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Selbst gemacht

06. Dezember 2016 | 13:06 Uhr

Serie: Selbst Gemacht : Der erste Grabstein war für Tom

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Keramikerin Andrea Schürgut gestaltet den Abschied und das Erinnern – in dieser Folge von „selbst gemacht“ spricht sie über ihre Beweggründe

Wenn Andrea Schürgut traurig ist, geht sie in ihre Werkstatt, setzt sich an ihre Töpferscheibe und lässt ihren Händen freien Lauf. „Dann schaue ich, was aus den Materialien zwischen meinen Fingern entstehen will. Völlig zwanglos.“

Andrea Schürgut ist Künstlerin. Sie arbeitet mit Ton. 1966 im sächsischen Hoyerswerda geboren, zog es sie mit 22 Jahren an die Küste – zum Designstudium nach Heiligendamm. „Dort entdeckte ich meine Liebe zum Meer und meine Liebe zu Mecklenburg.“ Sie hatte eine Werkstatt bei Wismar, eine Galerie in Bad Doberan und seit 2008 lebt sie in Rostock. „Ich habe nie daran gezweifelt, dass die Kunst nicht mein Weg sein könnte. Ich hatte immer Lust, mich kreativ auszudrücken, also das, was in mir passiert, nach außen zu tragen.“ Inspiriert wird sie von den Geschichten der anderen, von ihrer eigenen Familie, ihrer 13-jährigen Tochter, ihren eigenen biografischen Wurzeln – und von Tom.

Vor 20 Jahren verlor Andrea Schürgut ihren vierjährigen Sohn. Tom war schwerstbehindert, litt unter Krampfanfällen, verbrachte ein Drittel seines kurzen Lebens in Krankenhäusern. Der Tod stand immer im Raum, beobachtete die Familie, aß mit ihr zum Abendbrot, verfolgte sie auf Schritt und Tritt. Schürgut schrieb ihre Abschlussarbeit über keramische Urnen – eine logische Konsequenz, wie sie sagt. „Mein Sohn lebte zu diesem Zeitpunkt noch ein Jahr, aber damit schaute ich den Dingen ins Gesicht.“ Der erste Grabstein, den Andrea Schürgut anfertigte, war der für ihr eigenes Kind.

Den Verlust zu verkraften, habe viel Zeit gekostet. „Ich habe meinen Frieden gefunden“, sagt die Wahlrostockerin heute. Seitdem sie sich mit dem Tod beschäftige, lebe sie leidenschaftlicher und bewusster. Tom sei immer bei ihr, sitze auf ihrer Schulter. Dieses Mal nicht mit schmerzverzerrtem Gesicht, sondern mit einem zufriedenen Schmunzeln. „Er sagt dann: ,Mama, es ist toll, was du da machst’.“

Andrea Schürgut hat den Schmerz gespürt, den ein Verlust auslösen kann. Mehrfach. Sie musste nicht nur ihren kleinen Sohn gehen lassen, sondern auch Abschied nehmen von der Oma und zuletzt von dem Vater ihrer Tochter. Doch sie hat gelernt, damit umzugehen und sich zur Trauerbegleiterin ausbilden lassen. „Ich kann meine Erfahrungen einbringen und merke, dass die Trauerverarbeitung den Menschen gut tut.“ Und diese hat in der „Feuermale“-Werkstatt viele Gesichter. Im Mittelpunkt stehe das Gestalten, mit oder ohne Ton, alleine oder in der Gruppe, den Abschied oder die Erinnerung. Gemeinsam werden Grabsteine und Urnen angefertigt, Särge verziert, Objekte, die den Verstorbenen vergegenwärtigen, geformt. Was dabei herauskommt, ist nie universell, sondern stets einzigartig – so wie der Mensch, der gegangen ist. In der Trauer solle nicht die Wut gewinnen, sagt Andrea Schürgut, „sondern Liebe und Dankbarkeit über das, was man hatte“.

Die Keramikern erzählt von einer Familie, die ein kleines Gästebuch in den Grabstein ihres Kindes gelegt hat – für alle, die es besuchen. Ein Abschied ohne Vergessen. „Trauer braucht Raum, einen Ort, wo man sie lassen kann“, sagt Andrea Schürgut. Ihre Werkstatt sei so ein Raum. „Der Tod ist das eine, der Umgang damit das andere. Egal, wann jemand gegangen ist, es ist immer möglich, in Gedanken an ihn etwas zu gestalten.“ Andrea Schürgut arbeitet mit Ton aus dem Westerwald und produziert Steinzeug. Sie hat sich auf Urnen und Grabsteine spezialisiert. „Das wird dichter gebrannt als Steingut, bei Temperaturen um 1250 Grad“, erklärt die Keramikerin. Steinzeug sei frost- und witterungsbeständig, könne dadurch auch draußen verwendet werden. „Die Objekte bleiben durchschnittlich acht Stunden im Brennofen. Je komplizierter sie sind, desto langsamer und achtsamer müssen sie gebrannt werden.“ Andrea Schürgut gibt auch Kurse. „Per Hand können alle Formen gestaltet werden, es dauert nur eben länger als mit der Töpferscheibe.“ Viele seien überrascht über das, was sie am Ende selbst geschaffen haben. „Auch wenn ich den Satz ,Das kann ich nicht’ oft höre, weiß ich, dass jeder Mensch kreativ ist.“ Das beste Beispiel dafür seien Kinder. „Es gibt kein Kind, das nicht kreativ ist. Bei den Erwachsenen ist die Kreativität nur manchmal verschüttet.“

Keramikatelier Feuermale: Fischerbruch 23 in Rostock, Telefon: 0381/1289691, Mail: info@feuermale-schuergut.de; wöchentlicher Kurs für Neueinsteiger und Kenner: dienstags 16.30 bis 18.30 Uhr.

>> Weitere Teile unserer Serie "Selbstgemacht" finden Sie im Dossier.

>> Alle Videos zur Serie finden Sie hier.

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erstellt am 19.Nov.2016 | 16:00 Uhr

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