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Brandenburg

26. Juli 2016 | 00:03 Uhr

25 Jahre nach der Wende : Albtraum NVA-Knast

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Wer in der DDR-Armee diente, hatte von Anfang an Angst vor Schwedt – dem Militärgefängnis. Wer von dort zurückkam, war ein anderer Mensch

Die Zellen sind eng und klein, das Bett ist an die Wand geklappt. Licht kommt nur über ein kleines Fenster herein. Wer als Angehöriger der Nationalen Volksarmee (NVA) im Militärgefängnis Schwedt (Uckermark) inhaftiert war, vergisst das nicht. Die Häftlinge erwartete ein harter Alltag, der um 4 Uhr begann – mit schwerer Arbeit, militärischem Drill, Politunterricht. Wer sich widersetzte, landete in der Isolierzelle. An die Schließung des gefürchteten NVA-Knasts vor 25 Jahren wird an diesem Sonntag mit einer Veranstaltung erinnert.

Es gibt Zeitzeugen, die weinen, wenn sie sich erinnern. Andere hätten immer noch Angst, schildert Detlef Fahle, Vorsitzender des Vereins DDR-Militärgefängnis Schwedt. „Wir stehen hier als freie Menschen, das ist das Schönste“, sagt der 51-Jährige. Das Thema selbst ließ ihn über die Jahre nicht los – war er doch selbst drei Monate inhaftiert.

Doch es brauchte Zeit, bis er sich der Vergangenheit stellen konnte. 2013 gründete er mit Gleichgesinnten den Verein. „Wir wollen Betroffenen ein Forum geben und uns engagieren, dass dieser historische Ort nicht vergessen und erhalten wird“, sagt er – und denkt an eine kleine Ausstellung und ein Informationszentrum für Besucher.

Vieles ist auf dem Gelände abgerissen worden, Firmen siedelten sich an. Ein Unternehmer sanierte einen Wachturm. Ein Teil der Flächen gehört der Stadt. Sie richtete im früheren Stabsgebäude ein Obdachlosenheim ein. Von den wenigen erhaltenen Gebäuden steht nur eins unter Denkmalschutz.

Vom ältesten Haus auf dem Gelände, dem Wachgebäude, soll nun die äußere Fassade unter Schutz gestellt werden. Der Verein stellte einen Antrag beim Landesamt für Denkmalpflege. „Der Großteil der Geschichte ist leider entsorgt worden“, sagt Fahles Stellvertreter, Thomas Welz.

Deshalb sei es wichtig, dass die Hülle dieses Gebäudes, das derzeit ein Motorradclub nutzt, erhalten werde. Mit diesem historischen Ort habe die Kommune ein Alleinstellungsmerkmal. Es gab nur ein Militärgefängnis in der DDR.

Die Stadt hat nach eigenen Angaben bisher Recherchen zu dem Thema unterstützt und sich um Förderung bemüht. Geplant sei eine große Informationstafel, sagt eine Stadtsprecherin. Eine Wanderausstellung könnte erstellt werden. Der Stadt fehle es aber an Kraft und Mitteln, einen Erinnerungsort zu schaffen, wie es der Verein wünsche. „Wir können das nicht leisten.“ Die Stadt sei behilflich, wie beispielsweise bei Recherchen über den Ort. Auch thematische Führungen würden organisiert.

Fahle und Welz, der auch in Schwedt inhaftiert war, haben Kontakte zu vielen Betroffenen und kennen viele Schicksale. Ein einstiger Häftling habe sich nicht auf das Gelände getraut, obwohl alle Türen offen waren, berichtet Fahle. „Er hatte Angst, dass hinter ihm abgeschlossen wird und er wieder drin ist. Es ist wie ein Stachel im Kopf, der langsam rausgezogen wird.“

Einige waren den Schilderungen zufolge jahrelang in psychischer Behandlung, anderen war die berufliche Entwicklung verbaut. „Die Verurteilung war in den Akten vermerkt.“ Und: „Für die meisten ist es eine Wunde, die nicht verheilt.“ Die Häftlinge seien gedrillt, gedemütigt und schikaniert worden.

Nach Schwedt kam, wer den Befehl verweigerte, Fahnenflucht beging oder sich gegen den Staat aussprach. Auch Alkoholdelikte oder Diebstahl konnten mit der Überstellung in das Militärgefängnis bestraft werden. Von 1968 bis 1990 verbüßten nach Vereinsangaben schätzungsweise bis zu 6500 NVA-Angehörige bis zu zwei Jahren Haft oder bis zu drei Monaten Arrest ohne Urteil.

Die Häftlinge mussten schwer arbeiten. „Wer sich an Schwedt erinnert, erinnert sich an die Tag und Nacht brennende hohe Fackel über dem Werk“, erzählt Fahle, heute Empfangschef eines Vier-Sterne-Hotels. „Wer Schwedt verließ, musste schweigen.“ Das sei eine zusätzliche Belastung der „doktrinären Umerziehung“ gewesen.

Derzeit laufen Gespräche zur Zukunft des Areals, mit vielen Beteiligten. Eine Machbarkeitsstudie soll erstellt werden und ausloten, wie das Gelände künftig genutzt werden kann. Seit März bietet der Verein Führungen an, immer am letzten Samstag im Monat.

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