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Mecklenburg-Vorpommern

24. Mai 2016 | 15:44 Uhr

DDR-Heimerziehung : Aus Fürsorge ins Kinderheim?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Beratungsstelle „Heimerziehung in der DDR“ betreut knapp 4000 Betroffene aus MV / Zehn zusätzliche Berater eingestellt

Es sind Schicksale, die betroffen machen. Zum Beispiel das einer 31-Jährigen, die 1951 aus politischen Gründen inhaftiert wurde. Angeblich war sie eine Schmugglerin, tatsächlich brachte sie von Besuchen bei ihrer in München lebenden Mutter lebensnotwendige Dinge mit in die DDR. Nachdem die Rostockerin inhaftiert wurde, kamen ihre damals sechs, acht und zehn Jahre alten Töchter ins Heim. Dort mussten sie bleiben, bis sie volljährig waren – obwohl die Mutter schon 1953 wieder entlassen wurde.

Nach der Wende wurde die Mutter strafrechtlich rehabilitiert. 2009 beantragte dies auch die älteste Tochter, die ihre Heimeinweisung als politisch motiviert ansah. Doch ihr Antrag wurde abgelehnt. Daraufhin wandte sie sich an die Landesbeauftragte für die Unterlagen der Staatssicherheit – und deren Team trug mit dazu bei, dass die Frau im Februar 2015 tatsächlich voll rehabilitiert wurde.

„Für ihre Mutter, die ihr Leben lang unter der Situation gelitten hatte, kam das Urteil aber zu spät. Sie starb vier Monate vorher“, so die Landesbeauftragte Anne Drescher gestern in Schwerin bei der Vorstellung ihrer Jahresbilanz 2015. Die Beratung ehemaliger DDR-Heimkinder macht demnach einen Großteil der Arbeit der Behörde aus, die im vergangenen Jahr von 1257 Personen konsultiert wurde.

Knapp 4000 Frauen und Männer hatten in MV bis zum Stichtag 30. September 2014 Leistungen aus dem Fonds Heimerziehung beantragt, so der Leiter der bei der Stasiunterlagen-Behörde angesiedelten Anlauf- und Beratungsstelle „Heimerziehung in der DDR“, Burkhard Bley. Auch später hätten sich noch rund 150 Betroffene gemeldet. Ihnen könne zwar nicht mehr finanziell unter die Arme gegriffen werden, wohl aber durch Hilfe bei der Klärung und Bewältigung ihres Schicksals.

Die Beratungsstelle selbst sei im letzten Jahr personell von drei auf dreizehn Mitarbeiter aufgestockt worden, so Bley. Ziel ist es, alle Antragsteller bis zum 30. September 2017 zu beraten. Bis Ende 2018 soll die Arbeit des Fonds abgeschlossen sein.

Derzeit, so Anne Drescher, seien bereits 13 Prozent der Anträge abschließend bearbeitet. Pro Betroffenen stünden maximal 10 000 Euro zur Verfügung. Wichtiger als materielle Unterstützung sei den meisten aber, dass ihre Stigmatisierung aufgehoben werde – und dass ihnen endlich einmal jemand zuhöre. Auch für die Mitarbeiter der Beratungsstelle sei dies „ein hartes Stück Arbeit“, das nur mit ständiger Supervision zu bewältigen sei.

Erkenntnisse aus den Gesprächen mit ehemaligen Heimkindern fließen in Forschungsprojekte und Publikationen der Behörde ein, so Anne Drescher. Und sie sollen dabei helfen, auch die Ansprüche weiterer Betroffener durchzusetzen. So bekam zwar im eingangs geschilderten Fall ein ehemaliges DDR-Heimkind seine strafrechtliche Rehabilitierung. Mittlerweile, so Anne Drescher, habe der Bundesgerichtshof aber entschieden, dass dies nur Einzelfälle betreffen könne. Im Regelfall seien Heimeinweisungen von Kindern politisch Inhaftierter selbst nicht politisch motiviert gewesen. Die DDR-Jugendhilfe sei ganz einfach ihrer Fürsorgepflicht für diese Mädchen und Jungen nachgekommen. Eine Begründung, über die die Landesbeauftragte nur ungläubig mit dem Kopf schütteln kann.

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erstellt am 30.Jan.2016 | 16:00 Uhr

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