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Panorama BB

25. Juli 2016 | 13:59 Uhr

Telemedizin : Wenn der Arzt durch den Computer kommt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Eine Konferenz beschäftigte sich mit der Telemedizin als Zukunft für den ländlichen Raum / Blick zu skandinavischen Nachbarn zeigt mögliche Wege

Etwa 2.200 Hausärzte pro Jahr werden in den nächsten Jahren deutschlandweit in den Ruhestand gehen. Bis 2025 sogar 75 Prozent der heute aktiven Allgemeinmediziner. Doch unter Medizinstudenten bleibt das Interesse am Hausarztberuf gering: „90 Prozent spezialisieren sich als Facharzt, nur zehn Prozent wollen Generalisten werden“, sagt Ferdinand Gerlach, der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen.

Und vor allem in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands suchen schon heute zahlreiche Praxisinhaber händeringend nach einem Nachfolger. Wie geht es mit der medizinischen Versorgung auf dem Lande, im Elbe-Elster-Kreis, in der Prignitz und der Uckermark künftig weiter?

Am Montag wagten Interessierte einen Blick nach Skandinavien. Auf Einladung der Herbert-Quandt-Stiftung und der Botschaften der nordischen Länder in Berlin fand im „Felleshus“ des Botschaftsgeländes in Berlin eine Konferenz zur Zukunft der ländlichen Gesundheitsversorgung statt. Denn in Nordeuropa sind die Wege zum nächsten Arzt oft heute schon viel weiter als hierzulande. „Wenn eine Mutter in Helsinki ein Kind bekommt, ist sie zwar nur 15 Minuten von der nächsten Geburtsstation entfernt“, sagt die finnische Gesundheitsministerin Laura Räty. „Wenn sie aber in Ivalo in Lappland wohnt, sind es 400 Kilometer.“

Dort würden die Mütter schon eine Woche vor dem Geburtstermin in die für finnische Verhältnisse große Stadt Rovaniemi reisen, und dann dort warten, bis das Kind zur Welt komme.

Vor allem aber setzen die Nordeuropäer auf Telemedizin. So berichtete Undine Knarvik von der Universität Tromsö von einem Programm zur Betreuung von Patienten mit der chronisch obstruktiven Bronchitis „COPD“. Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus bekämen sie einen speziellen Laptop und ein Ergometer mit nach Hause. Während der Laptop mit einem Pulsoximeter den Sauerstoffgehalt des Blutes misst, und die Daten vom Wohnzimmer des Patienten an die Klinik überträgt, findet auf dem Ergometer die Physiotherapie statt. Überwacht von einem Therapeuten, der via Videoleitung zugeschaltet ist.

„Wir sparen Krankenhauskosten, Arztbesuche und Fahrstrecken, und die Zufriedenheit der Patienten ist groß, weil ihr Zuhause zum Mittelpunkt der Versorgung wird“, sagt Undine Knarvik. Auch die Grundversorgung findet oft via Telemedizin statt. Im nordschwedischen Arjeplog etwa gibt es an den Wochenenden keinen Bereitschaftsarzt mehr. Wer zur Gesundheitsstation kommt, trifft dort eine Krankenschwester. Der Arzt ist über eine Videoleitung zugeschaltet, und sagt im Notfall, was zu tun ist, erklärt Projektleiter Per-Olof Egnell.

Sind das Modelle auch für Deutschland? Ferdinand Gerlach setzt zunächst einmal auf Bewährtes: Die klassische Hausarztpraxis. „Ärzte, die in unterversorgten Gebieten tätig sind, sollten 50 Prozent mehr Honorar von den Krankenkassen bekommen – als Landarztzuschlag“, sagt Gerlach. „Wir haben nicht zu wenig Ärzte, aber zu viele Spezialisten, die noch dazu in Gegenden aktiv sind, wo wir sie nicht brauchen.“

Nötig sei deswegen auch der Abbau von Überversorgungen. So sollten die kassenärztlichen Vereinigungen dort, wo es zu viele Fachärzte gibt, freiwerdende Praxen aufkaufen und schließen. „Wir brauchen eine stärkere Öffnung der Krankenhäuser für Teile der fachärztlichen ambulanten Versorgung“, sagt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). „Wir müssen die Allgemeinmedizin stärken: Es müsste in jeder medizinischen Fakultät einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin geben.“ Doch auch Gröhe hofft auf die Telemedizin. „So kann ein dörfliches Krankenhaus in der Uckermark mit einem Berliner Maximalversorger zusammenarbeiten“, so Gröhe. „Moderne Technik kann einen ganz wesentlichen Beitrag leisten.“

Unterstützung erhielt Gröhe vom Geschäftsführer des Medizintechnikherstellers B. Braun in Melsungen, Stefan Ruppert. Der frühere Bundestagsabgeordnete und heutige hessische Landesvorsitzende der Liberalen nannte die Telemedizin eine „Ergänzung des klassischen Arzt-Patienten-Verhältnisses: Weniger Bürokratie, mehr entlastende Technik und die Vernetzung von ambulanten und stationären Angeboten schaffen mehr Zeit für den Patienten.“

Auch hierzulande gibt es schon erfolgreiche, innovative Modellprojekte: So berichtete am Rande der Konferenz die Templiner Zahnärztin Kerstin Finger davon, wie sie in den Dörfern der Uckermark Patienten zu Hause aufsucht. „Der öffentliche Personennahverkehr im ländlichen Raum wird nicht besser werden“, sagt Finger. „Deswegen gehe ich in die Dörfer und behandele die Menschen dort.“

Und in Ostsachsen gibt es das Schlaganfallnetzwerk Ostsachsen: Wenn in einer Klinik in Weißwasser, in Zittau oder Kamenz ein Patient mit Symptomen eines Schlaganfalls eingeliefert wird, sind die behandelnden Ärzte oft über Videokonferenz mit der Uniklinik Dresden verbunden. CT- und MRT-Aufnahmen werden via Datenleitung dorthin geschickt.

So könnten die Patienten näher an ihrem Wohnort betreut werden, nur die schwersten Fälle müssten weiter in die Uniklinik verlegt werden, sagt die Geschäftsführerin des Netzwerks „Carus Consilium“, Sabine Rößing. Doch von der Situation in den dünn besiedelten, ländlichen Regionen Skandinaviens ist man in Deutschland wohl in jeder Hinsicht noch immer weit entfernt.


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erstellt am 21.Okt.2014 | 13:24 Uhr

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