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Umwelt

26. Juli 2016 | 08:30 Uhr

NATURSCHUTZ : 28,5 Millionen für die Natur

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Auf dem 10. Deutschen See- und Küstenvogelkolloquium stehen an diesem Wochenende die Wiesenvögel im Mittelpunkt.

Vor zwei Tagen war Dominic Cimiotti schon einmal hier. Durchs Fernglas hat er weit draußen im Beltringharder Koog eine Uferschnepfe ausgemacht, die dort offensichtlich auf ihrem Nest saß. Heute will er das Gelege in der weitläufigen Wiese finden. „Wir notieren die Position jedes gefundenen Nests und untersuchen die Vogeleier“, so der Biologe vom Michael-Otto-Institut für Wiesen und Feuchtgebiete. Die selten gewordenen, braun-melierten Vögel mit ihren langen Schnäbeln und Beinen brauchen besondere Aufmerksamkeit. „Der Bruterfolg ist seit vielen Jahren sehr gering“, erklärt Cimiotti, als er glücklich am Uferschnepfen-Nest anlangt. In einem Grasbüschel versteckt liegen vier oliv-grüne Eier, aus denen der Nachwuchs schlüpft – wenn alles gut geht. Bei diesem Gelege scheint alles in bester Ordnung zu sein, und so entfernt sich der Wissenschaftler nach getaner Arbeit schnell wieder. Aus der Ferne beobachtet er noch, wie einer der Altvögel zum Nest zurückkehrt und ohne Zögern die Eier weiter bebrütet.

Weltweit betrachtet bilden Seevögel inzwischen die am stärksten gefährdete Vogelgruppe. In Deutschland ist das Überleben der Vogelarten besonders bedroht, die auf Feuchtwiesen brüten. Für viele dieser Gefiederten sind die amphibischen Lebensräume der Kooglandschaften und Salzwiesen in der Übergangszone zwischen Meer und Land zur letzten Zuflucht geworden. Deshalb hat der Veranstalter des See- und Küstenvogelkolloquiums, die AG Seevogelschutz, die Bedrohung der an Nord- und Ostsee lebenden Wiesenvögel in den Mittelpunkt seiner diesjährigen Konferenz gerückt.

„Wegen des erheblichen Rückgangs dieser Arten wollen wir nach Möglichkeiten suchen, wie man an unseren Küsten wirksame Schutzprogramme aufsetzen kann“, so der AG-Vorsitzende Rolf de Vries . Neben dem Klimawandel stellt der nach wie vor voranschreitende Verlust der biologischen Vielfalt global die größte Herausforderung des aktuellen Natur- und Umweltschutzes dar.

Die Uferschnepfe dient als sogenannte Schirmart im Wiesenvogelschutz. Ihr lateinischer Name Limosa limosa gab den verschiedenen Initiativen ihren Namen, in Schleswig-Holstein etwa dem Life-Limosa Projekt, das in zehn Vogelschutzgebieten entlang der Nordseeküste mit einer Gesamtfläche von 23 000 Hektar realisiert wird. In Niedersachsen, wo fast zwei Drittel aller in Deutschland lebenden Uferschnepfen brüten, beträgt die Projektfläche sogar rund 80 000 Hektar. Die wichtigsten Wiesenvogelschutzgebiete liegen hier ebenfalls an der Nordseeküste und auf den vorgelagerten Inseln. Die Kosten für die Optimierung der Lebensräume betragen für beide Bundesländer zusammen etwa 28,5 Millionen Euro bis zum Jahre 2022.

Mehr als die Hälfte davon finanziert die EU aus ihrem LIFE+ Natur Programm (L’Instrument Financier pour l’Environnement = Finanzierungsinstrument für Umweltmaßnahmen). Den Rest tragen Länder, Kreise und Kommunen sowie mehrere, teils staatliche, Naturschutzstiftungen.

„Der Bestand der Uferschnepfe ist in den letzten Jahrzehnten erheblich eingebrochen, sie ist in Deutschland mittlerweile vom Aussterben bedroht“, berichtet Dr. Volker Salewski, Leiter des Limosa-Projekts am Michael-Otto-Institut. Wegen ihres hohen Anspruchs an die Größe und Beschaffenheit ihres Lebensraums richten sich die Projektziele insbesondere am Erhalt dieses Langschnabels aus. Andere Arten wie Alpenstrandläufer und Kampfläufer, die ebenfalls auf der Roten Liste der gefährdeten Arten stehen, sollen dabei von den Maßnahmen gleichermaßen profitieren. Die beiden Wiesenvogelarten brüten überwiegend nur noch an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste. Zusammen bringen sie es dort gerade mal auf schätzungsweise 25 Brutpaare. Weitere bedrohte Bewohner von Feuchtwiesen sind Kiebitze, Rotschenkel und Bekassinen.

Die ersten Schritte der seit 2011/2012 laufenden Projekte umfassten die genaue Erhebung der Brutvogelbestände und der maßgeblichen Gefährdungsursachen. Dabei wurde deutlich, dass nicht die Sterblichkeit der Altvögel, sondern vor allem der schwache Bruterfolg der Uferschnepfen deren Abwärtstrend begründet. „Statistisch betrachtet müssten pro Brutpaar 0,6 Jungvögel flügge werden, um das Vorkommen zu stabilisieren“, so Salewski. Nach einer Untersuchung des Wissenschaftlers aus Bergenhusen sind es aktuell nur 0,4. Bei diesem Wert wird sich der Bestand absehbar weiter verkleinern, die Uferschnepfe am Ende aussterben. So stellt sich für die Naturschützer die Frage, wie sie die Küken „in die Luft bringen“ können.

Wichtig erscheinen hydrologische Maßnahmen zur Wiedervernässung trockengelegter Wiesen, die mancherorts bereits angelaufen sind, so im Rickelsbüller und Beltringharder Koog, im Oldensworter und Dithmarscher Vorland an der Eider sowie in den Marschen der Insel Langeoog. Auf dem Küstenvogelkolloquium sollen auch unpopuläre Maßnahmen diskutiert werden, etwa das Öffnen von Sommerdeichen auf Inseln und Halligen, um die natürliche Überflutung von Salzmarschen wieder zu gewährleisten. Nur wenn die Wiesen nass sind, ist der Boden auch weich genug, so dass Uferschnepfen mit ihren langen Schnäbeln darin nach Nahrung stochern können.

Laut Salewski stellt die Aufnahme einer extensiven Beweidung und Mahd eine weitere notwendige Veränderung dar, mit deren Hilfe die küstennahen Wiesen wieder vogelfreundlicher werden. Gerade die Küken der am Boden in kleinen Gruppen brütenden Uferschnepfen sind auf ein niedriges, vielfältig strukturiertes und blütenreiches Grünland angewiesen, wo Insekten in ausreichender Zahl vorkommen, von denen sie sich ernähren. Eine ganz fehlende Bewirtschaftung ist für die heimischen Wiesenvögel daher ebenso schädlich wie eine monotone Intensiv-Landwirtschaft.

Aber auch das vermehrte Ausräubern der Bodennester durch Füchse, Iltisse und Marderhunde ist ein massives Problem für nahezu alle Küstenvögel in den Festlandsalzwiesen. Mithilfe von automatischen Nestkameras konnte nachgewiesen werden, dass sich die Raubsäuger vor allem im Schutz der Dunkelheit an den Gelegen vergehen. Zäune und Gräben zum Zurückdrängen der sich stark vermehrenden Fressfeinde könnten hier eine Entlastung der dezimierten Wiesenvögel bieten.

Die Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen und Lösungsansätze sollen auf Norderney ausgewertet und zum Nachsteuern bei der Umsetzung der Projekte genutzt werden. Wie auf der Weltbiodiversitätskonferenz im Oktober im südkoreanischen Pyeongchang erörtert wurde, ist eine reiche biologische Vielfalt die Basis für intakte Ökosysteme. Sie liefern Nahrungsmittel und Wirkstoffe für Arzneimittel, regulieren das Klima und sind wichtig für Bodenbildung, Nährstoffkreislauf und sauberes Trinkwasser.

Auch deshalb messen die Naturschützer dem Erhalt der bedrohten Wiesenvögel hierzulande eine große Bedeutung bei. „Wir brauchen eine intakte Natur – sie ist die Grundlage für ein gutes und gesundes Leben“, betont Rita Schwarzelühr-Sutter, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium. „Ich setze mich deshalb dafür ein, dass eine nachhaltige Entwicklung sie auch für künftige Generationen erhält.“


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