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Brandenburg

10. Dezember 2016 | 15:39 Uhr

Oranienburg : Geheimnisse in Umzugskartons

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Historische Ermittlungsakten in Keller der Polizeifachhochschule in Oranienburg gefunden

In der Polizeifachhochschule in Oranienburg (Oberhavel) wurden im Keller eines Gebäudes Dokumente und Fotos aus der Zeit zwischen 1945 und 1990 entdeckt und gesichert. Darunter befinden sich Einsatzberichte der Polizei zum Volksaufstand am 17. Juni 1953 und dem Mauerbau am 13. August 1961.

Es ist schon ein Jahr her, dass Präsident Reiner Grieger im Keller eines Gebäudes der Fachhochschule auf ein paar Umzugskisten stieß, denen bis dahin offenbar nie jemand Beachtung schenkte. Grieger machte sich zunächst selbst daran, den Inhalt zu studieren. Dutzende Fotoalben mit Motiven aus vier Jahrzehnten DDR-Polizeiarbeit fand er darin, etliche Ermittlungsakten, Papiere zu Einsatzstrategien und Tatortarbeit, die Kriminalstatistik des Landes Brandenburg aus dem Jahr 1949 und vieles mehr.

Grieger war sich schnell darüber im Klaren: „Wir hatten einen Schatz gefunden. Da war professionelle Hilfe gefragt.“ Einen Monat lang hat sich nun der freiberufliche Archivar Raphael Hartisch mit den Kisten beschäftigt. Er hat die Funde gesichtet, sortiert und katalogisiert. Das Ergebnis in Zahlen: 548 Archivalien hat er in seinem Katalog aufgelistet: Dokumente, Broschüren und viele Fotoalben. Allein die Alben enthalten 4000 Fotos und noch einmal 2000 Negativstreifen.

Welchen genauen historischen Wert die Archivalien haben, können bislang weder Hartisch noch Grieger und dessen Stellvertreter Jochen Christe-Zeyse einschätzen. „Das müssen Wissenschaftler analysieren. Wir wissen nicht, ob einige der Dokumente als Duplikat vielleicht schon in anderen Archiven liegen und ausgewertet wurden“, sagt der Archivar. Damit das überprüft wird, soll der Fund dem Landeshauptarchiv angeboten werden.

Einige der Dokumente lassen die Herzen der Historiker durchaus höher schlagen. So lagen in den Kisten Protokolle von Polizeieinsätzen im Zusammenhang mit dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 und dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961. Akten und Fotos finden sich aber auch zu Missständen in der Landwirtschaft, Schludereien auf Baustellen, zu Diebstählen von Großvieh und zu Ermittlungen gegen Mitglieder des „Katholischen Hilfswerkes für Männer aus der Zone“ wegen Spionage. Ebenso gibt es etliche Einsatztagebücher und Fotos von Besuchen ausländischer Delegationen, Kulturveranstaltungen mit Jungen Pionieren oder auch Bilder von den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 in Berlin.

Das älteste Dokument ist von 1870. „Es handelt sich um den Militärpass eines Gefreiten aus dem Kreis Oberbarnim“, berichtet Hartisch. Wertvoll könnten die Dokumente aber noch für die Polizeifachhochschule selbst sein. „Anders als beim Militär, mit dem sich Historiker viel beschäftigen, sind Teile der Polizeigeschichte gar nicht erforscht“, sagt der Vize-Präsident der Fachhochschule, Jochen Christe-Zeyse. Er gehe davon aus, dass das Zentrum für Zeitgeschichte der Polizei einige der Dokumente annehmen wird. Reiner Grieger glaubt, dass einige in den Unterricht einfließen oder Thema in Studienarbeiten werden.

Der Präsident der Fachhochschule hat schon einige interessante Dokumente gefunden, die für die Lehre, aber auch für gestandene Polizeibeamte interessant sein könnten. Dazu gehören Dienstanweisungen und Ausbildungsunterlagen sogar Filme über die Arbeit der Polizei. „Damit kann man gut vergleichen, wie Polizei früher und heute gearbeitet und ausgebildet hat. Vieles war gar nicht anders.“

Bei manchen Funden musste vor allem aber Hartisch schlucken. Ein Ordner war voll von Aufnahmen von Mord- und Selbstmordermittlungen. „Das war nicht einfach anzusehen“, gesteht er. Hartisch vermutet, dass das Bildmaterial in der DDR für Schulungszwecke eingesetzt wurde. Unklar ist bislang, ob die Kisten schon im Keller standen, als die Polizeifachschule die Immobilie vor knapp elf Jahren vom damaligen Polizeipräsidium Potsdam übernommen hat oder vom alten Schulstandort in Basdorf (Barnim) mitgebracht wurden. 

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erstellt am 14.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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