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Mecklenburg-Vorpommern

30. August 2016 | 13:02 Uhr

Orgelbauer aus Plau : Alle Register ziehen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Orgelbauwerkstatt in Plau am See blickt auf 50 Jahre zurück. Derzeit wird die Orgel der Bützower Kirche erneuert

Kräftig bläst Andreas Arnold in eine riesige Holzpfeife und entlockt ihr einen warmen dunklen Ton. „Eine halbe Oktave zu hoch“, urteilt der Orgelbaumeister. „Das liegt an den vielen Löchern vom Holzwurm.“ Die Pfeife gehört zur 150 Jahre alten Orgel der Kirche Bützow. Das von Johann Friedrich Winzer (1811-1886) gebaute Instrument war Mitte der 1980er- Jahre durch randalierende Jugendliche nahezu zerstört worden. Ein Tornado, der Mai 2015 in der Kleinstadt wütete, erledigte den Rest. Jetzt holte Arnold das Instrument in seine Werkstatt in Plau am See, um es bis Ostern wieder aufzubauen.

Gegründet 1966 von Wolfgang Nußbücker, Arnolds Schwiegervater, hat der Betrieb bisher mehr als 150 Orgeln restauriert oder neu gebaut. Zeitweise waren bis zu 15 Mitarbeiter beschäftigt, derzeit sind es noch sechs, darunter Nußbückers Tochter Ruth und deren Mann Andreas Arnold. Der heute 51-Jährige übernahm 1999 das Zepter im Plauer Unternehmen, das zu den nördlichsten seiner Zunft in Deutschland gehört.

Kirchen hätten derzeit oft nur wenig Geld für Neubauten oder das Restaurieren ihrer Instrumente, bedauert Arnold. In vielen Sakralgebäuden vor allem auf dem Lande gebe es wertvolle Orgeln, die teils seit Jahrzehnten nicht mehr gereinigt wurden oder mittlerweile gänzlich unbespielbar seien.

In der Bundesrepublik haben Orgelbauer wie auch Kirchenmusiker derzeit keinen leichten Stand. „Die Kirchen leiden unter einem anhaltenden Mitgliederschwund, die meisten sind deshalb zögerlicher geworden, Geld für Großprojekte auszugeben“, sagt Thomas Jann, Vorsitzender des Bundes Deutscher Orgelbaumeister.

Zugleich sei die Zahl der Werkstätten in den letzten 20 Jahren bundesweit von 250 auf über 400 gewachsen, jede vierte davon sei Mitglied im Orgelbauer-Bund, erklärt der Vorsitzende. Grund für den Anstieg der Firmenzahlen sei der Wegfall des Meisterzwangs für Orgelbauer und eine regelrechte Gründungswelle für Ein-Mann-Betriebe. Besonders viele Unternehmen gebe es in Süddeutschland, nur ganz wenige hingegen im Norden.

Der Bundesverband sieht eine Aufgabe darin, die Tradition der von Mozart um 1777 als „Königin aller Instrumente“ bezeichneten Orgel wachzuhalten. „Wir müssen sie von ihrem angestaubten Image befreien“, betont Jann. „Die Orgel gehört zum Kulturgut der Menschheit.“ Sie sei das größte und vielfältigste Instrument, das beinahe wie ein Orchester mit Hunderten Pfeifen und Tasten Musik in allen Richtungen und Klangfarben hervorbringt. „Jazz, Rock, Pop, Reggae, alles geht.“ Viele Orgelbauer tüfteln heute an einer Modernisierung des uralten Musikinstrumentes. Zugleich könnten Organisten von ihrer Spielkunst kaum mehr leben, reihenweise würden Stellen für Kirchenmusiker gestrichen, sagt Jann.

Dabei sei die um 250 v. Chr. in Griechenland erfundene Orgel lange Zeit ein weltliches Instrument und rein zum Vergnügen in vielen Bürgerhäusern zu finden gewesen. Die „Königin der Instrumente“ hielt erst im 10. Jahrhundert in Mitteleuropa Einzug in die Kirchen, erfuhr aber in Architektur, Frequenzbereich und klanglicher Vielfalt eine stete Weiterentwicklung.

In der Mecklenburger Werkstatt ölt Tischler Bernd Leppin Klaviaturrahmen und Pedaltasten der Bützower Winzer-Orgel mit frischem Firnis. Meister Arnold beult unterdessen die metallenen „Prospektpfeifen“, die in vorderer Reihe der Orgel sichtbar sind, Zentimeter für Zentimeter aus. Sie gehören zu den letzten ihrer Bauzeit in Deutschland, denn im Ersten Weltkrieg waren die meisten der aus Zinn-Blei-Legierungen bestehenden Orgelpfeifen eingeschmolzen worden, wie Friedrich Drese, Leiter des Mecklenburgischen Orgelmuseums Malchow, sagt.

Knicke, Brüche und Löcher der einst von den Einbrechern in der Bützower Kirche völlig demolierten Prospektpfeifen müssen nun mühevoll repariert werden, erklärt Drese. Der Kantor und Orgelbauer ist für das Projekt als Sachverständiger bestellt worden. „Da ist viel Arbeit nötig, um den alten Klang wieder hinzubekommen.“  

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