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Brandenburg

07. Dezember 2016 | 17:21 Uhr

Uckermark : Rückkehr ins Paradies

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine Dorfgemeinschaft in der Uckermark kauft eine 100 Jahre alte Streuobstwiese, um sie als besonderen Ort für die Einwohner zu retten

Das Paradies auf Erden liegt in der Uckermark, im nordöstlichen Zipfel Brandenburgs. In den Kronen der alten Apfelbäume leuchten rotbackige Früchte. Vögel singen den lieben langen Tag lang. Hummeln summen. Auf der Wiese blühen Schlüsselblumen, über denen Schmetterlinge tanzen. Und es verwunderte nicht, hinter dem Rotdornbusch auf Adam und Eva zu treffen.

Doch das Paradies hat viele Jahre lang kein Mensch mehr betreten. Das soll sich nun ändern. Eine kleine Dorfgemeinschaft will sich daraus nicht länger vertreiben lassen. Es ist eine über 100 Jahre alte Streuobstwiese an den Hängen des Randowtals, am Dorfsaum von Battin. Wer ihr einst den Namen Paradies gab, wissen selbst die ältesten Battiner nicht mehr. Aber sie erinnern sich gut, wie sie früher als Kinder hier Äpfel naschten, wie aus den Pflaumen Mus gekocht wurde, wie sie Verstecken zwischen den Bäumen spielten, im Gras liegend Heupferdchen beobachteten oder sich hier verliebt zum ersten Mal küssten. Das Paradies war ein ganz besonderer Ort für die Dorfgemeinschaft. Und das soll es wieder werden.

Nach der Wende ging die alte Streuobstwiese in Privatbesitz über. Jetzt stand sie zum Verkauf. Derzeit wird gerade in der Uckermark viel Land von Investoren aufgekauft. Das rüttelte die Battiner wach. In dem uckermärkischen 100-Seelen-Dorf bei Brüssow haben sich Menschen zusammengefunden, die gemeinsam beschlossen: Wir kaufen das Paradies!

Sie gründeten einen Verein, borgten sich Geld über private Darlehen und starteten eine Spendenkampagne. Jetzt gehört die historische, 1,8 Hektar große Streuobstwiese dem Dorfverein Battin. Dahinter stehen alteingesessene Dörfler und zugezogene Stadtflüchtige. Landwirte und Freizeitgärtner, Romantiker und Praktiker, die ein gemeinsames Ziel haben: „Wir wollen das Paradies als einen Ort für die Gemeinschaft und als wertvollen Lebensraum für Tiere und Pflanzen bewahren. Hier soll der Wiedehopf zurückkehren. Hier können sich die Battiner treffen oder sich in Ruhe zurückziehen“, beschreibt Andreas Suckow die Vision und schwärmt von gemeinsamen Ernten, Dorffesten unter blühenden Obstbäumen, Mostaktionen, Marmeladekochen, von dem Gefühl, ein Stück intakte, kostbare Kulturlandschaft zu bewahren, ein kleines Paradies eben.

Andreas Suckow ist Landwirt und in Battin aufgewachsen, wie schon seine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. Er ist ein Hiergebliebener. Einer der wenigen jungen Leute, die nicht nach der Wende und der Abwicklung der LPG das Dorf verließen oder resigniert verharren und auf irgendetwas warten. „Ich liebe diese Landschaft. Es ist meine Heimat. Und ich bin sicher, dass sich die Uckermark in zehn, 20 Jahren zu einer Region entwickelt, die ganz neue Perspektiven bietet. Wir müssen nur den Mut haben, selbst Ideen zu entwickeln“, sagt Andreas Suckow und meint damit auch das Projekt Paradies.

Inzwischen steht kein Hof in Battin mehr leer. Betonmüde Städter sind ins Dorf gekommen und haben nach und nach die alten Häuser wiederbelebt. Petra Göhl ist eine der Zugezogenen und Aktiven im Verein. „Es ist wunderschön hier und absolut entschleunigend.“ Einmal waren Besucher aus Berlin hier und ein kleiner Junge tobte wild über die Streuobstwiese. Da forderte ihn Andreas Suckow auf, mal ganz still zu sitzen und alle Tiere zu zählen, die er in fünf Minuten entdeckt. Das Kind war ganz versunken: Ameisen, Bienen, Eidechsen, Falter, Vögel…

Streuobstwiesen sind die letzten heimischen Paradiese, die es in Deutschland jedoch immer weniger gibt. In den letzten 50 Jahren ist deren Fläche von rund 1,5 Millionen Hektar auf ein Fünftel zurückgegangen. Dabei gehören sie zu den artenreichsten Biotopen Mitteleuropas.

„Die Battiner haben einen Schatz vor ihrer Haustür. Das muss ihnen wieder bewusst werden“, sagt Petra Göhl. „Das Zusammenleben von Alten und Neuen ist zwar nicht immer einfach. Inzwischen wächst jedoch eine schöne Gemeinschaft.“ Das Paradies verbindet die Menschen in Battin. Das ist für Andreas Suckow das Beste an dem ehrgeizigen Projekt: „Wir schaffen etwas aus der Gemeinschaft der Alteingesessenen und Zugezogenen heraus. Und wir zeigen, dass es auch in einer strukturschwachen Region möglich ist, Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.“

20 000 Euro will der Dorfverein mit der Spendenkampagne einnehmen. Das Ziel ist fast erreicht. Damit sollen die Darlehen zurückgezahlt und erste Pflegearbeiten auf der Streuobstwiese erfolgen. Derzeit werden die alten Sorten bestimmt. Viele sind so alt wie das Paradies. Neben Äpfeln reifen hier auch Birnen, Pflaumen, Quitten, verschiedene Brombeeren, Himbeeren. Sogar ein großer Walnussbaum gehört dazu. Spenden werden weiter benötigt, zum Beispiel für Neupflanzungen. Vor allem aber zupackende Tatkraft. Andreas Suckow hat einen großen Wunsch: „... dass Menschen, die hier her kommen, mit allen Sinnen erleben, wie kostbar die kleinen Dinge sind: das Geräusch plumpsender Äpfel, der Blick ins weite Randowtal, der Wechsel der Jahreszeiten.“


 

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erstellt am 01.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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