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Mecklenburg-Vorpommern

09. Dezember 2016 | 08:50 Uhr

Blutspende-Verbot in der Kritik : „Auch Homos können Leben retten“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schwule wollen Blut spenden, dürfen aber nicht: Neu gegründete Initiative für MV fordert Änderung des Transfusionsgesetzes

Paul Ruback ist wütend. „In Mecklenburg-Vorpommern wird Blut gebraucht und ich darf nicht helfen. Und das nur, weil ich schwul bin.“ Männer, die Sex mit Männern haben oder einmal hatten, dürfen in Deutschland kein Blut spenden. Das regelt das Transfusionsgesetz. Die Richtlinien wurden festgelegt durch die Bundesärztekammer und das Paul-Ehrlich-Institut. „Das Gesetz ist von 1998 und veraltet“, findet Ruback. Deshalb hat er für MV eine Initiative gestartet, die Druck auf die Politik ausüben will. „Eine Änderung muss kommen“, betont der 26-Jährige, der mit seiner Meinung nicht alleine steht. Auch die Deutsche Aids Hilfe prangerte in der Vergangenheit einen Ausschluss schwuler und bisexueller Männer von der Blutspende an und betonte außerdem, dass das Verbot von Knochenmark- und Stammzellenspenden umgehend aufgehoben werden sollte. „Der dauerhafte Ausschluss ist nicht mehr zeitgemäß“, erklärt die Organisation.

In Deutschland leben derzeit rund 80 000 HIV-Infizierte, von denen laut Schätzungen des Robert-Koch-Instituts 600 in MV zu Hause sind. Jedes Jahr gäbe es rund 3500 Neudiagnosen. „Wie viele tatsächlich den Virus in sich tragen, lässt sich aber nicht genau verifizieren“, sagt Sexualpädagoge Tom Scheel vom Centrum sexueller Gesundheit in Rostock und Neubrandenburg. Eine aktuelle Studie der Deutschen Aids-Gesellschaft besagt, dass jeder sechste Infizierte von seiner Erkrankung nichts weiß. „Mehr als die Hälfte der HIV-Neuinfektionen sind auf Männer zurückzuführen, die mit Männern Sex haben, also auf sogenannte MSM.“ Das Robert-Koch-Institut spricht in Deutschland von 72 Prozent. Zudem sei eine andere Geschlechtskrankheit auf dem Vormarsch: Seit 2010 steigt die Zahl der Syphilis-Neuinfektionen. Das Blut von Spendern wird auch auf diese Bakterien untersucht. „Die meisten Krankheiten sind gut im Griff, man stirbt nicht daran“, erklärt Tom Scheel. Das führe allerdings zu einem leichtsinnigen Umgang mit Verhütung. „Die meisten denken sich, ich kenne doch die Menschen, mit denen ich schlafe. Also verzichten sie auf Kondome.“

Wie viele Bewohner Deutschlands tatsächlich homosexuell, bisexuell oder transgeschlechtlich sind, ist nicht messbar. „Es gibt Erhebungen, die sprechen von drei bis fünf Prozent. Diese Zahlen sind aber nur noch im ländlichen Raum realistisch“, sagt Eckhard Brickenkamp vom Verein Rat und Tat aus Rostock. Er vermutet einen Anteil von zehn bis zwölf Prozent in Städten mit einer Größenordnung wie Rostock und 20 Prozent in Metropolen wie Berlin. Weil Sexualität etwas sehr Individuelles und Privates ist, werde es nie genaue Zahlen geben. „Es gibt viele Schwule, die Blut und Plasma spenden. Sie verschweigen ihre Homosexualität“, da ist sich Eckhard Brickenkamp sicher. Grundlage ist die Beantwortung eines Fragebogens vor der Spende, der „freiwillige Selbstausschluss“. Ist das Kreuz falsch gesetzt und es kommt zu einer Ansteckung, drohen ein Bußgeld oder eine Haftstrafe. Schließlich wird auch bei Bluttests ein kleiner Teil HIV-infizierter Spenden nicht erkannt. Grund ist die Inkubationszeit. Nach der Infektion dauert es mindestens sechs Wochen, bis das HI-Virus nachweisbar ist.

Zu den schwulen Spendern gehört auch Initiativgründer Paul Ruback. „Wenn wir Blut spenden, wollen wir niemandem verletzen.“ Er selbst sei bereits auf Konserven angewiesen gewesen, verbrachte den Sommer 2008 im Krankenhaus. „Auch Homos können Leben retten“, versichert er. „Ich habe die Blutgruppe 0 Rhesus negativ. Diese kommt nur bei sechs Prozent der Bevölkerung in Deutschland vor, kann aber allen Empfängern gegeben werden.“

2015 urteilte der Europäische Gerichtshof, dass ein Ausschluss Homosexueller von der Spende rechtens sein kann, wenn ein hohes Übertragungsrisiko vorliegt. „Diese Einschätzung darf aber nicht auf Vorurteilen beruhen“, betont Ruback, der sich diskriminiert fühlt. Er klagt an, dass auch viele Heterosexuelle die Anzahl ihrer Sexualpartner bei Blutspenden verschweigen.

Die deutsche Ärztekammer hält den Diskriminierungsgedanken für überzogen: Besondere Aufmerksamkeit gelte allen Spendewilligen, die ein ungewöhnliches Sexualverhalten an den Tag legen – zum Beispiel Prostituierte. „Es ist unstrittig, dass ein risikobehaftetes Sexualverhalten, unabhängig von der sexuellen Orientierung, Auswirkungen auf die Virussichererheit der hergestellten Blutprodukte haben kann“, sagt Samir Rabbata, Sprecher der Deutschen Ärztekammer. Man wolle niemanden benachteiligen. „Der Blutspendeausschluss war und ist Gegenstand einer internationalen Diskussion“, erklärt Rabbata und verweist auf die 2012 definierten Regelungsoptionen zum Blutspende-Ausschluss bzw. zur Rückstellung von Personen mit risikobehaftetem Sexualverhalten. „Demnach wäre aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht eine zeitliche Zurückstellung von der Blutspende, abhängig vom letzten Zeitpunkt des Risikoverhaltens möglich“, erklärt er. Allerdings gäbe es dafür bisher keine einheitlichen rechtlichen Rahmenbedingungen, weshalb an alten Strukturen festgehalten wird.

Der Weg zur Gesetzesänderung sei Aufklärung, sagt Paul Ruback. Geplant sind Petitionen, Podiumsdiskussionen, Vorträge, Aktionstage und Straßenkampagnen. „Die Blutspende-Diskussion ist nicht die einzige Baustelle, auf der wir zurzeit unterwegs sind“, ergänzt Eckhard Brickenkamp. Hass und der Aufruf zur Gewalt seien wieder Mode. Brickenkamp weiß von Übergriffen, die nicht angezeigt wurden, weil die Betroffenen Angst haben. „In Berlin und Potsdam gibt es einen speziellen Ansprechpartner für Homosexuelle bei der Polizei. MV würde das auch gut tun.“

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erstellt am 04.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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