zur Navigation springen

Dreifach-Mörder aus Müllrose : Jan G. - eine tickende Zeitbombe

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Jan G. aus Müllrose hat seine Oma und zwei Polizisten getötet – die Gefahr, die von ihm ausging, war bekannt, die Morde hätten verhindert werden können

Ein Messer und ein Auto, das waren die Tatwaffen von Jan G. aus Müllrose. Drei Menschen hat der 24-Jährige am 28. Februar getötet. Je näher man das Leben des jungen Mannes beleuchtet, desto klarer wird, dass diese Katastrophe nur eine Frage der Zeit war. Und das wussten viele.

Leila G. wirkt gefasst, aber verletzt. Die Narben auf ihrer Seele sind in den vergangenen Jahren größer geworden. Verschwinden werden sie wohl nie. Immer wieder blättert sie in dicken Aktenordnern, die mit „Jan“ beschriftet sind, sucht Schriftstücke heraus, markiert die wichtigsten Stellen und schüttelt den Kopf.

Leila G. hat vor knapp zwei Wochen ihre Mutter verloren, sie wurde im Nachbarhaus, keine zehn Meter entfernt, getötet – im Bad und genau an ihrem 79. Geburtstag. Der Täter? Jan G., Leilas Sohn, dessen Blutspur bis nach Oegeln führt, wo er auf der Flucht zwei Polizisten totgefahren hat.

Wie es dem 24-Jährigen geht, der die Taten gestanden hat, das weiß seine Mutter nicht. Sie möchte ihn nicht sehen, nicht mit ihm reden. „Nein, nein, ich hasse ihn nicht. So etwas wie Hass kenne ich nicht“, beteuert die 54-Jährige. Aber es sei zu viel passiert. „Ich verstehe ihn einfach nicht.“

Zu tief sitzt der Schmerz, und zu groß ist die Angst vor dem Mann, der das Leben der Familie G. zu einem Albtraum hat werden lassen. „Ich kann immer noch nicht fassen, dass meine liebe Mutti tot ist“, sagt die Frau und ringt mit den Tränen: „Sie war noch so agil und voller Hoffnung.“ Aber auch an die Familien der toten Polizisten denkt sie jeden Tag und daran, dass das alles nicht hätte passieren müssen.
„Es war keine Frage, ob etwas geschieht, sondern wann“, seufzt Hilmar S., ihr Lebensgefährte, der zusammengesunken am Küchentisch sitzt. Jan G. war eine tickende Zeitbombe, und zwar nicht erst seit ein paar Wochen, sondern seit vielen Jahren. Immer wieder hat seine Mutter Hilfe gesucht. Gehört wurde sie selten.

Noch wenige Tage, bevor Jan G. zum Messer griff und dann ins Auto seines Opfers stieg, hatte sie dem gerichtlich bestellten Betreuer ihres Sohnes, der eine Art Vormund ist, eine E-Mail geschrieben, hatte ihm erzählt, dass der 24-Jährige seine Auflagen verletzt und trotz Verbots ihr Haus betreten habe. Seitdem fehle ein Messer – mal wieder. Die Antwort? Sollte das wieder vorkommen, solle die Mutter doch Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs stellen.
Leila G. schluckt. „Strafanzeige?“, fragt sie. Jeder wusste, was dann passiert. Dann würde ihr Sohn ausrasten. Er würde seine Mutter, deren Lebensgefährten und die Oma bedrohen – verbal und möglicherweise auch physisch. Er würde herumschreien, vielleicht die Axt nehmen und alles kaputt hauen – wie schon so oft.

„Wir haben uns hier eingeigelt“, erzählt die dreifache Mutter. „Wir hatten Angst!“ Um Jan und vor Jan. Sie spricht von einem Martyrium. „Er hat uns tyrannisiert.“ Über Jahre. Mehrfach hat er gedroht, seine Mutter zu töten, hat sogar ein Styroporkreuz gebastelt, auf dem „Mutter“ stand. „‚Du bist tot‘, hat er mir zugerufen, als die Polizei mal wieder vor Ort war, weil Jan zuvor seine große Schwester bedroht hatte. Als ich sagte, ‚Ich bin doch nicht tot‘, sagte er: ‚Noch nicht!‘“ Die Polizistin sei direkt daneben gewesen. Gehört hatte sie offenbar nichts.

Die Oma, Marianne G., war ebenfalls wiederholt Ziel seiner Attacken. Bei ihr wohnte der Enkel nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis von 2014 bis 2017. Sie finanzierte ihm sein Leben, versorgte ihn. Herumgebrüllt hat er dort oft. Sie habe mal erzählt, dass Jan sie umklammert und ganz fest an sich gedrückt habe, erinnert sich Hilmar S. „Ich könnte dich jetzt umbringen“, soll er gesagt haben. „Aber ich tue es nicht.“

Bereits Ende 2015, als ihr Enkel sich mal wieder im Klinikum Markendorf befand, weil er angekündigt hatte, das Wohnhaus in Müllrose abzufackeln, wandte sich Marianne G. an seinen Betreuer.

Sie kündigte Jan die Wohnung, wollte, dass er auszieht. „Da er aber über keinerlei Einkommen verfügt, ist zu befürchten, dass er sich zur Sicherung des Lebens Geld durch kriminelle Handlungen beschafft. Das muss im Interesse des betreuten Jan unbedingt verhindert werden“, schrieb sie. Eine zeitnahe Regelung seiner Einkommens- und Wohnsituation sowie seiner medizinischen Versorgung müsse unbedingt erfolgen.

Seit 2016 sollte der mehrfach straffällig gewordene Mann Spritzen gegen seine diagnostizierte Schizophrenie bekommen. Ob er sich die aber abholte, wurde nicht kontrolliert. Nur die Oma, die dafür gar nicht verantwortlich war, hatte ein Auge darauf.

Nach dem Hilfeschrei von Marianne G. passierte nichts. Sie schrieb immer wieder, bis kurz vor ihrem gewaltsamen Tod. Und immer wieder wurde sie vertröstet. Man sei auf der Suche nach einer Wohnung für Jan, hieß es. „Meine Mama ist total allein gelassen worden“, sagt Leila G. Und so wohnte ihr Sohn auch noch am 28. Februar 2017 bei ihr, als Marianne G. ihren 79. Geburtstag feiern wollte. Auch da gab es Streit. Die Rentnerin hatte ihrem drogenabhängigen Enkel den Geldhahn zugedreht. Damit wollte er sich nicht abfinden.

„Ich habe das Gebrülle durch die geschlossenen Fenster gehört“, erzählt Hilmar S. „Das war nichts Ungewöhnliches.“ Plötzlich sei es still geworden, und Jan kam aus dem Haus. „Er ging ganz ruhig zum Auto, so unauffällig in seiner Gestik und Mimik, so normal habe ich ihn noch nie gesehen“, sagt der 65-Jährige.

Und dann fuhr der Mann, der gerade einen Menschen getötet hatte. Einen Führerschein hat er nie besessen. Aber mit dem Auto ist er häufig gefahren – bis nach Bayern. „Die Polizei hat ihn oft zurückgebracht, wenn sie ihn mal wieder im Auto geschnappt hatten“, sagt Hilmar S., der an dem besagten Tag, nachdem der Wagen weg war, sofort nach der Oma schauen wollte. Doch die meldete sich nicht. Also rief er den Rettungsdienst. Kurz darauf wurde Marianne G. tot im Bad gefunden – mit kaputtem Schädel und einer Schnittverletzung am Hals.

Offensichtlich hatte Jan G. schon lange Gewaltfantasien, und er setzte diese auch in die Tat um. Im Jahr 2015 brach er seiner Katze das Genick und bahrte sie auf einem Kissen auf – mit Kerzen drum herum. Im selben Jahr versuchte er, den Partner seiner Mutter zu töten. „Er lockte mich ins Bad und erzählte mir etwas von einem kaputten Abfluss. Als ich mich hinunterbeugte, hörte ich das Klappmesser aufgehen“, berichtet Hilmar S. Als der junge Mann Leila G. hörte, ließ er von seinem Plan ab.

Doch wie konnte Jan G. so werden? Als sein Vater starb, war der Junge gerade einmal drei Jahre alt. Kurz darauf wurde er sexuell missbraucht – vom Vater seiner ältesten Halbschwester, der zu dieser Zeit beim Hausbau half. Leila G.s damaliger Lebensgefährte erwischte die zwei mit heruntergelassener Hose. Ein Prozess folgte. Aber Jan redete nicht darüber. Er litt still, vermutet seine Mutter.

Schon in der Grundschule in Müllrose sei er auffällig gewesen. „Aber er war sehr intelligent, beschäftigte sich viel mit Geschichte, Mathe und liebte Strategiespiele“, erzählt die Mutter. Kurzzeitig dachte die Familie sogar, er könnte das Gymnasium in Neuzelle besuchen.
Doch im zweiten Halbjahr der sechsten Klasse gab es immer mehr Komplikationen, die Leistungen reichten nicht. Auf eigenen Wunsch wechselte Jan auf eine weiterführende Schule in Frankfurt. Schon damals habe er sich viel rumgetrieben, sei nachts weggeblieben. „Ich hatte die Kontrolle über meinen Sohn verloren“, gibt die Mutter zu. Sie wandte sich wiederholt an das Jugendamt des Landkreises Oder-Spree, offenbarte sich. Passiert ist lange Zeit nichts – bis Leila G. auf eine Mitarbeiterin des sozialpsychiatrischen Dienstes stieß.

Die handelte, nachdem Jan zurück an der Müllroser Schule, Schulverbot bekommen hatte. Er durfte sich der Schule nicht mal mehr nähern. „Die Lehrerin sah sich außerstande, Jan zu unterrichten“, sagt die Mutter. Auch Drogen spielten da schon eine Rolle im Leben des Teenagers. Einbrüche, Bedrohung und Diebstähle folgten. „Aber richtige Konsequenzen hatte das vor Gericht nie“, ist Hilmar S. enttäuscht. Die Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Mithilfe des sozialpsychiatrischen Dienstes kam Jan 2007 in eine Erziehungseinrichtung. 2009 wurde er dort wegen „Unführbarkeit“ entlassen. „Alle kapitulierten und übergaben ihn immer wieder seiner Mutter“, sagt S.

In Müllrose ging der Albtraum weiter. Der Drogensumpf war zu tief, die Strafakte wurde dicker. Höhepunkt war eine Körperverletzung im Jahr 2009, bei der Jan einem Bekannten mit einem Messer in den Hals stach. Weitere Straftaten führten 2013 zu Gefängnis. Auch dort benötigte er medizinische Behandlung. In der Gerichtsakte heißt es, er habe eine Psychose entwickelt, „in der er seine eigenen Fäkalien aß und zwei Suizidversuche unternahm“.

Nach seiner Entlassung blieb er kriminell: Sachbeschädigung, Nötigung, Fahren ohne Fahrerlaubnis, räuberischer Diebstahl, Körperverletzung. Schuldfähig sei er aber nie gewesen, heißt es in der Urteilsbegründung vom Landgericht Frankfurt (Oder) im November 2016. Dort wird ihm erneut Schizophrenie bescheinigt und die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet – allerdings kommt es nicht dazu. Wieder gibt es Bewährung.

Für Leila G. und Hilmar S. stand fest: Der Sohn muss stationär behandelt werden – auch gegen seinen Willen. Deshalb stellten sie 2016 mithilfe eines Rechtsanwaltes und des Landkreises einen Antrag auf Unterbringung für psychisch Kranke. In diesem Rahmen wurde ein Gutachten erstellt. Dort steht: „Der Klient ist derzeit extrem verbal aggressiv und zeigt ein bedrohliches Auftreten. Weiterhin sind zukünftige Fehlhandlungen mit Eigen- und/oder Fremdgefährdungen zu erwarten...“ Das Dokument wurde ans Amtsgericht Eisenhüttenstadt geschickt, und es gab eine Anhörung – kurz nachdem das Landgericht sein Urteil bereits gefällt hatte. Wieder passierte nichts.

zur Startseite

von
erstellt am 13.Mär.2017 | 04:45 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen