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Brandenburg

30. September 2016 | 03:31 Uhr

DDR-Historie in Gefahr : Wandlitz droht das Vergessen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Waldsiedlung beherbergte einst die DDR-Führung. Vom Originalzustand ist wenig erhalten geblieben

Wandlitz ist als geheimnisumwitterte Siedlung für Ulbricht, Honecker und Co. bekannt. Ein Vierteljahrhundert, nachdem sich die Tore zur Waldsiedlung erstmals für die Öffentlichkeit auftaten, ist vom Originalzustand wenig zu besichtigen. Einen Bestandsschutz gibt es nicht.
Zwei Dutzend Wohnhäuser für die Mitglieder des Politbüros der SED, der Funktionärsclub samt Laden und Außenstelle des Regierungskrankenhauses, der Tennisplatz – das alles bildete den Inneren Ring, durch eine Mauer abgeschirmt, im Wald bei Bernau versteckt und umgeben von Wach- und Servicepersonal.

Die „DDR-Bonzensiedlung“, wie sie im Westen des Landes hieß, war seit ihrem Bezug 1960 bis zur Wende ein geheimnisumwitterter Ort. Heute wandert der Besucher ungehindert durch eine parkähnliche Landschaft. Ein großer Klinikneubau prägt den Charakter, die Häuser, in denen die SED-Führungselite einst lebte, werden unter anderem von der Kindernachsorgeklinik Bernau genutzt.

Wolf-Dieter Setz hatte sich Ende der 90er-Jahre im Rahmen eines ABM-Projektes mit der Geschichte der Waldsiedlung befasst. Heute teilt er sein Wissen mit Besuchern. Er weist auf die rötlichen Porphyrsockel an den Wohnhäusern, an Terrassen, Brunneneinfassungen und am einstigen Club hin. Sie sind im Original erhalten geblieben. Der DDR-Putz ist verschwunden, ebenso die grauen Dachsteine, an deren Stelle rote Ziegel durch die Bäume schimmern.

Die geschmiedeten Gitter an den Fenstern sind nicht mehr vorhanden, ebenso die mannshohen Hecken, mit denen sich die Spitzengenossen vor gegenseitigen Einblicken schützten. Bis vor einigen Jahren war eines der Häuser noch zu besichtigen, berichtet Setz. Im Barnimpanorama, dem Museum in Wandlitz, versucht eine kleine Sonderausstellung, etwas über die Entstehung der Siedlung und das Zusammenleben der Familien und des Servicepersonals (1960 noch 140 Personen, 1989 schon 650) zu vermitteln.

Von einigen der einstigen Bewohner ist dort zu lesen, dass unter Walter Ulbricht das Gemeinschaftsleben großgeschrieben wurde – Kulturveranstaltungen im Funktionärsclub, gemeinsames Essen im Restaurant. Mit Honecker änderte sich das Klima, und die Politbüro-Mitglieder versuchten immer mehr, auf ihre Datschen zu entfliehen. Ausziehen konnten sie nicht.

Die Schwimmhalle ist verwaist, man sieht das Becken durch die Scheiben. Der Funktionärsklub wurde umgebaut, für die Rehabilitanten gibt es heute ein neues moderneres Becken auf der anderen Seite des Gebäudes. Was aus dem alten wird? Schwer zu sagen. Der Denkmalschutz hat keinerlei Auflagen erlassen, sagt Setz.

Das Landesdenkmalamt bestätigt dies. Dezernatsleiter Ralph Paschke erklärt, dass 1991 das erste Mal vor Ort geprüft wurde, ob eine Unterschutzstellung angezeigt sei. Aber es hätten damals schon die Mauern rundherum gefehlt, der ursprüngliche Charakter war also schon verändert, man nahm Abstand davon, einen Schutzstatus zu verhängen.

Paul Bergner beschäftigt sich seit der Wende mit der Waldsiedlung, hat Bücher und Broschüren dazu geschrieben. 1991 wandte er sich an den damaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe mit der Idee, Teile der Anlage zu erhalten, eventuell ein Museum einzurichten.

In der Antwort des Kultusministeriums vom 9. Oktober 1990 wird darauf verwiesen, dass damit die Gefahr verbunden sei, „ein Denkmal für eine nicht der Ehrung werte Personengruppe zu schaffen“.

Auch im Landesdenkmalamt klingt an, dass man keinen Wallfahrtsort für Ostalgiker befördern wollte. Paschke erinnert sich, dass sein Amt Anfang der 90er-Jahre in die Schusslinie geriet, weil man einen Grenzturm bei Dreilinden und den benachbarten Panzersockel unter Schutz stellte. Der Zeitgeist wollte das Alte einfach überwinden.

Seitens des Kulturministeriums wirbt man heute um Verständnis für das Agieren des Denkmalamtes: Die Behörde war damals noch im Aufbau, und es galt vor allem, schnell diejenigen Gebäude wie die Herrenhäuser zu retten, die von der DDR systematisch vernachlässigt wurden, so ein Sprecher des Hauses. Heute hingegen ist es selbstverständlich, DDR-Bauten unter dem Denkmalaspekt zu bewerten.

Und die Waldsiedlung? 2010, so Paschke, habe man sich das Gelände noch einmal angesehen. Da fehlten jedoch schon die Skulpturen auf dem Gelände. Noch mehr Veränderungen, weniger Originalbestand – kein Schutzstatus.

Die Skulpturen hat die Stadt Bernau restaurieren lassen. Hochwertige Kunst, da sind sich die Experten einig. Einige sind auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Der Rest ist in einer Galerie in der Bernauer Innenstadt zu sehen. Wenn der Zustand von 1991 noch vorhanden wäre, dann würde man die Denkmalwürdigkeit sicher prüfen, räumt Paschke ein.

Spricht man Kulturpolitiker im Landtag zum Thema Waldsiedlung an, stößt man auf Kopfschütteln. „Sie müssen sich irren, irgendetwas ist da sicherlich geschützt“, sagt Anja Heinrich (CDU). Auch Gerrit Große (Linke) und die lokale SPD-Abgeordnete Britta Müller zeigen sich zunächst ungläubig. Im Kulturausschuss hat das Thema nie eine Rolle gespielt. Aber es bestehe auf jeden Fall Gesprächsbedarf, versichern die angesprochenen Politikerinnen.

Ulrich Thiessen

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