zur Navigation springen

Selbst gemacht

09. Dezember 2016 | 00:58 Uhr

Serie: Selbst gemacht : Boah – Alter Falter!

vom
Aus der Onlineredaktion

Joachim Helm faltet meisterhaft filigranen Schmuck aus Origami-Papier

Sorgenfalten glatt zu bügeln ist für Joachim Helm eine Leichtigkeit. Er benötigt dazu ein schnödes Blatt Papier. Das er dann flugs, mit ein paar Handgriffen, in einen Kranich, eine Erdbeere oder ein Segelboot verwandelt. Ach wie schön! Und was sind das für kleine Schmuckstücke dort auf seinem Tisch? Winzige Ohrringe und filigrane Kettenanhänger. Daumennagelgroße Weihnachtswichtel. Alle aus Papier? Wie geht das? „Na ja“, gesteht Joachim Helm, „mittlerweile nur noch mit Lupe und Pinzette. Ich bin ja nicht mehr der Jüngste. Ein Alter Falter eben, wie mein Künstlername schon sagt.“

Den hat er einer Gruppe Jungen von der Ostsee zu verdanken, die zufällig an seinem Origami-Stand vorbeikamen. Sie blieben stehen, guckten, staunten und einer von ihnen sagte: Boa – Alter Falter! „Da wusste ich, das ist er“, erinnert sich der 59-Jährige. Er kratzt sich den weißen Stoppelbart und nimmt sich ein weißes Blättchen. Knifft, faltet es und erzählt dabei, wie er zum ersten Mal zum Origami gekommen ist. Das war nämlich vor vielen Jahren, als er mit seinen Kindern fröhlich bunte Papierwerke schuf. Nach einem halben Jahr hatten die Lütten keine Lust mehr. Joachim Helm machte noch ein wenig allein weiter, verlor das Hobby dann aber aus den Augen.

Vor 17 Jahren erinnerte er sich während einer Krankheitsphase daran, wie gut es ihm immer dabei gegangen war. Der gelernte Lithograph und Werbefachmann hatte sich in der Arbeitswelt bis zur Erschöpfung aufgerieben. Doch plötzlich, beim Origami, breitete sich wieder Ruhe in ihm aus. Er entfaltete sich, nahm sich und die Mitmenschen aus anderen Blickwinkeln wahr. Zu dieser Zeit lernte er seine jetzige Lebensgefährtin, eine Schwerinerin kennen. Gern zog er zu dieser „wunderbaren Frau“ in diese schöne Stadt, wie er sagt. Hier eröffnete Joachim Helm den kleinsten Schmuckladen Schwerins. Leider lag dieser ein wenig versteckt, sodass wenige seinen selbst gemachten Silberschmuck sahen. Einmal verirrte sich eine Japanerin in sein Geschäft. Sie kaufte ein wenig Schmuck und betrachtete dann schweigend das Regal mit den Origami-Figuren. Zwei Wochen später flattert ein Paket aus Japan im Laden ein. Darin befand sich ein Faltbuch und japanisches Papier. „Auf ihre bescheidene, ruhige Art hat sie meine Arbeit gewertschätzt“, sagt Joachim Helm, den damals ein Gefühl von Dankbarkeit durchströmte.

Indes bereitet ihm der Laden Sorgen. Eines Tages öffnet ihm eine Kundin die Augen: Warum gehen Sie nicht an die Ostsee, dahin, wo das Geld lockerer sitzt? Der Kunsthandwerker verkauft seinen kleinen Schmuckladen und schafft sich von dem Geld ein Marktzelt an. Auf Usedom will er einen Sommer lang testen, ob jemand seinen Origami-Schmuck kauft. Joachim Helm kann sein Glück kaum fassen. Der Andrang ist so groß, dass er mit dem Falten nicht hinterher kommt. Sein Schmuck, den er aus bestem japanischem Yuzen-Washi-Papier fertigt, kommt an. Damit er schweiß- und regenbeständig ist, lackiert er ihn vorsichtig. Die Kunden staunen, wie ein Mann solch kleine Figuren falten kann. Sein winzigstes Werk, ein Kranich, misst unglaubliche fünf mal fünf Millimeter. Ständig heißt es also: Zeigen Sie mal ihre Hände. „Ich habe ganz normale Hände“, antwortet der Schweriner, „ich habe mir die Feinmotorik nur über Jahre angeeignet.“ Inzwischen hat er den dritten Sommer auf Usedom hinter sich.

Glücklich stimmen den Schweriner nicht nur die vielen Kinder, mit denen er dort an seinem Stand bastelt, sondern auch die Heranwachsenden, die auf Kindergeburtstagen drei Stunden mit Geduld bei der Sache sind. „Origami ist einfach goldwert für Kinder“, sagt er. „Ich bin ja dafür, an den Schulen das Unterrichtsfach Origami einzuführen. So wie es in Israel der Fall ist. Origami ist nämlich nicht nur irgendein Bastelspaß, wie es noch in vielen Köpfen kursiert, sondern viel mehr. Die Faltkunst, eine 1000-jährige Tradition aus China, die in Japan weiterentwickelt wurde, fördert die Konzentration. Also das, woran es vielen Kindern heutzutage mangelt. Außerdem stupst Origami das kreative Denken an. Biologie, Geometrie, Mathe… alles fließt mit ein.“

Seit Generationen erfinden die Leute immer neue Origami-Formen. Und inzwischen ist die Papierfaltkunst auch in unserem Alltag angekommen – ob als Verpackung, Werbung oder Möbelstück. Das Anwendungsspektrum reicht von Cabriodächern bis zu Solarpanels von Raumschiffen. In den USA gibt es heutzutage an den Unis etliche Origami-Lehrstühle. Und ein paar Leute auf dieser Welt verdienen sogar ihr Geld mit dem Falten von papiernen Kunstwerken. Joachim Helm ist einer von ihnen. Der sorgt jetzt in der kalten Jahreszeit erst einmal für Nachschub. Setzt sich die Brille auf die Nase und faltet Schwäne, die mit den Flügeln wackeln, wenn man unten dran zieht. Mit diesen Schwänen lockt er im Sommer Neugierige an seinen Stand. Ist jemand interessiert, drückt er ihm eine Bastelanleitung in die Hand und sagt: „Probieren Sie den mal aus. Ein kleines weißes Blatt reicht aus. Mehr brauchen Sie nicht.“ Wer die Muße hat und sich tatsächlich zu Hause hinsetzt, wird mit aufmunternden Sätzen belohnt, die der Alte Falter auf das Blatt geschrieben hat. Gib nicht auf! Glaub an dich! Versuche es immer wieder! Du schaffst das! Da bin ich mir sicher. Alles Gute und viel Glück!

origami anleitung2
 


Zu sehen ist Alter Falter das nächste Mal beim Adventsmarkt im Schleswig-Holstein-Haus in Schwerin. Am Samstag von 12 bis 20 Uhr und am Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Weitere Infos gibt es auf www.origami-kunst-schmuck.de.

>> Weitere Teile unserer Serie "Selbstgemacht" finden Sie im Dossier.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen