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Brandenburg

24. August 2016 | 10:38 Uhr

Brandenburg : Lack und Leder auf dem Lehrplan

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sexualpädagogen rechtfertigen ihre teilweise umstrittenen Methoden mit dem Kampf um Toleranz

Seit in Baden-Württemberg 200 000 Eltern mittels einer Petition gegen einen neuen Landes-Bildungsplan mobil machten, ist das Thema Sexualpädagogik in aller Munde. Was ist gut? Was ist zu viel? Das dürften sich angesichts einiger freizügiger Lehrbücher auch Eltern in Brandenburg fragen.

„Vielfalt von klein auf“ ist die Einladung überschrieben. In Zusammenarbeit mit dem Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg bietet eine Initiative Kita-Fachkräften aus der Region Weiterbildung an. Etwas sperrig formuliert geht es den Veranstaltern „um die besondere Relevanz der Themen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Kontext von Inklusionspädagogik im Bereich der frühkindlichen Bildung und Erziehung“.

Sexualkunde im Kindergarten? Ist das nicht ein bisschen früh? Fragen werfen auch diverse Standardwerke zum Thema auf, etwa Elisabeth Tuiders „Sexualpädagogik der Vielfalt“, in dem für 15-Jährige als Unterrichtsaufgabe vorgeschlagen wird, ein Bordell zu modernisieren. In Kleingruppen sollen die Schüler darüber diskutieren, was im „Freudenhaus der sexuellen Lebenslust“ anzubieten ist, um „verschiedenen Lebensweisen und verschiedenen sexuellen Praktiken und Präferenzen“ Rechnung zu tragen. In einer anderen Übung sollen 14-Jährige im Rahmen einer virtuellen Auktion Dildos, Potenzmittel, Handschellen sowie Lack- und Leder-Utensilien ersteigern, um sie dann an die sieben Parteien eines Mietshauses zu verteilen, unter ihnen Schwule, Lesben, Alleinerziehende und Spätaussiedler, aber keine klassische Familie aus Vater, Mutter, Kind.


Ein Gedicht über Analverkehr


Schließlich wird in dem Buch noch für 13 Jahre alte Mädchen und Jungen angeregt, per Gedicht, Theaterstück oder Skulptur vor der Gruppe über ihr „erstes Mal“ zu reflektieren. Gerne auch über das erste Mal Analverkehr, wie in den Unterrichtsmaterialien hervorgehoben wird. Was soll das? Hilft das den Kindern?

Sandra Schramm, seit zehn Jahren für Pro Familia als Sexualpädagogin in Brandenburg unterwegs, muss erst mal tief Luft holen, bevor sie sich als Anhängerin der Kasseler Soziologie-Professorin Elisabeth Tuider outet. „Ich finde das Buch eigentlich sehr gut“, sagt sie. „Aber nicht alles“, schiebt sie hinterher. Das Buch von Tuider und anderen Autoren sei keine Bibel. „Da werden 200 verschiedene Aufgaben vorgestellt.

Viele sind gut, aber bei etlichen gehen mir die Verfasser auch zu weit.“ Schüler vor einer Gruppe über ihr „erstes Mal“ sprechen zu lassen, sei in ihren Augen „ein No-Go“. Außerdem würde sie in ihren Kursen unter 18-Jährigen keinen Dildo zeigen. Und die Aufgabe „Bordell-Modernisierung“ würde sie auch nicht auswählen. Aber alle paar Jahre werde durchaus mal die Bitte an sie herangetragen, mit Schülern etwas zum Thema Prostitution zu machen, weil es dazu Fragen in der Gruppe gibt.


Menschenrechte, Respekt und Anstand


Ähnlich fällt das Feedback der Evangelischen Schulstiftung Berlin-Brandenburg zu den unkonventionellen Bildungsansätzen aus. „Oh, das geht gar nicht“, sagt Sprecherin Iris Stegmann zu den Themen Bordell und „erstes Mal“ in größerer Runde. Gleichzeitig bricht sie eine Lanze für eine moderne Sexualpädagogik, die Kinder stark mache, nein zu sagen, etwa wenn sie gegen ihren Willen aufgefordert werden, eine Tante zu küssen.

Auch das Verständnis für sexuelle Vielfalt könne man gar nicht früh genug wecken, betont Stegmann. „Das Ziel ist, Vorbehalte gegen Menschen mit anderen Vorlieben gar nicht erst entstehen zu lassen.“ Denn leider gebe es bei vielen Grundschulkindern bereits „sehr massive Vorurteile“ etwa gegenüber Homosexuellen. Nicht umsonst sei „schwule Sau“ eines der am häufigsten gebrauchten Schimpfwörter auf dem Schulhof.

Aus kirchlicher Sicht stellt Iris Stegmann klar: „Die Thematisierung Homosexualität ist keine Werbung für diese Lebensform und kein Plädoyer für die Abkehr von der klassischen Ehe.“ Es gehe hier um Menschenrechte, um Respekt und Anstand im Miteinander. Allerdings gelte es, Sexualpädagogik mit Vorsicht zu betreiben, den Unterricht sorgfältig vorzubereiten, mit den Fragen der Kinder zu arbeiten und nicht etwas über ihre Köpfe hinweg zu vermitteln. „Und es muss Standard sein, dass zuvor auf Elternabenden darüber informiert wird, was man vorhat.“

So hält es auch das Landes-Schulinstitut Lisum. Es verknüpft die Sexualpädagogik eng mit Demokratieerziehung und Wertevermittlung. „Wir setzen auf Materialien, in denen die traditionelle Familie natürlich weiterhin vorkommt, aber eben auch andere Konstellationen“, betont Lisum-Experte Michael Rump-Räuber. „Die Schule informiert anders als die Eltern“, sagt er. Deshalb sei das Angebot für die Kinder wichtig. An die Adresse von Erwachsenen, denen das alles zu weit geht, sagt Michael Rump-Räuber: „Es ist eine Tatsache, dass bereits in der Grundschule viele Kinder Pornofilme auf ihren Handys haben. Die Pädagogen müssen Wege finden, damit umzugehen.“

Der Sexualpädagogin Sandra Schramm ist der Verweis sehr wichtig, dass die Ansprache der Kinder stets altersgerecht sein müsse. „Es ist sehr gut möglich, sexuelle Vielfalt schon im Kindergarten zu thematisieren“, sagt sie. Wenn zum Beispiel ein Kind von zwei Vätern oder einem lesbischen Paar erzogen wird, sei doch klar, dass Fragen kommen. Die Art und Weise, wie Fachleute dann mit den Mädchen und Jungen reden, unterscheide sich deutlich von der Ansprache an Grundschüler.


Viele leben weiter nach alten Normen


Spricht man die Expertin auf die Debatte in Baden-Württemberg und anderswo an, wonach eine nicht näher beschriebene „Schwulen-Lobby“ hinter der modernen Sexualpädagogik stehe, winkt sie nur ab. „Es geht nicht um Ideologie, sondern um positive Grundwerte, die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.“ Die Aufgeregtheit vieler Menschen über 40 rühre daher, dass Homosexualität noch vor 20 Jahren gesellschaftlich geächtet wurde. „Viele leben weiter nach den Normen, die ihnen in der Pubertät vermittelt wurden“, sagt Sandra Schramm. Aber in den vergangenen Jahrzehnten sei nun einmal viel passiert. „Transsexualität ist heute nichts Besonderes mehr.

Das haben Jugendliche schon x-mal in TV-Seifenopern gesehen.“ Auch um sie nicht mit diesem Halbwissen allein zu lassen, sei es wichtig, dass geschulte Pädagogen Zusammenhänge erklären, argumentiert die Expertin.

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