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Brandenburg

02. Dezember 2016 | 21:09 Uhr

Angermünde : Skelettfund unter der Straße

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Überraschung bei Bauarbeiten in Angermünde. Vermutlich Siechengrube aus der frühen Neuzeit

Erst war es nur ein Knochen, der die Aufmerksamkeit von Gunhilt Merker erregte. Dann noch einer. Die Archäologin erkannte schnell die menschliche Herkunft der Einzelteile, die da im Baggerloch der Oderberger Straße ans Licht kamen. Schließlich folgte ein Totenschädel, dann noch einer, dann komplette Skelette.

Bis jetzt hat die Grabungsgesellschaft AAB (Archäologische Ausgrabungen und Bauprojektbetreuung) mindestens 14 Skelette in der Baugrube in der Oderberger Straße in Angermünde gefunden. Sie lagen nicht einmal einen Meter unter dem alten Kopfsteinpflaster. Doch um einen vergessenen Friedhof handelt es sich dabei keineswegs. Vielmehr wurden die Toten in aller Eile in extra ausgehobenen Löchern regelrecht verscharrt. Davon zeugt die Lage der Knochenteile. Die Körper waren teils dicht beieinander und völlig ungeordnet. Bis zu drei Leichen kamen in ein Loch.

Auch von einem Massengrab in Folge eines früheren Krieges gehen die Archäologen nicht aus. Denn unter den Toten sind nicht nur Erwachsene, sondern auch das völlig erhaltene Skelett eines damals etwa sechs Jahre alten Kindes. Außerdem fehlen jegliche sonst üblichen Fundstücke wie Bekleidungsreste, Waffenteile oder Keramik.

„Aufgrund der Grubenstruktur und der Umstände gehen wir davon aus, dass es sich hier um Siechen-Opfer handelt, die ohne offizielle Beisetzung in nur geringer Tiefe bestattet wurden“, sagt Gunhilt Merker. Eine Seuche könnte in Folge des 30-jährigen Krieges (1618 bis 1648) die Menschen dahingerafft haben. Ihre Kleidung wurde wegen der drohenden Ansteckungsgefahr verbrannt, die Toten eiligst aus der Stadt gebracht und nur im Leichenhemd verbuddelt.

Nach Einschätzung einer Anthropologin stammen die Opfer tatsächlich aus der Frühen Neuzeit. Genauere Untersuchungen der Funde folgen in den kommenden Wochen. Doch schon auf den ersten Blick erkannten die Archäologen, dass hier Menschen aller Altersgruppen in der Erde lagen. Der Fund hat für Aufsehen gesorgt. Passanten, Bauleute und Anwohner staunten nicht schlecht. „Alle fanden es spannend“, so Gunhilt Merker. Die Baufirma einigte sich mit den Archäologen nach dem ersten Baustopp auf eine gegenseitige Unterstützung: Der Bagger zieht mit äußerster Vorsicht die Schichten ab. Der Grabungstrupp beeilt sich dafür mit verstärkter Mannschaft, um die Baustelle nicht aufzuhalten. Alle Knochenteile werden gewaschen und analysiert. „Ein Gräberfeld findet man schon häufiger“, berichtet Gunhilt Merker. „Aber Siechengruben dieses Ausmaßes sind seltener.“

Schon vor Beginn der Bauarbeiten war klar, dass hier im unmittelbaren Siedlungsgebiet des mittelalterlichen Angermünde historisch wertvolle Funde zu erwarten waren. Die Experten vermuteten Siedlungsreste oder Überbleibsel eines vor den Stadttoren gelegenen Gewerbes. Von einem Siechenplatz ging niemand aus. Möglicherweise steht das Gelände in Verbindung mit dem in nur kurzer Entfernung befindlichen früheren Heilig-Geist-Hospital in der Berliner Straße. Erhalten blieben dort nur die Spitalkirche und ein Brunnen. Doch hat das Spital nach dem Dreißigjährigen Krieg wohl kaum noch existiert. Vielleicht erinnerten sich die Totengräber daher an die teils nassen Wiesenflächen, um die Seuchenopfer loszuwerden.

Aufklärung über diese Fragen könnten die weiteren Untersuchungen bringen. Gunhilt Merker bleibt auf der Baustelle, bis alle Wasser- und Abwasserleitungen im Boden sind.

 

 

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erstellt am 07.Nov.2016 | 04:45 Uhr

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