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Panorama BB

26. Juli 2016 | 10:25 Uhr

Luxusliner Lusitania : Rätselhafte Flaschenpost entdeckt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Eine Potsdamerin findet eine 100 Jahre alte Botschaft – angeblich von der Lusitania / Experten zweifeln

Kopfüber trieb die Flasche im Wasser, von Wellen ans Kajütboot gespült. Brigitta Grunenberg-Eggert dachte an Müll, als sie den Fund an Bord zog. Schnell war der Skipperin jedoch klar, dass er einer anderen Zeit entstammen musste: Altes, grünes Glas, der Bügelverschluss vom Rost zerfressen, „Pfandflasche“ in großen Buchstaben aufgeprägt. Und ein Brief steckte darin.

Nachdem die Flasche in der Sonne trocknete, gab der Verschluss nach. „Es machte einfach plopp“, sagt die Finderin. Doch erst Tage später konnte sie das verwitterte Papier aus der Flasche befreien und entzifferte die darauf geschriebenen Worte: „Nordsee. Lusitania, Beibot leck, keine Rettung in Sicht. setzen sie die Nachricht in eine deutsche Zeitung. Kapitän u. ob. Maschinist.“

Der Untergang des Luxusliners Lusitania am 7. Mai 1915 vor Irland war eine der größten Schiffskatastrophen. Von einem deutschen U-Boot getroffen, sank der Dampfer innerhalb von 18 Minuten. 1200 Menschen ertranken – ein Großteil der Passagiere. Weltweites Entsetzen war die Folge, der Erste Weltkrieg nahm einen anderen Verlauf, die USA rüstete zum Kampf.

Und die Flaschenpost aus dem Schwielowsee, in der Nähe des Hafens Ferch gefunden, Tausende Kilometer entfernt vom Atlantik, soll ein Zeugnis des Untergangs sein? Wenke Nitz öffnet ein kleines Schatzkästchen, das ihr von der Finderin übergeben wurde, nimmt den in Folie gepackten Zettel heraus. „Von der Lusitania stammt der definitiv nicht“, sagt sie bestimmt. Die Historikerin des Potsdam-Museums wurde vom Förderverein beauftragt, etwas zur Herkunft der Flaschenpost zu recherchieren. In einer von ihr betreuten Sonderausstellung hat sie sich lange mit den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs in Potsdam beschäftigt, unter anderem Feldpost-Briefe, Tagebücher und Fotografien studiert: Es entstand ein umfassendes Bild von der Heimatfront.

Mit diesem Hintergrund erklärt sie: „Womöglich haben Jugendliche in Zeitungen von dem Untergang erfahren, waren davon ergriffen, haben vielleicht Rettungsszenen nachgespielt und kamen auf die Idee mit dem Zettel.“ Nach ihrer Auffassung sprechen alle Indizien gegen die Version, die Flasche sei von der Besatzung in größter Not versenkt worden. Erstens sei zu erkennen, dass das Glas nie mit Salzwasser in Berührung gekommen sei, die Botschaft hätte zudem stromaufwärts schwimmen müssen. Und die Forscherin fügt hinzu: „Warum sollte die britische Besatzung auf Deutsch schreiben? Wie sollen sie in diesen dramatischen Minuten dafür Zeit gehabt haben?“ Die Geschichte könne so nicht stimmen, legt sich Wenke Nitz fest.

Propaganda habe im Ersten Weltkrieg eine große Rolle gespielt, sagt die Historikerin, es sei die erste medialisierte Schlacht der Völker gewesen. Sie will jetzt im Stadtarchiv recherchieren, wie die Reaktion der Öffentlichkeit auf den Untergang des damals größten Passagierdampfers war. „Das wird eines der meistdiskutierten Ereignisse in jenen Tagen gewesen sein.“

Hans-Jürgen Krackher ist sich ebenfalls sicher: Die Flasche könnte tatsächlich rund 100 Jahre alt sein, sagt der Glasexperte aus Potsdam. Er sammelt seit Jahren alte Schweppes-Flaschen. Für ihn hat der Fund jedoch noch eine ganz andere Bedeutung: „Das ist ein Zeugnis aus der Erfindung des Mehrwegsystems.“ In den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts habe es nur wenige Pfandflaschen gegeben.

Hoffnung auf die ganz große Sensation macht der gelernte Marketingfachmann der Finderin indes ebenfalls nicht. Er habe bereits Flaschen gesehen, die von Tauchern aus dem Meer geborgen wurden und vom Salz matt geätzt waren. Deren Verschluss war ebenfalls völlig zerfressen. „In dem Exemplar aus dem Schwielowsee ist das Gummi aber noch fast unversehrt“, gibt Hans-Jürgen Krackher zu Bedenken. Woher jedoch die Flasche stammt, darüber grübelt der Experte noch: „Vielleicht vom Brauhausberg in Potsdam, vielleicht aus einer der zahlreichen Gasthofbrauereien.“ Unklar ist ebenfalls, ob darin Bier oder Limonade abgefüllt war. „Sie hat an sich schon einen gewissen Wert, ganz unabhängig davon, ob Jungen sich damit einen Spaß erlaubt haben.“

Flaschenpost taucht immer wieder in Brandenburger Gewässern auf, selten jedoch nach mehreren Jahrzehnten. So hatte ein Ehepaar vor zwei Jahren bei Rathenow einen gut verschlossenen Brief gefunden, den ein Mädchen 1981 in einen See warf. Sie hatte als Adresse ihr Elternhaus angegeben, dadurch war die Kontaktaufnahme für die Finder unkompliziert. In Kiel dagegen hat ein Fischer kürzlich die angeblich älteste Flaschenpost der Welt entdeckt, eine braune Bierflasche mit einer dänischen Postkarte aus dem Jahr 1913. Der Absender, der in zittrigem Sütterlin ein paar Grußworte in die Heimat schickte, lebte in Berlin-Baumschulenweg. Beigefügt waren zwei Briefmarken aus dem Deutschen Kaiserreich – eine ungewöhnliche Form, um Kosten zu sparen.

Das Guinnessbuch der Rekorde nennt übrigens bisher als älteste Flaschenpost der Welt eine 98 Jahre alte Mitteilung vom Juni 1914, die ein britischer Fischer 2012 vor den Shetland-Inseln fand. Ob der Brandenburger Fund dort auch bald aufgeführt wird, will noch niemand voraussagen. Brigitta Grunenberg-Eggert hat jedoch die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es sich um ein Lusitania-Dokument handelt.

„Es gibt Hunderttausende Möglichkeiten, man kann deshalb nichts ausschließen“, sagt die Potsdamerin. Die Flasche könne durch Wind und Wellen durchaus viele Jahre gegen die Strömung geschwommen sein, über Nordsee und Elbe in die Havel und von dort in den Schwielowsee. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht von hier stammt.“

 

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