zur Navigation springen

Waldsiedlung : Aufarbeitung des Systems Wandlitz

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Historiker Elke Kimmel und Jürgen Danyel sehen in der ehemaligen Waldsiedlung Wandlitz jedoch mehr als die „Bonzensiedlung“.

„Friede den Hütten, Krieg den Palästen“, lautete 1834 Georg Büchners Kampfansage gegen die Verschwendungssucht der Reichen und Mächtigen. Doch wie kann eine triste Siedlung aus immer gleichen langweiligen Einfamilienhäusern 155 Jahre später für Empörung in der Bevölkerung sorgen? Die Historiker Elke Kimmel und Jürgen Danyel helfen mit dem Buch „Waldsiedlung Wandlitz. Eine Landschaft der Macht“ zu verstehen, warum die Siedlung zum „Sargnagel“ für die SED-Führung wurde.

Kimmel und Danyel beschäftigen sich im 200-seitigen Band, der die Sonderausstellung im Barnim Panorama im Ort Wandlitz um viele Details ergänzt, mit der von der Bevölkerung besonders beargwöhnten „Sonderversorgung“. Sie sehen Wandlitz auch als weit über die Waldsiedlung reichendes System.

In zehn Kapiteln arbeiten sie die Geschichte der Siedlung auf und gehen sehr genau auf die Bewohner, den Alltag und die Protokollstrecke nach Berlin ein. Viele Bilder und Karten sowie mehr als 700 Anmerkungen erweitern die erste historisch-kritische Publikation, die mit dem Band „Waldsiedlung Wandlitz. Eine Region und die Staatsmacht“ im Ch. Links Verlag erschienen ist.

Ab 1960 mussten die Mitglieder des SED-Politbüros von Pankow in die Waldsiedlung Wandlitz in Brandenburg ziehen. Die Gründe lassen sich aus den vorhandenen Quellen nur lückenhaft rekonstruieren.

Die These, dass die Erfahrungen der SED-Führung mit dem Aufstand vom 17. Juni 1953 ausschlaggebend waren, aus Berlin wegzuziehen, sehen die Autoren kritisch. „In den wenigen überlieferten Dokumenten zur Vorbereitung und Durchführung des Umzugs nach Wandlitz [findet] der Schock des 17. Juni 1953 keine Erwähnung.“

Die Autoren gehen davon aus, dass es „die infrastrukturellen und technischen Faktoren [waren], die einen Umzug von Pankow in eine neu gebaute, speziell auf die Sicherheits- und Betreuungsbedürfnisse der Politbüromitglieder zugeschnittene Wohnanlage nahelegten“.

Für die Sicherheit, Betreuung und Versorgung war das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zuständig. Ob Personenschützer, Haushälterinnen, Gärtner, Köche, Kellner, Schneider oder Haustechniker – alle arbeiteten für das MfS. 1989 waren das sage und schreibe 3762 hauptamtliche Mitarbeiter.

In umfangreichen Kapiteln widmen sich Kimmel und Danyel der „Sonderversorgung“ und dem Alltag der Waldsiedlung. Während Walter Ulbricht einen bescheidenen Lebensstil pflegte und sich volksnah und proletarisch gab, entstand unter Erich Honecker „ein umfassendes und sich immer weiter ausdifferenzierendes System der Sonderversorgung und Rundumbetreuung“. Dazu gehörten die Lieferung von Blumen und Brötchen frei Haus, ein komfortabler Dienstwagen und hervorragende medizinische Betreuung. Die Bewohner konnten in der Verkaufsstelle zu stark subventionierten Preisen einkaufen – auch Westwaren, die es sonst in der DDR nicht gab. Für Sofortaufträge fuhren Mitarbeiter regelmäßig nach West-Berlin.

Langnese-Honig, Blendamed-Zahnpasta und Penaten-Creme – die Vorlieben der Spitzenfunktionäre klingen heute eher lächerlich als luxuriös. Doch die überzogenen Gerüchte von den paradiesischen Zuständen in der Waldsiedlung wirkten wie Gift in der DDR-Gesellschaft, in der kein Bereich nicht von Mängeln geprägt war und in der Werte wie Bescheidenheit und soziale Gleichheit auch von der Führungsschicht hochgehalten wurden. Kein Wunder, dass die ersten Fernsehbilder aus der streng abgeriegelten Politbürosiedlung im November 1989 in der Bevölkerung wie eine Bombe einschlugen und die Machthaber jegliche Glaubwürdigkeit kostete.

Kimmel und Danyel widmen sich sehr eingehend der erzwungenen Öffnung der Siedlung und der Berichterstattung, besonders der Elf 99-Reportage „Einzug ins Paradies“. Diesen Beitrag mit einer enormen Wirkung kann man sich in der Sonderausstellung im Barnim Panorama ansehen. Die von Elke Kimmel kuratierte Ausstellung ist eine reduzierte, durch Objekte und Fotos bereicherte Version des Buches.

Auch am historischen Ort kann man sich mit Hilfe von Stelen informieren und auf dem weitläufigen Gelände, auf dem sich eine riesige Reha-Klinik befindet, orientieren. „Authentisches“ findet man aber wenig. Die Wohnhäuser der Politbüromitglieder stehen noch, sind aber Teil des Klinikbetriebs. Im kollektiven Gedächtnis wird Wandlitz dennoch verankert bleiben – als Beispiel für die Kluft zwischen den hohen Ansprüchen einer politischen Elite und ihrem moralischen Versagen in der Praxis.  

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen