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Brandenburg

03. Dezember 2016 | 05:40 Uhr

Kriegstote werden würdig bestattet : Spuren des Krieges in Klessin

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Der Verein zur Bergung Gefallener in Osteuropa sucht zum 14. Mal systematisch nach Toten und Zeugnissen der Geschichte

Die drei Toten liegen der Länge nach hintereinander in einem Graben, so wie sie wahrscheinlich gerade hinfielen, als die tödlichen Schüsse sie im März 1945 trafen. Freigelegt wurden die sterblichen Überreste der Wehrmachtsangehörigen inklusive ihrer Stahlhelme in nur etwa einem knappen Meter Tiefe auf einem Acker im Oderbruch-Örtchen Klessin (Märkisch-Oderland).

Albrecht Laue, Vorsitzender des Hamburger Vereins zur Bergung Gefallener in Osteuropa (VBGO), weist auf alte Fotos und Zeichnungen, anhand derer sich genau nachvollziehen lässt, wo die Schützengräben in der schwersten Schlacht des II. Weltkrieges auf deutschem Boden verliefen, wo sich Stellungen, Unterstände und Bombentrichter befanden.

„Diese Dokumente nutzen wir für unsere gezielten Grabungen“, erläutert Laue. Er und seine 40 Mitstreiter aus verschiedenen europäischen Ländern sind zum 14. Mal in Klessin, um nach den Kriegstoten zu suchen, die bisher unentdeckt auf dem früheren Schlachtfeld liegen. „Der Ort war im Frühjahr 1945 der am härtesten umkämpfte Stützpunkt auf den Seelower Höhen. Auf engstem Raum sind hier so viele Menschen gestorben wie sonst nirgends“, erzählt der 43-jährige Laue. Der 150-Einwohner-Ort mit Gutshof und Schloss wurde damals dem Erdboden gleich gemacht. Zeit und Muße, die Toten zu begraben, hatte keiner. „Dafür sind wir seit 2005 da“, betont der Vereinschef.

Etwa einen Quadratkilometer groß ist das Gelände, das ehrenamtliche VBGO-Mitglieder akribisch absuchen. 40 Prozent des Areals, schätzt Historiker Wolfgang Ockert aus Baden-Württemberg, hat der Verein bereits analysiert. „Wir bargen 174 Gefallene, sowohl Wehrmachtsangehörige, als auch Rotarmisten“, listet er auf. Der Verein mache da keine Unterschiede. „Wir suchen nach allen, die in der Schlacht um Klessin ihr Leben verloren und eine würdige Beisetzung verdienen.“

Die sterblichen Überreste werden geborgen und finden auf einem der Soldatenfriedhöfe der Region eine letzte Ruhestätte. So werden auf der Kriegsgräberstätte im benachbarten Wuhden (Märkisch-Oderland) heute die Gebeine von 16 deutschen Soldaten feierlich beigesetzt, die in Klessin starben.

Der Acker, auf dem die aktuelle Suche läuft, war vor 71 Jahren das Gebiet, auf dem etwa 150 der von der Roten Armee eingekesselten Deutschen am 23. März 1945 versuchten auszubrechen. Nur etwa die Hälfte schaffte es, macht Ockert deutlich. Seine Erkenntnisse beruhen nicht zuletzt auf Dokumenten aus russischen Archiven, die der Verein jetzt über russische Partner einsehen konnte.

„Die Rote Armee schickte damals eine Untersuchungskommission nach Klessin, um herauszufinden, wieso sich der Ort so lange halten konnte. Sie wollten daraus Lehren ziehen für den Vormarsch in Richtung Berlin“, erklärt der Historiker. „Klessin sollte unter allen Umständen gehalten werden, zuletzt bekämpften sich beide Seiten auf nur zwanzig Meter Entfernung“, erinnert sich der 91 Jahre alte Heinz Mutschinski. Der damalige Fahnenjunker war einer der wenigen Überlebenden der Schlacht. Seit Jahren ist er in Klessin dabei, wenn der VBGO in der Geschichte gräbt. Dass sei für ihn so etwas wie eine Therapie, denn vergessen hat er die schrecklichen Kriegserlebnisse nie. „Es ging nur noch ums nackte Überleben“, zeigt Mutschinski auf ein kleines Wäldchen am Rande des Ackers, wo er mit seinen Kameraden damals tagelang ausharrte. Nur einen von ihnen hat er später wieder getroffen.

Akribisch wird jeder Quadratzentimeter untersucht. „Zum Abschluss können wir mit Sicherheit sagen - hier liegt kein Kriegstoter“, erklärt Laue den Anspruch des Vereins, der in Klessin von einem Mitarbeiter des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Mitarbeitern des Kampfmittelbeseitigungsdienstes unterstützt wird. Denn der Oderbruchboden birgt nicht nur Tote, sondern auch jede Menge Kriegsschrott und Explosives. Neben den fünf deutschen Soldaten hat der VBGO bei seinem aktuellen, noch bis Sonntag dauernden Einsatz auch einen sowjetischen Gefallenen gefunden. Finanziert werden die Suchgrabungen aus Spenden und Vereinsmitteln.

 

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erstellt am 06.Okt.2016 | 05:00 Uhr

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