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Brandenburg

30. September 2016 | 18:51 Uhr

Kassenärztliche Vereinigung : Dr. Moor schließt die Lücke

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Der Nachfolger für eine verwaiste Praxis in Bad Freienwalde wird von Ärzten selbst finanziert

Die Kassenärztliche Vereinigung will mit eigenen Start-up-Praxen junge Ärzte auf das Land locken. Noch haben sich die Investitionen nicht bezahlt gemacht. Zudem kommen vor allem ältere Kollegen.

Sergius Moor ist eine Frohnatur, ein Mann mit warmherzigen Gesicht und grauem Kinnbart, der zu Scherzen aufgelegt ist, die dann in einem wunderbaren Akzent vorgetragen werden. Der 61-Jährige ist Russlanddeutscher und hat in seinem Beruf schon alles erlebt: Chefarzt in seiner Heimatstadt Ufa, drei Jahrzehnte Klinikalltag, einige Jahre in verschiedenen Gesundheitszentren. „Ich habe hier völlig von vorn angefangen“, sagt Moor. Trotz seiner Qualifikationen musste der gestandene Internist zuerst Praxisjahre absolvieren. Nach verschiedenen Stationen in der Hauptstadt und im Norden Brandenburgs ist er in Bad Freienwalde gelandet. Er führt seine eigene Praxis, ist jedoch bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg angestellt.

Dieses Modell wurde von der Standesvertretung vor drei Jahren eingeführt, um die medizinische Versorgung im Land zu verbessern. Vier Hausarztpraxen betreibt die KV in Forst, Guben, Joachimsthal und eben Bad Freienwalde, zudem wurden drei Facharzt-Zentren etabliert. Für akute Fälle wurden Praxen in Kliniknähe gegründet, um die Notaufnahmen zu entlasten. Die Ärztevereinigung will mit den Eigenbetrieben erreichen, dass sich Nachwuchsmediziner ausprobieren können, ohne Kredite schultern zu müssen. Das wirtschaftliche Risiko schreckt nach Erhebungen viele Ärzte ab. In einem Alter ab 50 Jahren sei es noch schwieriger, sagt Moor. „Ich kann mich jetzt auf meinen Beruf konzentrieren.“

Jeden Tag pendelt Moor zwischen Berlin-Karow, wo seine Familie lebt, und der Kurstadt, fast immer mit dem Zug. Trotz der langen Anfahrt habe er jetzt deutlich mehr Freizeit, sagt Moor. „In der Klinik wechseln sich Schichten und Bereitschaftsdienste ab, und man muss die Patienten schnell aus einem schlechten Zustand aufbauen“, berichtet er. Nun spürt er, dass sein Körper drei Gänge heruntergeschaltet hat. „Schnupfen, Schnupfen, Rückenschmerzen, das ist jetzt der Rhythmus.“ Die Hausarztpraxis stand nach einer erfolglosen Nachfolgersuche über Monate leer, bevor sie Anfang 2013 von der Kassenärztlichen Vereinigung übernommen wurde. Dadurch musste der Patientenstamm neu aufgebaut werden. Den Job übernahm Marina Michaelis, eine der zwei Schwestern. „Ich habe überall für den neuen Arzt geworben, auf der Straße, im Supermarkt, bei Bekannten“, sagt sie. Das Problem: Einige niedergelassene Ärzte sahen die Konkurrenz mit Argwohn. In der ersten Zeit sei er gelegentlich boykottiert worden, sagt Moor. Heute ist die Zusammenarbeit deutlich besser. KV-Sprecher Christian Wehry versichert, dass mit Kollegen und Berufsverbänden das Projekt besprochen werde. „Das passiert auch am Stammtisch.“ Erst wenn alle zustimmen, gibt es grünes Licht. Wehry verhehlt auch nicht, dass mit dem Engagement wirtschaftliche Ziele verbunden sind. Daher müssten sich die Investitionen, die aus dem Honorartopf der Ärzte gestemmt werden, irgendwann rentieren. Noch sei dies nicht der Fall.

„Wir müssen etwas ausprobieren“, sagt der Landesvorsitzende des Hausärzte-Verbandes, Johannes Becker. Daher sei der Weg richtig, mit angestellten Ärzten zumindest einige Lücken zu füllen. Zwar sei die Zahl der rund 1600 Hausärzte in Brandenburg seit Jahren konstant, jedoch steige der Bedarf an Versorgungsleistungen. „Die Bevölkerung wird älter und kränker“, sagt Becker. Einen Mangel an Hausärzten kann Wehry nicht erkennen. Er zeigt die Statistik. Ein Dutzend Regionalbereiche ist gesperrt, da die Versorgung über 110 Prozent liegt. In Bad Freienwalde müssten 20 Ärzte arbeiten – auch diese Quote wurde übererfüllt. Freilich sind die Kriterien der Bedarfsplanung veraltet. „Die Kollegen schultern tatsächlich immer mehr Arbeit“, sagt Wehry. 58 Stunden seien es durchschnittlich pro Woche – deutschlandweiter Spitzenwert. Unter den Umständen bleibt die Anwerbung schwierig. In den anderen KV-Praxen gab es bereits personelle Wechsel. Moor hat aber seinen idealen Job gefunden. „Die Leute sind zufrieden, obwohl ich kein Kuscheltier bin“, meint er. „Man muss viel zuhören, aber auch die Patienten erziehen.“  

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erstellt am 20.Sep.2016 | 05:00 Uhr

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