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Brandenburg

30. September 2016 | 18:53 Uhr

Neues Zeitalter für Rettungskräfte

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Eine Konferenz zeigt: Smartphones, Computer und Drohnen bestimmen immer mehr den Katastrophenschutz

Während die Sicherheitsbehörden früher nur auf Katastrophen reagiert haben, arbeiten heute Forscher intensiv an Modellen, mit denen kritische Lagen besser bewältigt werden können. Um aktuelle Projekte ging es beim Internationalen Katastrophenschutzkongress in Berlin.

Der Handybildschirm zeigt zwei große Knöpfe – einen blauen für den Kontakt zur Polizei, einen roten für den Rettungsdienst. Andreas Muchow drückt den roten. Sofort werden alle Daten sichtbar, die von Mitarbeitern der Leitstelle sonst am Telefon abgefragt werden. Selbst der genaue Standort, ein Foto der Situation und Tonaufnahmen werden in Sekundenschnelle übermittelt.

Der Gründer der Berliner Firma „HandHelp“ will mit dieser App vor allem gehörlosen Menschen helfen, die bislang nur auf Umwegen ihre Notlage mitteilen können. Doch nicht nur die Alarmierung stellt ein Problem dar, auch die Kommunikation vor Ort. Hier setzt Muchow auf ein Netzwerk von Helfern, die über spezielle Whats-App-Gruppen informiert werden und zum Unglücksort eilen können.

„Das können sich viele gar nicht vorstellen, was ein Gehörloser durchmacht, wenn es bei ihm zu Hause brennt und er Hilfe organisieren muss“, sagt der 49-Jährige. Einen Ausweg bieten technische Lösungen. So vertreibt Muchow auch einen Notrufmelder für Taubblinde. Das Prinzip ist das Gleiche: Wird ein Knopf betätigt, kommt in der Leitstelle automatisch ein Fax aus dem Drucker mit allen Angaben der Person.

In Kooperation mit dem Gehörlosen-Zentrum Potsdam soll die Software bekannt gemacht werden. Diese werde derzeit auf einem UN-Kongress in New York vorgestellt, berichtet Muchow. Verschiedene Länder wollen die App flächendeckend für Gehörlose einführen. Nur in Deutschland läuft es schlecht. „Hier wird zu wenig an Behinderte gedacht“, sagt der Gründer.

Auch andere Teilnehmer des gestern beendeten Europäischen Katastrophenschutzkongresses in Berlin zeigen: Smartphones, Computer und Roboter prägen immer mehr den Alltag der Rettungskräfte. Inzwischen existieren hierzulande drei Handy-Programme, „Katwarn“ „Nina“ und „SAIP“, um die Bevölkerung vor Gefahren zu warnen. Aber auch die Hilfsorganisationen stellen sich neu auf, um künftige Herausforderungen zu bewältigen. „Es wird viel geforscht, um Bewegungsströme bei Großveranstaltungen besser zu organisieren“, sagt David Kreuziger, Vorstand der Johanniter Unfallhilfe in Berlin und Brandenburg. Künftig sollen Unglücke wie bei der Loveparade in Duisburg vermieden werden. „Wir könnten durch Berechnungsmodelle viel besser auf Paniken reagieren“, sagt er. Auch die Einsatzmittel verändern sich: Die Johanniter setzen schon auf Segways für Sanitäter – unter anderem in Südbrandenburg – und auf Drohnen, um aus der Luft den Überblick zu behalten. Zudem wird die Taktik umgestellt. Die Terrorgefahr erfordere dies, sagt Kreuziger.

Auch an Vorhersagesystemen wird gefeilt, damit das Heer der Helfer bestenfalls schon vor einem Unwetter bereitsteht. „Wir haben früher alles darauf gesetzt, Menschen evakuieren zu müssen“, sagt Hans-Jürgen Hohnen, Ex-Staatssekretär im Brandenburger Innenministerium. „Wenn sie aber schnell informiert werden, retten sie sich selber.“ Laut Berechnungen könnte ein Großteil der Bevölkerung „lenkend“ aus Gefahrenzonen bewegt werden.

Die Potsdamer Meteorologin Linda Jäckel berichtet, dass die Unmengen an Wetterdaten viel stärker für Warnsysteme abgefragt werden. „Wir können Ort und Zeit mitteilen, wann Starkregen, Hagel oder Blitze auftreffen.“ David von der Lieth, Einsatzplaner der Düsseldorfer Feuerwehr, setzt daher auch auf Computermodelle, um Katastrophen zu managen. Mitunter gewinne man dadurch eine halbe Stunde Zeit. „Dann haben wir mehr Luft, um die Stadt in Gefahrenzonen einzuteilen und freiwillige Kräfte zu aktivieren“, sagt er. Kollegen in anderen Städten würden auch soziale Netzwerke analysieren, um die Hilfe zielgenauer zu steuern.

Auch zum Thema Hochwasser werden die Forschungen weiter vorangetrieben: Ein Verbundprojekt mehrerer Universitäten in Deutschland und Indien beschäftigt sich mit der Frage, wie kritische Infrastruktur geschützt und Evakuierungspläne neu definiert werden können. So wird bereits ein Roboter getestet, der Unterwasserbilder von Brückenfundamenten liefert. Zudem soll aus Handybildern herausgelesen werden, wie hoch an einer Stelle der Wasserstand ist. „Wir wollen eine App entwickeln, in der ortsfremde Einsatzkräfte alles finden“, erläutert Maximilian Garsch von der Bundeswehr-Universität München. „Dadurch werden lange Lagebesprechungen überflüssig.“  

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erstellt am 22.Sep.2016 | 05:00 Uhr

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