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Brandenburg

30. September 2016 | 05:13 Uhr

Kleines Theater Wandlitz : Kunst wie im Wohnzimmer

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Das Theater am Wandlitzsee soll mit professionell einstudierten Stücken dem historischen Bahnhof neues Leben einhauchen

Sascha Gluth steht auf dem Podest und schaut in den Saal, in dem in engen Reihen Holzstühle stehen. Sonne fällt durch große Fenster auf rot gestrichene Wände. Der Schauspieler lächelt. „Ich habe schon auf vielen Bühnen gestanden. Aber das hier ist schon ein angenehmes Gefühl.“ Kein Wunder, Sascha Gluth hat selbst Schraube um Schraube in die Spanplatten gedreht und diesen Ort in das verwandelt, was er jetzt ist. „Wir haben sofort gesehen: Das könnte ein Theater sein“, sagt Julia Horvath. Früher war hier die Bibliothek untergebracht, jahrzehntelang dienten die Räume als Büros.

Nun wirkt es, als sei hier nie etwas anderes als ein kleines Schauspielhaus gewesen. Dabei stehen die Terrassenmöbel noch im Foyer, Kronleuchter und goldene Vorhänge existieren nur in den Beschreibungen des Schauspielerpaares, das im ersten Stock des Bahnhofs Wandlitzsee in wenigen Tagen ein Theater eröffnen wird.

Von der Terrasse des teils hell getünchten Backsteinbaus öffnet sich der Blick auf den Park vor dem Strandbad und den Wandlitzsee. „Diese Immobilie ist ja etwas Wunderschönes. Aber sie liegt ein bisschen im Dornröschenschlaf“, sagt Julia Horvath. Im Erdgeschoss befinden sich Läden, die erste Etage jedoch stehe seit zwei Jahren leer. Das Schauspielerpaar, das vor ein paar Jahren aus Berlin in den Wandlitzer Ortsteil Schönwalde (Barnim) zog, hat gezielt einen Ort für ein kleines Theater gesucht. Der Bahnhof Wandlitzsee liegt zentral, ist mit dem Auto und der Heidekrautbahn gut zu erreichen.

Julia Horvath und Sascha Gluth wissen aus Erfahrung: Theater kann auch abseits großer Städte funktionieren. Den Sommer über haben sie in Wismar „Faust“ gespielt – mit ausverkauften Vorstellungen. „Hier aber geht es darum, ein ganzjähriges Angebot zu schaffen“, betont Julia Horvath. Verlässlichkeit lautet die Devise. Weil kein Geld da ist, um jede Produktion aufwendig zu bewerben, setzen sie auf ein kontinuierliches Angebot und das Vertrauen ihres Publikums.

Freitags Konzert, sonnabends Theater und sonntags Kinderprogramm – jedes Wochenende. Das ist ambitioniert, da immer einer von beiden vor Ort sein will. Sie wollen als Gastgeber die Besucher persönlich willkommen heißen. „Wir wollen, dass die Leute die Räumlichkeit als ihre begreifen und in Besitz nehmen. Das soll kein Ort der künstlerischen Selbstbefriedigung werden“, so Sascha Gluth. Stattdessen solle es ein Zuhause sein, sagt Julia Horvath: „Wir erweitern unser Wohnzimmer.“

Schon vor der Eröffnung ist das kleine Theater mit knapp 100 Sitzplätzen fast ein drittes Kind geworden. Die zwei älteren Töchter – knapp drei und acht Jahre alt – werden damit aufwachsen. Mina, die Ältere, die schon auf der Bühne steht, hilft beim Einräumen. Während ihres „Faust“-Engagements in Wismar sind ihre Eltern in jeder freien Minute nach Wandlitz gedüst, um zu werkeln. „Das ist natürlich Irrsinn, aber wir wollen es“, sagt Julia Horvath.

Auch wenn die Schauspieler sich ihr Theater nach Hause holen – richtig sesshaft werden sie deshalb noch nicht. Wenn es Drehtermine oder Proben gibt, sind sie wieder unterwegs. Denn das Theater am Wandlitzsee ist bisher ein komplett aus eigener Tasche finanziertes Liebhaberprojekt. Die Gemeinde stehe dahinter, aber schieße kein Geld zu, erzählt Sascha Gluth. Die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) als Vermieterin unterstützte das Projekt, einige örtliche Unternehmen hätten sich mit Sachleistungen eingebracht.

Konzerte sollen ab 16 Euro, das Theaterprogramm 19 bis 23 Euro, Sonntagsvorstellungen fünf Euro für Kinder und acht für Erwachsene kosten. „Von Eintrittskarten kann man kein Theater betreiben“, sagt Julia Horvath.

Daher sollen die Räume auch in der Woche ausgelastet werden. Kinder und Jugendliche können Schauspiel- und Tanzunterricht bei Tanzpädagogen und Schauspielern nehmen. Auch privat können die Räume gemietet werden für Firmenfeiern und private Anlässe.

Das Theater soll nach dem Willen der beiden Gründer hochwertiges Schauspiel zeigen. Vor allem zu Beginn mit einem Fokus auf unterhaltsamen, aber niveauvollen Stücken, sagt Julia Horvath. Oft werden sie und ihr Mann auf der Bühne stehen. Mitte Oktober zeigt die ausgebildete Musicaldarstellerin ihr Marlene-Dietrich-Programm. Sascha Gluth wird in der Komödie „Marathon“ von Tony Dunham zu sehen sein, in der sich zwei Männer mittleren Alters auf einen Marathon vorbereiten und dabei über das Leben sinnieren. Auch Kunst soll im Theater gezeigt werden – angefangen mit dem Maler Manfred Zémsch, dessen Ausstellung zusammen mit dem Theater am 24. September eröffnet wird.

Durch ihre Theatergründung schlüpfen die Schauspieler in neue Rollen: Technik, Akquise von Stücken, Betreuung von Künstlern und Öffentlichkeitsarbeit liegen in ihren Händen. Sie laden auch die Zuschauer ein, ihren Teil beizusteuern.

 

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erstellt am 20.Sep.2016 | 05:00 Uhr

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