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Brandenburg

25. September 2016 | 10:51 Uhr

Ein Dorf im Premierenstress

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Schwerterklirren und Mittelaltermusik: Fürs Theater geht es 600 Jahre in die Geschichte des Dorfes zurück

Das Lampenfieber steigt: Erstmals gibt es im Westbrandenburger Dorf Garlitz an der Grenze zu Sachsen-Anhalt Theatervorstellungen. „Auf der Bühne stehen dann Einwohner, die in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen“, sagt Ortsvorsteherin Gudrun Lewwe. Für das Mittelalterstück „Garlitz 1460 – ein Dorf lockt ins Mittelalter“ wurden bislang rund 300 Eintrittskarten verkauft. Zu den drei Vorstellungen auf dem Dorfanger – am Freitag, Samstag und Sonntag – werden je 400 Besucher erwartet. Bereits die Proben der Laiendarsteller lockten in den vergangenen Wochen Publikum an.

Das Dorf wurde landesweit bekannt mit einer der kleinsten Bibliotheken Brandenburgs. In einer ehemaligen Telefonzelle stehen auf Initiative des Heimatvereins etwa 250 Bücher, die kostenlos entliehen werden können. Die letzte Bibliothek gab es in dem 400-Einwohner-Ort vor mehr als 30 Jahren.

In dem Stück geht es um eine 600 Jahre alte Episode aus der Heimatgeschichte, in Szene gesetzt vom Orts-Chronisten. In einer Schlacht kämpften lokale Adlige um ihre Vorherschaft in der Region. „Aber alles mit einem Augenzwinkern“, sagt Reimund Groß. Der Garlitzer, von Beruf Schauspieler, ist als Regisseur im Einsatz. Anfangs hatten einige seiner Nachbarn Angst, auf der Bühne zu versagen und vielleicht kein Wort herauszubekommen, wie er berichtet. „Aber wir sind eine großartige Dorfgemeinschaft, da muss sich niemand schämen“, betont er. „Alle haben sich mittlerweile freigespielt.“ „Das Einstudieren hat allen großen Spaß gemacht“, sagt auch Lewwe. „Wir sind begeistert.“ Seit März hieß es im Dorf jeden Sonntag punkt 17 Uhr: „Ruhe. Probe“.

In Brandenburg gibt es nach Angaben des Kulturministeriums etwa 30 Amateurtheater. Etwa 20 von ihnen – meist beheimatet in kleinen Städten und Dörfern – gehören dem Landesverband der Amateurtheater an. „Ihr Repertoire ist groß, reicht von Tanztheater über alte und moderne Klassik bis zu Eigenproduktionen“, sagt Frank Grünert, 1. Vorsitzender und künstlerischer Leiter des Verbandes. Die Schauspieler seien ohne Gage dabei, nur aus Interesse am Theater.

In Garlitz stehen 15 Männer und Frauen direkt auf der Bühne. Dazu noch Techniker. „Glücklicherweise hat keiner Starallüren entwickelt“, sagt Regisseur Groß. Niemand nehme sich besonders ernst. „Die Männer fuchteln am liebsten mit den Schwertern herum und schlagen ihre Schlachten“, sagt Ortsvorsteherin Lewwe. Sie selbst steht als Magd in historischem Gewand auf der Bühne: „Ich habe aber keinen Text.“ Auch Kinder der Kita und Mitglieder des örtlichen Carnevalsclubs sind dabei. Sie zeigen einen mittelalterlichen Tanz.

Die Bühne wurde direkt an der Dorfkirche aufgebaut. Auf dem idyllischen Platz stehen Holzbänke und Stühle bereit. Ein Teil der Einnahmen aus den Einrittskarten – sie kosten fünf Euro – sollen dem Heimatkulturverein für neue Projekte zur Verfügung stehen.

Ob es eine Fortsetzung gibt und ein weiteres Stück einstudiert wird, ist bislang noch unklar. „Auf jeden Fall haben wir an dem Projekt Gefallen gefunden“, sagt die Ortsvorsteherin. „Wir nehmen das alles nicht bierernst“, betont Regisseur Groß. Seinen Schauspielern gibt er vor jeder Aufführung mit auf den Weg: „Habt Spaß, jetzt geht raus.“

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erstellt am 23.Sep.2016 | 05:00 Uhr

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