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Brandenburg

05. Dezember 2016 | 05:24 Uhr

Potsdam/Groß Kreutz : Bäckerlehrling nicht abgeschoben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Seine Integration verläuft wie nach dem Bilderbuch - trotzdem sollte Julio Aurelien Kengne nach Italien abgeschoben werden

Die Abschiebung eines Bäckerlehrlings aus Kamerun ist in letzter Minute gestoppt worden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) habe kurzfristig entschieden, das Asylverfahren des 29-Jährigen in Deutschland weiterzuführen, bestätigte das Brandenburger Wirtschaftsministerium.

„Ich bin überglücklich“, sagte Julio Kengne am Samstag, als Landeswirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) ihm die Nachricht persönlich in der Backstube überbrachte. Der Flüchtling will nun seine Ausbildung bei der Bäckerei Fischer abschließen.

Ursprünglich sollte der Kameruner, der Anfang September mit Zustimmung der Ausländerbehörde seine Ausbildung bei der Bäckerei begonnen hatte, am kommenden Donnerstag nach Italien abgeschoben werden. Denn dort hatte er nach einer gefahrvollen Flucht über das Mittelmeer in einem Schlauchboot zum ersten Mal europäischen Boden betreten. Nach dem sogenannten Dublin-Verfahren wäre somit Italien für das Asylverfahren zuständig.

Doch Minister Gerber hatte sich gemeinsam mit der Handwerkskammer beim Bundesamt für den Auszubildenden eingesetzt. „Zuvorderst geht es mir darum, dass wir für Handwerk und Industrie den Nachwuchs sichern“, sagte der SPD-Politiker. Viele Lehrstellen seien unbesetzt, viele Unternehmen suchten händeringend Leute.

Der Mangel an Auszubildenden und Fachkräften sei das größte Wachstumshindernis im Handwerk und in der Industrie, sagte Gerber dem „Tagesspiegel“. Allein der heimische Arbeitsmarkt reiche nicht mehr aus. „Wir brauchen auch Menschen aus anderen Ländern, ob aus Polen, Spanien oder Kamerun.“

Eine Abschiebung des jungen Mannes wäre auch für viele Betriebe ein „verheerendes Signal“ gewesen, warnte Gerber: „Wer soll denn noch einen Flüchtling als Lehrling einstellen und Zeit und Kraft in die Ausbildung stecken, wenn die Gefahr besteht, dass der Azubi kurzfristig ausgewiesen wird?“ Außerdem sei der 29-Jährige bereits vorbildlich integriert, berichtete der Minister. „Er spricht schon recht gut deutsch und eine Wohnung hier im Ort hat ihm die Familie Fischer auch schon besorgt. Außerdem ist er in der Kirchengemeinde aktiv.“ Das Ministerium hoffe, dass Julio nun seine Ausbildung abschließen könne.

Auch Bäckermeister Heino Fischer war voll des Lobes für seinen Azubi. „Man merkt, dass er nicht erst 16 Jahre alt ist, sondern mit 29 schon ein gestandener Mann“, sagte er. „Ein Mann, der die Arbeit sieht, umsichtig und fleißig ist und seinem Meister hilft.“ Dies müsse er seinen jüngeren Azubis meist erst beibringen.

Julio Kengne hoffte, sich in Groß Kreutz nun eine Perspektive aufbauen zu können. „Ich kenne den Unterschied zwischen Schrippen und Semmeln“, lachte er. In Kamerun habe er vor seiner Flucht im Sommer 2015 drei Jahre lang Wirtschaftswissenschaften studiert. Dann habe er dort nicht mehr bleiben können, sagte Kengne, ohne Einzelheiten zu nennen. Über Stationen in Dortmund und Köln kam er nach Brandenburg. „Bäcker in Groß Kreutz ist eine tolle Sache“, meinte Kengne zufrieden.

Am heutigen Dienstag kann er aus dem Flüchtlingsheim in die Wohnung in Groß Kreutz ziehen. „Zu unseren Arbeitszeiten mitten in der Nacht klappt die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht“, sagte Bäckermeister Fischer dazu.

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erstellt am 01.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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