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Brandenburg

11. Dezember 2016 | 03:16 Uhr

Potsdam : Schiff der Träume

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Der Künstler Chris Hinze stellt seine neue Rauminstallation in Potsdam aus

Die Zeit wird knapp. Chris Hinze weiß das. Seit einem Jahr spukt die Idee in seinem Kopf herum. Seit einem Jahr ist sie in ihm und lässt ihn nicht los. Er muss dieses Schiff bauen. Ein Schiff, das nicht schwimmt, denn es wird eine Rauminstallation, die zur Ausstellungseröffnung am Samstag in Potsdam fertig werden musste.

Seit zwei Monaten ist er hier in diesem Hangar, in der Flugzeughalle, in der noch vor 26 Jahren die MiG des Cottbuser Militärflugplatzes gewartet wurden. Jeden Tag 14 Stunden, früh hat es Minusgrade, abends ist es nicht viel wärmer.

Seine Hände sind kalt, steif fast, wenn er mit Beitel und Säge ins Holz geht. Zuvor war er sechs Wochen im Wald, um das Material zu sichten. „Holz ist ein toller Stoff“, sagt Chris Hinze, es atmet, es hat Informationen und Seele, das Holz teilt uns etwas mit. Wir müssen es nur spüren, meint der Künstler.

Wenn er dasteht und den Rumpf mustert, wirkt er etwas wie Fitzcarraldo im gleichnamigen Film von Werner Herzog aus dem Jahre 1982. Der exzentrische Abenteurer und Opernliebhaber Fitzgerald – von den Peruanern Fitzcarraldo genannt – ist von der Idee besessen, im Dschungel Südamerikas ein Opernhaus zu bauen. Er lässt ein Schiff über den Berg ziehen, um auf der anderen Seite an den rettenden Fluss zu kommen.

Hatte es sich Chris Hinze einfacher vorgestellt mit diesem Projekt? Er ist ja kein Bootsbauer. Bald merkt er, dass helfende Hände wichtig sind.

Die bekommt er auch, Freunde und Handwerker sind darunter, die von der Idee angesteckt sind, und die, wenn Zeit ist, für ein paar Stunden mitbauen. Zu den Unterstützern gehören auch die Holzbaufirma, der der Hangar jetzt gehört, ein Cottbuser Autohaus, zwei Tischlereien, auch ein Arzt, der sich dem energetischen Heilen verschrieben hat, ist darunter. Sein Freund, der Fotograf Marek Kucera, ist fast immer da.

Sie alle sehen das Außergewöhnliche an Hinzes Projekt, seinem „Traumschiff“, wie er es nennt. Es steht für eine Menschheit, die den Sinn des Hierseins verloren hat, sagt der Künstler. „Wir müssen weg vom materiellen Denken“, so der 47-jährige Potsdamer Bildhauer, Aktionskünstler und Maler.

Es sei Zeit zu erkennen, dass wir ein Teil sind der Katastrophen der Welt. Wir haben die Chance mitzugestalten und zu verändern und offen zu sein. Und wir müssten uns fragen, ob unsere Wünsche nicht ausreichen würden.

Das Wünschen ist nicht das, was uns kaputt macht, sondern das Haben. Was, wenn die Wünsche zu schwer werden, um uns alle zu halten? Hat uns nicht die Gesellschaft zu Egoisten gemacht? Wenn wir an nichts mehr glauben, was dann?

Hinzes Traumschiff wird Tag für Tag mehr zu einem Gleichnis seiner Träume. Ganzheitliches Denken heißt für ihn, den ganzen Raum, die komplette Welt neu zu betrachten, „wegdenken“ vom begrenzt Horizontalen, den Blick weiter fassen, wie Seeleute es tun. Es bedeutet für ihn aber auch, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, Werte wie unbegrenzte Freiheit und Konsum zu hinterfragen. „Was geben wir weiter?“, fragt der Künstler. Was ist uns wichtig? Wir lernen nicht aus Perfektion, sondern aus Fehlern.

Die Stangen sind aus bearbeitetem, dunkelbraunem Holz, Eichenstämme aus Brandenburg. Wie sie dort stehen, strahlen sie etwas Geradliniges und Stolzes aus. „Sie werden bleiben, wenn unser Lebens-Schiff zu schwer wird, wenn es auf Grund läuft“, sagt Chris Hinze.

Eine philosophisch-mythologische Vorläufer-Variante des Schiffes in kleiner Form hatte er bereits in der Kunstpreis-Ausstellung in Neuhardenberg gezeigt. Wer die aktuelle Rauminstallation zum ersten Mal sieht, fühlt sich an ein Flüchtlingsboot erinnert.

Die senkrecht stehenden Stangen, die höchsten von ihnen bis zu sieben Meter hoch, wirken wie Menschen auf einem Boot, das in unbekannte Gewässer fährt. Geplant hatte es der Künstler so nicht.

Chris Hinze gehört zu den aktivsten Künstlern Brandenburgs. Hans Scheuerecker, den wilden Abstrakten aus Cottbus, hat er einmal als seinen Meister bezeichnet. In Potsdam gründete er im Jahre 2009 das Kunsthaus „sans titre“. Auf seiner Homepage sind mittlerweile mehr als 60 Einzelausstellungen und Beteiligungen aufgelistet.

 

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erstellt am 22.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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