nicht mehr unterwegs sein.“

Der Angeklagte reagierte umgehend mit einer Entschuldigung „in aller Form“. Er habe ihr nichts antun wollen. Der Pole bedankte sich sogar.

„Sie waren die Einzige, die angehalten und mir geholfen hat“, seine mutmaßlichen Verfolger los zu werden. Auch wenn er einmal zugab, sich in einem Detail aus heutiger Sicht geirrt zu haben, blieb der Mann bei seiner Darstellung, er sei, seit er am vorangegangenen Abend von Bremen zurück nach Polen fahren wollte, verfolgt worden. Er habe sich sogar mehrfach im Wald versteckt, um etwaige Verfolger abzuschütteln.

Im Westen Mecklenburgs fuhr er selbst mit einem platten Reifen weiter und wähnte in fast jedem Wagen, der ihm nahe kam, Menschen, die ihm Böses wollten. Kurz bevor sein Auto endgültig streikte, warfen sein Begleiter und er das Navi, Handys und das Autoradio aus dem Fenster, um Verfolger auf Distanz zu halten.

Ein Gutachter soll nun klären, ob der Angeklagte schuldfähig ist.

zur Startseite

von
erstellt am 27.Jan.2016 | 21:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen