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Brandenburg

04. Dezember 2016 | 17:20 Uhr

Eisenbahn suchte kulturelle Nutzung : Theater im Bahnhofsgebäude

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Kultur-Wagnis vor den Toren Berlins: Schauspieler-Ehepaar bietet in Wandlitzsee kleine, feine Inszenierungen mit Wohnzimmer-Atmosphäre

Sascha Gluth und Julia Horvath haben schon auf vielen Bühnen und vor zahlreichen Film- oder Fernsehkameras gestanden. Er war lange Jahre Titelheld der Störtebeker-Festspiele auf Rügen und seine Frau wirkte in Fernsehserien wie auch Telenovelas mit. Die Engagements bedeuteten für die beiden freiberuflichen Schauspieler ein rastloses Leben, geprägt von der ständigen Suche nach neuer Beschäftigung.

Wenn sie sich jetzt mit einem eigenen Theater im Brandenburgischen niedergelassen haben, waren dafür zunächst ganz pragmatische Gründe ausschlaggebend. „Wir haben zwei kleine Töchter, zogen vor Jahren von Berlin in ein Haus in der Nähe von Wandlitz“, erzählt die gebürtige Österreicherin Horvath. Zudem seien beide Künstler „Alphatiere“, die sich nicht gern unterordneten. So wuchs der Wunsch, sich auch beruflich etwas Eigenes zu schaffen.

In der ersten Etage des denkmalgeschützten Bahnhofes Wandlitz-See eröffnete das Paar vor wenigen Wochen sein TaW, das „Theater am Wandlitzsee“ mit 100 Plätzen. Freitags gibt es Konzerte, samstags Schauspiel und sonntags Kindertheater. Die frischgebackenen Betreiber stehen nicht nur selbst auf der Bühne, sondern nutzen auch ihre zahlreichen Kontakte in der Künstlerszene. „Mit der Heidekrautbahn, die direkt vor unseren Fenstern hält, ist man in einer halben Stunde bei uns“, wirbt Gluth.

Zuvor war in den Räumen die Gemeindebibliothek untergebracht, die inzwischen in einen Neubau umzog. Die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB), Eigentümerin der 1928 erbauten Bahnhofs-Immobilie, suchte nach einer neuen kulturellen Nutzung, wie Prokurist Sven Tombrink erzählt. „Die Chemie passte, wir brauchten keine neue Baugenehmigung vom Landkreis und ich bin zuversichtlich, dass die Sache funktionieren kann.“ Zwar gibt es bisher nur an drei Tagen Vorstellungen im TaW, doch während der Woche werden die Räume für Kinderballett- und -theater sowie von einer Musikschule als Untermieter genutzt. „Wir suchten eine Freizeitbeschäftigung für die eigenen Töchter und staunen über die Resonanz bei anderen Eltern“, erzählt Horvath, die zudem die Künstler bucht und sich um den Kartenverkauf kümmert. Ihr Mann ist für das Marketing zuständig.

Die wöchentlichen Veranstaltungen auf der kleinen Bahnhofsbühne sind bisher gut besucht – trotz der nahen, prallen Berliner Theaterszene. „Aufgrund des Überangebots sind die ein volles Haus gar nicht gewöhnt. Hier draußen im Brandenburgischen sind Kulturangebote überschaubar. Deshalb kommen die Leute gern zu uns“, hat Gluth beobachtet. Wer einmal im TaW aufgetreten sei, werde zum „Wiederholungstäter“. Der Barnim boome, viele Familien mit Kindern zögen aus der Großstadt ins Grüne. „Die wollen am Wochenende Kultur genießen und dafür nicht erst nach Berlin fahren“, ergänzt Horvath. Kollegen wie die Schauspieler Ursula Karusseit und Herbert Köfer oder die Sängerinnen Angelika Mann oder Angelika Weiz waren schon da oder treten demnächst im TaW auf.

Die frischgebackenen Theatermacher genießen es, auf ihrer eigenen Bühne zu stehen – in kleinen, feinen Inszenierungen, die Wohnzimmer-Atmosphäre verbreiteten. Der 46-jährige Schauspieler präsentiert in „Whiskey und andere irische Lebensläufe“ beispielsweise groteske Geschichten aus Irland, Horvath schlüpft in „Marlene Unplugged“ in die Rolle von Marlene Dietrich. Das seien „Glücksmomente“ nach Umbau-Stress und Finanzaktionen, sagen beide. „Hätten wir auf Fördermittel oder sonstige finanzielle Hilfe gewartet, säßen wir noch immer vor leeren Räumen“, meint Gluth.

Einige zehntausend Euro hätten sie investiert, viel tatkräftige Unterstützung von Freunden und auch der NEB bekommen, die ihnen unter anderem den großen Tresen aus einer einstigen Dorfkneipe für den gemütlichen Theater-Vorraum vermittelte. Der Vorraum wird in der Adventszeit auch für Weihnachtsfeiern vermietet. Außerdem geben die 42-jährige Horvath und ihr Partner spezielle Vorstellungen für Schulklassen und Kitakinder.18 Bahnhöfe gibt es entlang der Heidekrautbahn vom Norden Berlins bis in die Schorfheide. In ihrer ursprünglichen Funktion würden sie nicht mehr gebraucht sagt NEB-Prokurist Tombrink. „Einige haben wir verkauft, andere sinnvoll vermietet an Gastronomie, Handwerk, Tourismusvereine.“ Ein Theater im Bahnhof sei jedoch ein Novum.

 

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erstellt am 12.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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