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Panorama BB

04. Dezember 2016 | 07:09 Uhr

Geschichte : Eine Hinrichtung vor aller Augen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

August Dickmann war der erste, den die Nazis wegen Kriegsdienstverweigerung hinrichteten / Der Zeuge Jehovas ist heute beinahe unbekannt

Seine Erschießung hat sich ins Gedächtnis der KZ-Häftlinge eingebrannt. Vor allen Augen und über Lautsprecher auch in den hintersten Winkel des Konzentrationslagers übertragen, wurde August Dickmann am 15. September 1939 in Sachsenhausen bei Berlin öffentlich hingerichtet: als erster Kriegsdienstverweigerer des Zweiten Weltkriegs. Zwei Wochen zuvor hatte Adolf Hitlers Wehrmacht Polen überfallen und somit den zweiten globalen Krieg der Weltgeschichte entfesselt.

Dickmann fand den Tod vor 75 Jahren auf dem Appellplatz im Zentrum des KZs - wenige Meter entfernt von seinem mit den Häftlingen angetretenen Bruder Heinrich. „Was ihm widerfahren ist, ist so nie wieder geschehen“, sagt der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch, über Dickmanns Hinrichtung. Spätere Exekutionen führten die Nazis im Erschießungsgraben durch.

Heute erinnert ein Gedenkstein an die Ermordung des 29-Jährigen, der den Wehrdienst als Zeuge Jehovas aus religiösen Gründen verweigerte. Unter all jenen, die Widerstand gegen die Nazi-Diktatur leisteten, ist er einer der weitgehend Unbekannten. Zu unbedeutend mag sein Einsatz historisch erscheinen – doch er hat ihn mit dem Leben bezahlt, so wie die meisten der rund 280 Kriegsdienstverweigerer in Hitlers Reich.

Überwiegend waren sie religiös motiviert: Von mehr als 250 Zeugen Jehovas, einigen Adventisten, Katholiken und Protestanten sowie einer Handvoll politisch Motivierter berichtet eine Publikation „Geschichte der Kriegsdienstverweigerung“.

Grundlage der ersten Hinrichtung - der Exekution Dickmanns – war ein geheimer Runderlass vom 3. September, der verfahrenslose Exekutionen ermöglichte. „Das war der letzte Schritt zur Etablierung einer von der Justiz unabhängigen Gerichtsbarkeit der Polizei“, erklärt Gedenkstätten-Direktor Morsch. An die Stelle gerichtlicher Todesurteile trat der Befehl des SS-Reichsführers Heinrich Himmler.

Noch vor dem aus Dinslaken im Ruhrgebiet stammenden Dickmann ermordeten die Nazis auf Grundlage des Erlasses in der Nacht vom 7. zum 8. September 1939 den Kommunisten Johann – genannt Hans – Heinen aus Dessau. Der 30-Jährige hatte sich aus politischen Motiven geweigert, beim Ausgraben von Luftschutzgräben mitzuhelfen, wurde von der Gestapo verhaftet und in das KZ Sachsenhausen gebracht. „Heinen war der Erste in allen Lagern, der auf Befehl des Reichsführers SS exekutiert wurde“, berichtet der Stiftungsdirektor.

Im Laufe des Krieges gab es in Sachsenhausen zahlreiche weitere Exekutionen, bei denen sich die Behörden auf diesen Erlass beriefen. „Es waren sicherlich Tausende, eine genaue Zahl lässt sich aber leider nicht mehr ermitteln“, so Morsch. Klar ist jedoch: Die Ermordung von Heinen und Dickmann stellte eine Zäsur dar.

An die Hinrichtung Dickmanns erinnerte sich als Augenzeuge sein Bruder Heinrich 1972 im „Wachturm“, der Zeitschrift der Zeugen Jehovas: „Dann wurde mein Bruder mit gefesselten Händen vor den Kugelfang gebracht. Jetzt gab der Lagerkommandant durch den Lautsprecher Folgendes bekannt: ,Der Häftling August Dickmann aus Dinslaken, geboren am 7. Januar 1910, verweigert den Wehrdienst, weil er ein Bürger des Königreichs Gottes sei. (...) So hat er sich außerhalb der Volksgemeinschaft gestellt und wird auf Anordnung des Reichsführers Himmler erschossen‘.“

Zum 60. Todestag Dickmanns wurde 1999 ein Gedenkstein in der Gedenkstätte Sachsenhausen aufgestellt. Die Zeugen Jehovas entschieden sich erst spät für diese Würdigung gemeinsam mit der Gedenkstätte. „Das liegt an einer anderen Sichtweise. Das Gedenken hat bei uns erst relativ spät begonnen“, erklärt der Sprecher der Organisation, Wolfram Slupina.

Nach dem Krieg hätten der Blick nach vorn und der Wiederaufbau im Zentrum gestanden. Auch dadurch sei diese Opfergruppe, die die Nazis mit einem lila Winkel kennzeichneten, jahrzehntelang kaum erwähnt worden. Mit dem Kampf um den Status als eine Religionsgemeinschaft, die den großen Kirchen gleichgestellt ist, änderte sich auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

An den Kommunisten Heinen wurde dagegen früh gedacht. Bereits seit DDR-Zeiten ist in seinem einstigen Wohnort Dessau eine Straße nach ihm benannt, die sich heute zentral in der Nähe des Bahnhofs und des Bundesumweltamtes befindet. Wie der Dessauer Historiker Bernd Ulbrich berichtet, erinnert seit 2009 ein Stolperstein – eine Messingplatte mit Namen – im Straßenpflaster nahe dem einstigen Wohnhaus an Heinen.

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