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Mecklenburg-Vorpommern

03. Dezember 2016 | 03:27 Uhr

Zwischen Neugier und skeptischen Blicken : Als die Bundeswehr in den Osten marschierte

vom
Aus der Onlineredaktion

1991 zogen erstmals Bundeswehrsoldaten nach Ostdeutschland – Fotoausstellung hält Atmosphäre in Gudow-Zarrentin und Retschow bei Bad Doberan fest

Ein schrottreifer Wartburg mit platten Reifen und eingeschlagenen Fensterscheiben. Auf dem Dach stützt sich lässig ein Bundeswehrsoldat ab, vor ihm sein Maschinengewehr. Sein Blick schweift über das verlassene Gelände der Grenzkontrollstelle Gudow-Zarrentin. Wo bis 1989 täglich Tausende Fahrzeuge auf der Transitstrecke zwischen Hamburg und Berlin abgefertigt wurden, herrscht zwei Jahre später gähnende Leere.

Eingefangen hat die manchmal gespenstisch wirkende Atmosphäre der Journalist Klaus Frieling, der mit seiner Fotokamera 1991 dabei war, als die erste Bundeswehreinheit sich mit 40 Lastwagen und Begleitfahrzeugen für eine Übung nach Ostdeutschland aufmachte. 136 Soldaten des Transportbataillons 610 aus Heide in Schleswig-Holstein bezogen Quartier in Retschow bei Bad Doberan – 25 Jahre später zeigt Frieling erstmals einige der damals entstandenen Aufnahmen in der Ausstellung „Der Schuss, der nie fiel“ des Bomann-Museums in Celle.

Die Ausstellung ist bis zum  7. November  im Bomann-Museum in Celle zu sehen. Geöffnet hat die Schau  mittwochs bis montags in der Zeit von  10.30 bis 16.30 Uhr.

Auf den ersten Blick eine einseitige Ausstellung – den Westsoldaten fehlt auf den Schwarz-Weiß-Fotos häufig das Gegenüber. Eine Übergabe der Grenz- und Militäranlagen durch Soldaten der Nationalen Volksarmee war nicht möglich – die NVA wurde mit dem Tag der Vereinigung am 3. Oktober 1990 aufgelöst. Und so fallen neben verlassenen Ostfahrzeugen und zerstörten Abfertigungsanlagen in Zarrentin vor allem von weitem zu sehende Aufschriften über Flachdachbauten wie „Tierarzt“ oder „Fotokiosk“ ins Auge – einst ein Service für die westlichen Reisenden. Bilder aus einem untergegangenen Land, in dem die neuen Beschützer erst noch ihren Platz finden müssen. Die Soldaten aus Heide lächeln auf den Bildern häufig ein wenig unsicher. Es scheint, als ob sie sich fragen „Was soll ich hier eigentlich?“

Vermutlich dürfte die Wirkung der Bilder kurz nach der Vereinigung eine andere gewesen sein. Noch in frischer Erinnerung waren die DDR-Grenzer in Uniform und die Beklemmung, die sie bei den Reisenden durch ihr zackiges Auftreten auslösten – mit diesen Bildern im Kopf kann der Betrachter beim Anblick von Frielings Motiven tief durchatmen und sich über das Ende dieser Grenze freuen.

Die Aufnahmen aus dem 200-Einwohner-Dorf Retschow, einst NVA-Standort mit modernster Luftverteidigungstechnik, beziehen ihren Reiz aus dem Aufeinandertreffen der Bürger in Uniform West mit Neu-Bürgern Ost. Letztere trauen sich allerdings kaum auf die Straße – es sind vor allem die Retschower Kinder, die die ersten Kontakte aufnehmen, aus sicherer Entfernung einen Blick auf die in Reih und Glied aufgestellten Bundeswehrsoldaten wagen oder sich aus nächster Nähe von einem jungen Wehrpflichtigen ein Maschinengewehr vorführen lassen. Aus ihren Gesichtern spricht Interesse und freudige Aufregung – ganz im Gegensatz zu den kritischen und distanzierten Blicken, mit denen am Bahnhof Bad Doberan Erwachsene auf die Uniformierten schauen. Und auch der Gesichtsausdruck der so Gemusterten offenbart Unsicherheit darüber, ob man hier wirklich willkommen ist.

Ausstellungskuratorin Hilke Langhammer erinnerte zur Ausstellungseröffnung an die Hintergründe für die oft ablehnende Stimmung, mit der die Bundeswehr im Osten nach der Wende empfangen wurde. In Retschow hatte man auf die Bundeswehr als künftigen großen Arbeitgeber in einer strukturschwachen Region gehofft – daraus wurde nichts. 1990 zählte die NVA 137 000 uniformierte und zivile Personen – nur 9000 ehemalige NVA-Soldaten wurden in die Bundeswehr übernommen, oftmals im Dienstrang zurückgestuft und für 60 Prozent des im Westen üblichen Verdienstes.

Mindestens ebenso groß wie die Enttäuschung über geplatzte Zukunftshoffnungen war bei vielen ostdeutschen Armeeangehörigen der Frust über ihre bisherige Dienstzeit. Langhammer zitierte einen ehemaligen Oberstleutnant, der zu DDR-Zeiten ständig am Wochenende in der Kaserne war – die Einsatzbereitschaft der NVA am Wochenende lag bei 85 Prozent: „Als wir nach der Wende dann hörten, dass die Bundeswehr nur eine ganz geringe Bereitschaft gehabt hat, haben wir uns wirklich hintergangen und missbraucht gefühlt. Heute ist mir vollkommen klar, dass alles überflüssig war, aber damit muss man erst einmal klarkommen. Der persönliche Einsatz, die Opfer unserer Frauen und Kinder – alles vergeblich und umsonst.“

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erstellt am 06.Okt.2016 | 12:00 Uhr

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