zur Navigation springen

Brandenburg

25. März 2017 | 03:01 Uhr

Dreifach-Mörder aus Müllrose : Anwalt: „Mechanismen haben versagt“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Rechtsanwalt Peter-Michael Diestel erhebt im Interview schwere Vorwürfe gegen Behörden. Der 63-jährige Jurist vertritt die Mutter von Jan G., der erst seine Großmutter und dann auf der Flucht zwei Polizisten getötet hat.

Der Potsdamer Rechtsanwalt Peter-Michael Diestel hat nach dem Tod von drei Menschen in Müllrose und Oegeln (Oder-Spree) schwere Vorwürfe gegen zuständige Behörden erhoben. Der 63-jährige Anwalt vertritt die Mutter von Jan G. Im Interview mit Janet Neider sagte der Jurist, dass die Verbrechen hätten verhindert werden können.

Herr Diestel, warum vertreten Sie Leila G. in der Nebenklage, was hat Sie an dem Fall gereizt?
Peter-Michael Diestel: Dieser Fall strotzt vor grausamer Skurrilität und vor Peinlichkeit. Alle Mechanismen, aber wirklich alle staatlichen Mechanismen, die vorgesehen sind, um solche schrecklichen Dinge zu verhindern, haben versagt. Schon nachdem ich mir die ersten Akten angesehen habe, die mir meine Mandantin zur Verfügung gestellt hat, muss ich davon ausgehen, dass es sich bei dem Täter, also bei ihrem Sohn, um einen psychisch sehr kranken Menschen handelt, der bekannterweise seit Langem für sich selbst und für das öffentliche Leben eine Gefahr dargestellt hat. Und diese Gefahr ist von den Verantwortlichen offenbar nicht ernst genommen worden. Ich werde jedenfalls ganz klare Ansprüche für meine Mandantin stellen.

Welche Ansprüche sind das?
Jedem Hinterbliebenen des Opfers einer Tötungshandlung stehen zivilrechtliche Ansprüche zu. Hier ist eine Tendenz zu erkennen, dass Hinterbliebenen auch ein eigener Anspruch auf Schmerzensgeld zuerkannt wird. Dies ganz besonders unter Beachtung des vollständigen Versagens der eben genannten Mechanismen.

Erst streichelte er liebevoll seine Katze, dann brach Jan G. ihr das Genick.
Erst streichelte er liebevoll seine Katze, dann brach Jan G. ihr das Genick. Foto: privat

Sie sagten, der Fall strotze nur so vor Skurrilität, was meinen Sie damit?
Es geht dabei nicht nur um die Justiz, sondern auch um andere Handelnde, die mit dem Sohn meiner Mandantin etwas zu tun hatten. Es gibt eine Vielzahl von Mechanismen, die die Gesellschaft vor solchen kranken, zur Gewalt neigenden Menschen schützen sollen und schützen können. Und die haben in diesem Fall alle versagt, vollständig versagt. Alles war über Jahre bekannt: die Bedrohlichkeit, die Drogensucht, die psychische Krankheit und auch der sexuelle Missbrauch von Jan G. im Kindesalter. Ich kann nachweisen, dass meine Mandantin die öffentlichen Stellen über Jahre auf die bestehende Gefahr hingewiesen und um Hilfe gebeten hat. Es hätte nach meinem Dafürhalten sehr viel früher etwas passieren müssen.

Ist es möglich, Versäumnisse der Vergangenheit in dem nun folgenden Prozess aufzuarbeiten, oder geht es dabei nur um die letzten Straftaten, also um die Tötung der drei Menschen?
In dem Prozess stehen die jüngsten Taten dieses kranken jungen Mannes im Mittelpunkt. Und daneben entstehen massive Ansprüche auf der Seite der Menschen, die durch sein Handeln zu Schaden gekommen sind, nämlich auf Seiten der Polizisten und meiner Mandantin. Es gab ja schon 2016 ein Strafverfahren gegen den Sohn von Frau G. Darin wurde er wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen. Das heißt, dass er nicht schuldhaft handeln konnte. Und nun muss man sehen, wie sein Handeln am 28. Februar, als er zwei hoch verdienten Polizisten und seiner Oma das Leben nahm, einzuschätzen ist.

Was passiert, wenn er erneut als schuldunfähig eingestuft wird?
Ein Schuldunfähiger kann nach strafrechtlichen Maßstäben nicht verurteilt werden. Hier gibt es gesetzlich vorgesehene Maßnahmen wie die Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus und vielfältige medizinische Therapien, die dann aber auch ausgeschöpft werden müssen, um den Schutz der Allgemeinheit und letztlich auch den Schutz des Sohnes meiner Mandantin vor einer Eigengefährdung zu gewährleisten.

Wie bewerten Sie die Rollen der einzelnen Agierenden im Fall von Jan G. – vom Jugendamt über den Bewährungshelfer und den Betreuer bis hin zum Gericht?
Das ist alles kompliziert, aber ich möchte dazu zum gegenwärtigen Zeitpunkt nichts sagen. Dazu werde ich mich dann, wenn es soweit ist, äußern. Es ist eine insgesamt sehr tragische und grausame Situation. Und es gab Fehler, die gemacht wurden.

Würden Sie sagen, dass das, was am 28. Februar in Müllrose und Oegeln passiert ist, hätte verhindert werden können?
Ja, das mit absoluter Sicherheit. Wenn die Verantwortlichen, die Beteiligten in dieser Geschichte die Warnungen, die Signale ernst genommen hätten, und davon gab es über viele Jahre genug, dann wäre es nicht so weit gekommen. Allein der Umstand, dass der Sohn meiner Mandantin vor wenigen Monaten wegen schwerer Delikte angeklagt war und freigesprochen wurde wegen Schuldunfähigkeit, da hätte etwas geschehen müssen.

Haben Sie eine Ahnung, wann der Prozess losgeht?
Nein.

Danke für das Gespräch

zur Startseite

von
erstellt am 17.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen