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Brandenburg

10. Dezember 2016 | 21:29 Uhr

Disko im Wald statt auf der Straße

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Brandenburger Jäger hat ein Gerät entwickelt, mit dem Wildunfälle verhindert werden sollen

Im Vorjahr kam es in Brandenburg zu knapp 16 000 Wildunfällen – mit teilweise verheerenden Folgen. Ein Jäger aus Klein Köris (Dahme-Spreewald) will diese hohe Zahl von Kollisionen nicht hinnehmen. Er hat ein Gerät gebaut, das Tiere von Straßen fernhalten soll.

Als Detlef Roggan vor zehn Jahren ein neues Revier in seiner Heimat in Dahme-Spreewald übernahm, wusste er nicht, wie häufig es dort auf den Straßen kracht. Mehr als 40 Wildunfälle registrierte der Jäger in seinem Sprengel, das von der Bundesstraße B 246 und einer Landesstraße durchschnitten wird. „Als Revierpächter muss du bei Nacht und Nebel raus, ein unangenehmer Job“, sagt der 62-Jährige. Und irgendwann habe seine Frau rebelliert. „Also musste ich mir etwas einfallen lassen.“

Roggan ist seit vier Jahrzehnten Jäger. Eines hat er in dieser Zeit verinnerlicht: „Wildtiere kann man nicht disziplinieren.“ Daher würden Rehe, Hirsche und Wildschweine niemals geordnet eine Straße überqueren, ebenso sind den Kreaturen die zahlreichen Schilder egal. Das Einzige, was funktioniert, sind Warnsignale. Roggan ist überzeugt, nach jahrelangem Tüfteln das passende Gerät konstruiert zu haben. Mittlerweile wird seine Wildampel in Serie produziert.

Das Prinzip dieser Ampel ist simpel. Sie enthält eine mit blauer Folie ummantelte Prismenfläche sowie unzählige, kleine Reflektoren. Wenn Scheinwerferlicht auf diese Spiegel trifft, entstehen blaue und grüne Lichtblitze in einem Radius von bis zu 180 Grad – wie bei einer Disko-Kugel. Dieser Effekt funktioniert bei Partys wunderbar, die Tiere werden dadurch abgeschreckt. „Blau ist die Signalfarbe für das Wild“, erklärt der Jäger. Rot dagegen löse keine Reaktion aus – viele Säugetierarten besitzen keine Rezeptoren für rotes Licht. Zudem gaukle das sich ständig verändernde Lichtbild eine Bewegung vor. Das führe dazu, dass die Tiere erst einmal abstoppen. Könnte ja ein Feind sein. „Und wir gewinnen wertvolle Sekunden, um einen Unfall zu vermeiden.“

Drei Monate hat Roggan seine Erfindung, für die ein Patent angemeldet ist, im eigenen Zuständigkeitsbereich getestet. Immer wieder beobachtete er nachts das Verhalten des Wildes. Sein stolzes Fazit: „Die Zahl der Unfälle wurde um 80 Prozent reduziert.“ Rasch fand der Mechanikermeister einen Produzenten – nicht im Fernen Osten, sondern vor der Haustür. Tausende Geräte wurden bereits von einem Kunststoff- und Gummiproduzenten in Motzen produziert.

Es gebe schon einige optische Wildwarner auf dem Markt, sagt Matthias König, Ingenieur in dem Unternehmen. Roggan habe jedoch einen viel höheren Wirkungsgrad erreicht. Doch während die Geräte in der Jägerschaft bundesweit guten Absatz finden, halten sich die Behörden bislang zurück. „Es laufen noch verschiedene Studien zu Wildwarnern im Straßenverkehr“, berichtet König. Auch in Brandenburg wurden schon blaue Reflektoren von Jägern versuchsweise an Leitpfosten geschraubt, nachdem kleinere Erhebungen die Wirksamkeit bestätigt hatten. Doch der große Wurf, eine Langzeit-Statistik, fehlt nach wie vor.

Der Projektingenieur hofft dennoch hierzulande auf den Durchbruch. Dies ist dann der Fall, wenn das Produkt eine offizielle Zulassung für den Straßenverkehr erhält. Dabei kann er mit dem Start zufrieden sein. Auf Straßen in Österreich und der Schweiz wurden die Wildampeln bereits installiert, auch in manchen Regionen Hessens, Bayerns und Baden-Württembergs. Schweden – die Region der Rentiere und Elche – will die Geräte ebenfalls ordern. Vor allem aber in Brandenburg läuft der Absatz sehr schlecht.

Roggan, der im Vorjahr einen Innovationspreis des Landes Brandenburg erhielt, ärgert sich über das Desinteresse. „Es gibt wenig Möglichkeiten, Wildtiere in der Fläche von Straßen fernzuhalten“, sagt er. „Das Verkehrsaufkommen steigt, man kann aber nicht die Natur überall plattmachen. Zäune und Brücken sind kein Allheilmittel.“ Gleichzeitig verweist Roggan auf die große Zahl von Wildunfällen in der Mark. Knapp 8000 wurden im ersten Halbjahr dieses Jahres registriert, 400 mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. In einem Prozent der Fälle wurden Autofahrer oder deren Insassen verletzt, ein Mensch starb.

Laut aktueller Statistik des Deutschen Jagdverbandes (DJV) wird alle zweieinhalb Minuten ein Zusammenprall zwischen Tier und Fahrzeug verzeichnet. Vor allem jetzt, während der Maisernte, sind Wildschweine sehr aktiv, warnt der DJV.

Das Potsdamer Infrastrukturministerium bewertet die Wildampel weitaus weniger euphorisch. „Uns ist keine Untersuchung bekannt, mit der die Wirksamkeit von irgendwelchen Reflektoren belegt wurde“, sagt Sprecher Steffen Streu. Zu einem negativen Ergebnis sei zuletzt die Bundesanstalt für Straßenwesen gekommen. „Es wurden auch schon CDs an Bäumen angebracht“, sagt Streu.

Unfälle könnten Autofahrer selbst vermeiden, so der Sprecher weiter. „Wenn man langsam und achtsam auf jenen Strecken fährt, an denen vor Wildwechseln gewarnt wird.“  

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erstellt am 08.Okt.2016 | 05:00 Uhr

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