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Brandenburg

03. Dezember 2016 | 03:29 Uhr

Mittelalterliche Bibliothek : Der Frankfurter Bücherschatz

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Zum 500. Jahrestag der Reformation rückt jetzt die mittelalterliche Bibliothek der einst kriegszerstörten Kirche wieder in den Blick.

Einige Frankfurter, die im Zweiten Weltkrieg in der damaligen Festungsstadt gelebt haben, müssen Leute mit Weitblick gewesen sein. Als die Front gegen Kriegsende von Osten her näher rückte, sicherten sie nicht nur ihr eigenes Hab und Gut, sondern auch die Schätze der Marienkirche.

Die kostbaren mittelalterlichen Bleiglasfenster wurden ausgeglast, der 1489 geschaffene Altar eingemauert, die um 1470 entstandene Sammlung wertvoller alter Bücher in Grüfte und Kellergewölbe gebracht. In weiser Voraussicht – denn der bedeutendste Sakralbau norddeutscher Backsteingotik wurde im April 1945 bombardiert und brannte aus.

Die historische Kirchenbibliothek rückt in Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum im kommenden Jahr, wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Die Stadt Frankfurt will den 500. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag mit einer großen Ausstellung feiern.

Gezeigt werden sollen auch wertvolle Bücher von St. Marien, die Historikern noch immer Rätsel aufgeben. Denn genau weiß heute niemand mehr, wann und von wem die Büchersammlung angelegt und wie sie genutzt worden war. Die ältesten erhaltenen Drucke stammen aus dem 15. Jahrhundert. Auch die Umstände ihrer Rettung sind nicht vollkommen geklärt. Denn es gibt kaum historische Dokumente oder gar Zeitzeugen. „Die Bücher haben ihre eigene Geschichte. Da wird sicher noch manches auftauchen“, sagt Wolfgang Töppen, Frankfurter Pfarrer im Ruhestand.

Fest steht schon jetzt, dass die 770 überwiegend aus dem Mittelalter stammenden Bücher nur noch Reste der einstigen Marienbibliothek sind. „1939 waren etwa 5000 Bücher aufgelistet“, sagt Gotthard Kemmether, Regionalhistoriker an der Frankfurter Europa-Universität Viadrina. Vermutlich war nur ein Teil 1945 vor der Kriegszerstörung aus den Regalen im Nordturm der Marienkirche genommen und in Sicherheit gebracht worden.

„Aber immerhin der wichtigste Teil - historische Werke zur brandenburgischen Geschichte, wissenschaftliche Monografien und Leichenpredigten“, sagt Hans-Gerd Happel, Direktor der Universitätsbibliothek. Gemeinsam mit der evangelischen Kirchengemeinde arbeiten seine Mitarbeiter derzeit an der Digitalisierung der Marienbibliothek, um sie einer breiten Öffentlichkeit nutzbar zu machen, ohne die Originale zu strapazieren.

Zu den wertvollsten Büchern gehören demnach die erste von Martin Luther herausgegebene Bibel in deutscher Sprache, ein weiteres Exemplar mit der Originalwidmung des Urhebers der Reformation. Eine Rarität ist auch die dreibändige „Summa Theologica“ von Thomas von Aquin, nur teilweise gedruckt und handschriftlich ergänzt. Überhaupt machen die handschriftlichen Randbemerkungen und theologischen Kommentare die mittelalterlichen Bücher von St. Marien laut Happel und Kemether zu besonderen Unikaten. „Das sind Spuren intensiver Studien“, sagt der Direktor der Frankfurter Uni-Bibliothek.

Wertvoll sind viele Exemplare auch aufgrund ihrer kostbaren Einbände in graviertem Leder oder Holz, mit metallenen Beschlägen und handgeritzten Goldschnitten. Wie bei den meisten Kirchenbibliotheken fiel die Blütezeit des „Frankfurter Bücherschatzes“ in das 16. und 17. Jahrhundert, als noch nicht jeder Bürger lesen konnte. Der Bestand wuchs durch Schenkungen wohlhabender Patrizierfamilien und Gelehrter.

Ende des 18. Jahrhunderts wurden alle Frankfurter Kirchenbibliotheken zusammengelegt und in St. Marien vereint. Auch wenn die Bedeutung der Marienbibliothek im Laufe der Zeit schwand, so waren sich die Frankfurter nach dem Zweiten Weltkrieg ihres Bücherschatzes bewusst, holten ihn aus den Kirchentrümmern und brachten ihn zunächst im evangelischen Gemeindehaus unter.

Ende der 1970er Jahre zog die Bibliothek schließlich in die Frankfurter St. Gertraudenkirche in einen eigenen Archivraum um. Das Gotteshaus beherbergt auch den Hochaltar, die Bronzetaufe und den siebenarmigen Bronzeleuchter von St. Marien.

Spätestens im kommenden Jahr sollen die Kirchenschätze in einer Reformations-Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert werden. Bis dahin müssen auch die Bücher restauriert werden - Wasserschäden, Holzwurmlöcher und Schimmel sind zu beseitigen. Die Frankfurter Kirchengemeinde und die Stadtverwaltung sammeln dafür gemeinsam Spenden unter dem Motto „Bürger von heute für Bürger von damals“.  

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erstellt am 16.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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