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Brandenburg

10. Dezember 2016 | 09:55 Uhr

Wildschweinplage im Speckgürtel : Mit Gestank gegen Störenfriede

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Gemeinde Fredersdorf-Vogelsdorf leidet seit Jahren unter Wildschweinen. Gestern brachten Betriebshofmitarbeiter Vergrämungsmittel aus.

So mancher Passant bleibt an diesem Morgen irritiert stehen: Männer in weißen Ganzkörperanzügen und gelben Handschuhen stapfen in ein kleines Wäldchen rings um den Grassee in Vogelsdorf (Märkisch-Oderland). Durch einen weißen Mundschutz sind auch die Gesichter der seltsam anmutenden Gestalten kaum zu erkennen, die fächerförmig gefaltete Aluminiumblättchen an Zweige hängen und darauf befindliche Wattepads mit Sprayflaschen bearbeiten. Kurze Zeit später breitet sich ein eigenartiger, penetranter Gestank aus.

Wer die unangenehme Geruchs-Mischung aus Toilettenreiniger und nassen Tierhaaren in die Nase bekommt, verzieht unwillkürlich das Gesicht und sucht das Weite. „Wenn die Wildschweine das auch tun, ist unsere Aktion ein voller Erfolg“, sagt Thomas Krieger (CDU), Bürgermeister der Doppelgemeinde Fredersdorf-Vogelsdorf. Wie auch andere Berliner Speckgürtel-Orte leidet das Doppeldorf seit Jahren unter einer Wildschweinplage, die sich laut Krieger seit dem Frühsommer verschärft hat. „Tiere ziehen sich tagsüber auf die Grünflächen mitten im Ort zurück, um dann nachts Gärten, Grünanlagen oder Straßenränder regelrecht umzupflügen.“

Wie viele Schwarzkittel sich in der knapp 15 000-Seelen-Gemeinde herumtreiben, weiß niemand genau zu sagen. „Die Tiere sind der Auskunft von Jägern nach nicht standorttreu, bewegen sich in einem Umkreis von 20 Kilometern“, sagt der Bürgermeister. Mit dem Geruchsspray – eine Duftstoff-Mischung von Mensch, Bär, Wolf und Luchs, die als natürliche Fressfeinde der Schwarzkittel gelten – sollen die Tiere in die Außenbereiche des Ortes vertrieben werden, wo Jäger in der Dämmerung mit der Flinte auf der Lauer liegen.

„Na hoffentlich locken wir mit dem Zeug nicht die Wölfe an“, witzelt Bauhof-Mitarbeiter Mario Brehmer, einer der Männer im Ganzkörper-Weiß. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat er das fachdeutsch Vergrämungsmittel genannte Geruchsspray in der vergangenen Woche schon einmal ausprobiert. „Das entwickelt sich so richtig erst an der Luft, wird noch viel widerlicher“, sagt der Bauhof-Mitarbeiter.

Ein Umstand, mit dem die Bewohner angesichts von 750 im Gemeindegebiet ausgebrachten Geruchsportionen in den nächsten zwei Wochen wohl oder übel leben müssen. So lange dauert die Vergrämungsaktion, von der niemand zu sagen weiß, ob sie erfolgreich sein wird. Spätestens nach 14 Tagen, so die Erfahrung von Jägern, hätten sich die als schlau geltenden Wildschweine an den Gestank gewöhnt und würden nicht mehr flüchten.

„Kurzfristig könnte die Aktion durchaus wirksam sein, ob langfristig Erfolge zu erzielen sind, bleibt fraglich“, meint Tino Erstling vom Brandenburger Landesjagdverband. Die Probleme vor allem im Berliner Speckgürtel seien nicht neu. „Städter wollen naturnah leben und ziehen raus ins Grüne, wundern sich dann aber, wenn die Natur zu ihnen kommt“, sagt er. Ein sicherer Schutz gegen Wildschweine sei letztlich nur eine stabile Umfriedung des eigenen Grundstücks.

Ilona Tews bestätigt das. Sie ist mit ihrer Familie vor fünf Jahren aus der Hauptstadt nach Vogelsdorf gezogen und hat dank stabiler Zäune noch keine Wildschweine im eigenen Garten gehabt. Sie wohnt allerdings in einer Straße, in der riesige Schwarzkittel morgens schon Schulkinder oder Briefträger erschreckten und wo vor fast jedem Grundstück rot-weißes Flatterband weht.

„Vor zwei Jahren haben sich die Tiere davon noch abschrecken lassen, inzwischen stört sie das gar nicht mehr“, schildert sie und zeigt auf die durchpflügten Bereiche hinter dem Flatterband. Dass die aktuelle Vergrämungsaktion außer der Geruchsbelästigung etwas bringt, bezweifelt Tews.

„Das allein wird sicher nicht reichen“, meint auch Bürgermeister Krieger . Er setzt auf ein einsichtiges Umdenken seiner Nachbarn. „Fallobst, Rasenschnitt und anderer Kompost gehört nicht an den Straßenrand, weil es die Allesfresser erst anlockt“, betont er. Und: „Joggen oder Gassi-Gehen entlang von Feldern, Wiesen und Waldgebieten behindert Jäger in der Dämmerung.“

 

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erstellt am 08.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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