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Brandenburg

01. Oktober 2016 | 17:29 Uhr

Neue Nutzer für letzten DDR-Kirchenbau : Leben im Gemeindezentrum

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Es war einer der letzten Sakralbauten der DDR: Das evangelische Gemeindezentrum im Frankfurter Ortsteil Neuberesinchen

Wenn Kantor Stephan Hardt aus den Fenstern seiner Sechs-Raum-Wohnung am Rande von Frankfurt (Oder) sieht, schaut er ins Grüne. Nur der Blick aus dem Schlafzimmer fällt aus dem Rahmen. Statt in die Natur geht er auf die unansehnliche Fassade eines Plattenbau-Würfelhauses, von dessen Balkons die Farbe blättert. Der Mehrgeschosser steht ziemlich nahe, so als könnten die Bewohner ins Fenster von Familie Hardt greifen. Der Hausherr bleibt gelassen. „Der Block kommt auch noch weg“, erklärt er seelenruhig. Hat er doch in den vergangenen Jahren erlebt, wie das gewohnte Umfeld langsam verschwand.

Vor 13 Jahren zog Hardt mit seiner Familie aus Thüringen in die Stadt an der Oder. Der Kirchenmusiker hatte eine Stelle als Kantor bei der evangelischen Kirchengemeinde angenommen. Mangels geeignetem Wohnraum - beim Musizieren auf Instrumenten geht es etwas lauter zu - zogen die Neuankömmlinge in ein 140 Quadratmeter großes Quartier im evangelischen Gemeindezentrum inmitten des Frankfurter Plattenbauviertels Neuberesinchen.

Der Klinkerbau mit einem Innenhof war ab 1988 gebaut worden - für Westgeld, wie sich Kirchenältester Peter Fritsch erinnert, seinerzeit Bauleiter für das Objekt. „Als die Devisen in der DDR immer knapper wurden, durfte der Westen ostdeutschen Kirchengemeinden auf diese Weise helfen“, erklärt er. In den Plattenbauten von Neuberesinchen lebten damals mehr als 20 000 Menschen, das evangelische Gemeindezentrum mit großem Saal, einem hölzernen Altar, einer Orgel und Büroräumen war daher sinnvoll platziert. Allerdings nur für wenige Jahre.

Nach der Wende begann die Abwanderung. „Wer es sich leisten konnte, suchte sich etwas Besseres zum Wohnen“, so Fritsch. Als Hardts herzogen, war der großflächige Abriss bereits im Gange, das Gemeindezentrum von hohen Plattenbauten aber noch regelrecht umzingelt. „Uns machte das nichts aus. Die Wohnung war groß, die Miete preisgünstig und der begrünte Innenhof unser Rückzugsgebiet“, sagt der 46 Jahre alte Kantor.

Jedoch sei es aufgrund der dicht gedrängten Nachbarschaft schon „ziemlich voll“ gewesen. „Weil die Häuser so hoch waren, fiel kaum Licht durch unsere Fenster“, berichtet Tochter Gesine. Sie und ihre zwei Geschwister haben nicht gern in Neuberesinchen gelebt. „Bei den Mitschülern warst du abgestempelt“, sagt die 20-Jährige, die die Abriss-Blöcke mit den dunklen Fensterhöhlen noch als „gruselig“ in Erinnerung hat. Auch im Gemeindezentrum wurde es immer leerer - es gab keine Gottesdienste, Christenlehre oder Konfirmandenarbeit mehr, keinen öffentlichen Jugendtreff.

Nur das 14-tägige Arbeitslosenfrühstück sorgte für etwas Leben im Haus. Der große Saal wurde für Hochzeiten, laute Feiern und Proben der „Devil Dancers“ vermietet. „Wir haben hier schon einiges mitgemacht“, so Kantor Hardt. Das soll sich in diesem Jahr ändern. Es laufen Umbauten. Die Kirchengemeinde gewann die Frankfurter Wichern Diakonie als neuen Mieter. Sie will eine Tagesstätte für psychisch Kranke im Gemeindezentrum einrichten. „Wir mussten uns etwas Dauerhaftes einfallen lassen. Aufgeben wollten wir das Zentrum nicht“, so der Kirchenälteste.

Hardts wissen noch nicht, ob sie bleiben. Das hat nichts mit den potenziellen neuen Nachbarn zu tun. Einen Nachteil ihrer grünen Wohnlage hat die Familie bereits ausgemacht. Die Plattenbauten fungierten gewissermaßen als Schallschutz. Seit sie nicht mehr stehen, hören Hardts vor allem nachts den Verkehrslärm der vielbefahrenen A 12. „Wir arbeiten viel mit dem Gehör, da sind diese Dauergeräusche ziemlich belastend“, sagt Kirchenmusikerin Heike Hardt.

Eine erneute Bebauung in Neuberesinchen ist aufgrund des Bevölkerungsrückganges in Frankfurt (Oder) nach Angaben der Stadtverwaltung nicht geplant. Der Fokus des Stadtumbaus liegt mittelfristig auf der Innenstadt.

 

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