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Medizin und Gesundheit

03. Dezember 2016 | 12:33 Uhr

Weltrheumatag : Lange Ungewissheit wird zur Lebensgefahr

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Weltrheumatag heute soll auf die Leiden Betroffener aufmerksam machen. Bei 63-jähriger Rostockerin besonders heimtückische Form der Krankheit diagnostiziert

Schmerzende und geschwollene Gelenke, Steifheit und abnehmende Beweglichkeit – da schrillen bei Medizinern die Alarmglocken: Symptome, die auf Rheuma hindeuten. Doch die Krankheit kann auch ein ganz anderes Gesicht haben und gar nicht so leicht zu erkennen sein. Die Rostockerin Gertrud Paap musste das am eigenen Leib erfahren. Erst als ihr Leben in akuter Gefahr war, diagnostizierten die Ärzte eine seltene Rheuma-Erkrankung.

Bei Gertrud Paap sind nicht die Gelenke befallen, sondern die Blutgefäße haben sich entzündet. Die Krankheit nennt sich Granulomatose mit Polyangiitis, auch bekannt als Morbus Wegener. Sie befällt den Hals-Nasen-Ohren-Bereich, die Lunge und auch die Nieren.

Als Gertrud Paap sich mit Hörproblemen an die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte im Südstadt Klinikum Rostock wendete, dachte noch niemand an eine Rheuma-Erkrankung. Die Mediziner dachten, es wäre eine einfache Mittelohrentzündung und behandelten die Patientin entsprechend. Doch das Hörvermögen der 63-Jährigen nahm weiter ab – erst auf dem rechten, dann auf dem linken Ohr. Es wurde sogar so schlimm, dass sie ihren Beruf nicht mehr richtig ausüben konnte.

„Ich wurde dann an der Nase operiert“, berichtet die Patientin. Die Ärzte vermuteten, dass ihr Gehörgang nicht ausreichend belüftet wird. Sie sei zwar skeptisch gewesen, willigte aber in der Hoffnung auf Linderung ein. Doch auch diese Maßnahme zeigte keine Wirkung. In den folgenden Wochen kamen weitere Beschwerden hinzu: verstopfte Nase, Schwindel und unerträgliche Kopfschmerzen. Außerdem verlor Gertrud Paap ihren Geschmackssinn und konnte eines Tages nicht einmal mehr eine Treppe hochsteigen, weil sie so schlecht Luft bekam.

In der Notaufnahme ging dann alles recht schnell: Sie wurde geröntgt und musste bald in eine Intubationsnarkose gelegt werden, weil sie ohne Hilfe nicht mehr atmen konnte. Mehr oder weniger durch Zufall sei sie vorher auf der rheumatologischen Station gelandet, erinnert sich Prof. Dr. Christian Kneitz, Chefarzt des Rheumazentrums am Südstadt Klinikum. Er hatte noch kurz die Gelegenheit, mit Gertrud Paap über ihre Krankheitsgeschichte zu sprechen, bevor bei der 63-Jährigen die Narkose eingeleitet werden musste. Die Kombination von Hals-Nasen-Ohren-Problemen, Gleichgewichtsstörungen und den massiven Lungenproblemen erweckte in ihm den Verdacht, dass bei der Patientin Morbus Wegener vorliegen könnte.

Ein Spezialtest brachte schnell Gewissheit: „Bei dieser Krankheit werden bestimmte Antikörper gebildet, die wir mittels Fluoreszenz-Mikroskopie sichtbar machen konnten“, erklärt Prof. Kneitz. Sie leiteten sofort eine entsprechende Therapie ein und nach etwa vier Tagen verbesserte sich der Zustand von Gertrud Paap zusehends. Nach zehn Tagen konnte sie wieder eigenständig atmen und aus der Narkose geholt werden. Glück im Unglück, denn Gertrud Paap litt zusätzlich an einer Komplikation der Rheuma-Krankheit. „Normalerweise bilden sich knotige Veränderungen in der Lunge, die nicht so gefährlich und gut zu behandeln sind“, erklärt der Rostocker Rheuma-Experte. Nur in seltenen Fällen komme es zu diffusen Einblutungen in die Lungenzwischenräume. „Diese Form der Erkrankungen endet zu einem hohen Prozentsatz tödlich, weil die Patienten ohne die entsprechende Behandlung an Atemversagen sterben.“

Gertrud Paap ist heute wohlauf. In einer mehrwöchigen Rehabilitation hat sie ihre Kraft und ihre Geschicklichkeit zurückerlangt, denn sie konnte weder laufen noch schreiben, als sie aus der Klinik entlassen wurde. Durch die lange Narkose und die fehlende Bewegung in dieser Zeit sei ihre Muskulatur geschwächt gewesen. „Außerdem befällt die Krankheit auch das Nervensystem, weswegen Gefühlsstörungen auftreten können“, erklärt Prof. Kneitz. Der linke Fuß der Rentnerin ist noch immer taub.

Die 63-Jährige wird ambulant im Rostocker Rheumazentrum behandelt. Die Nieren und die Lunge werden regelmäßig untersucht und das Blut auf Entzündungswerte und Antikörper überprüft – bisher mit zufriedenstellenden Ergebnissen. Gertrud Paap muss zudem einige Medikamente einnehmen. „Wir müssen eine erneute Aktivität der Krankheit vermeiden“, erklärt Dr. Antje Kangowski, die die Rostockerin derzeit behandelt. Bekommt Gertrud Paap einen neuen Schub, besteht die Gefahr, dass sie weitere Fähigkeiten verliert. Ihr Hörvermögen konnte sie nämlich nicht wieder erlangen, sie muss ein Hörgerät tragen. „Die Entzündung frisst Strukturen kaputt und die können nicht repariert werden“, so Prof. Kneitz.

Heute Veranstaltung  in  Rostock
Seit 1996 soll der 12. Oktober die Anliegen rheumakranker Menschen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Im Regionalen Rheumazentrum am Südstadt Klinikum Rostock, das für den gesamten Westen Mecklenburg-Vorpommerns zuständig ist, gibt es aus diesem Anlass heute eine Informationsveranstaltung. Betroffene und Interessierte haben die Möglichkeit, sich durch Vorträge und in Fragerunden zu den wichtigsten Rheumaerkrankungen zu informieren. Unter anderem werden der Osteoporose-Spezialist Prof. Dr. Hans-Christof Schober und Prof. Dr. Christian Kneitz, Leiter des Regionalen Rheumazentrums, über aktuelle Behandlungsmöglichkeiten des oft altersbedingten Knochenschwunds sowie über die Vermeidung schwerer Infektionen bei Rheuma-Patienten berichten. Weitere Themen sind die Erkennung von Rheuma bei Kindern, die Rolle der Haut bei rheumatischen Erkrankungen und die Möglichkeit einer Schwangerschaft für betroffene Patientinnen. Zudem stellen sich Selbsthilfegruppen vor. Beginn ist um 15 Uhr im Hörsaal des Südstadt Klinikums, der Eintritt ist frei.


Eine Krankheit mit vielen Gesichtern

Entgegen dem allgemeinen Sprachgebrauch gibt es „das Rheuma“ nicht als eigenständiges Krankheitsbild. Es ist vielmehr der Oberbegriff für mehr als 100 Erkrankungen. Der Begriff kommt vom griechischen „rheo“ und bedeutet so viel wie „ziehende Schmerzen“. Die meisten Ausprägungsformen äußern sich durch Schmerzen an den Bewegungsorganen, Muskeln, Sehnen, Gelenken oder im Bindegewebe. Es können aber auch Haut, innere Organe und das Nervensystem betroffen sein. Nach Angaben der Deutschen Rheuma-Liga ist Arthrose mit fünf Millionen Betroffenen in Deutschland die häufigste Form. Daneben gibt es die entzündlich-rheumatischen Krankheiten, bei denen sich das eigene Abwehrsystem gegen den Körper richtet. Aber auch Stoffwechselstörungen wie Gicht und Osteoporose zählen zu den Rheuma-Erkrankungen.

 Und nicht nur ältere Menschen erkranken daran: Laut Deutscher Rheuma-Liga leiden 20 000 Kinder und Jugendliche an chronischen entzündlich rheumatischen Krankheiten. Jährlich kommen etwa 1500 hinzu. An der Universitätsmedizin Rostock gibt es aus diesem Grund einen spezialisierten Kinder-Rheumatologen. Heilbar sind die Erkrankungen in der Regel nicht und begleiten die Betroffenen ihr ganzes Leben lang. Trotz moderner Forschung sind Mediziner bisher nur in der Lage, die Schmerzen zu lindern.

Rheumatische Krankheiten verlaufen meist in Schüben, das heißt neben akuten Krankheitsphasen mit massiven Schmerzen gibt es Zeiten, in denen die Patienten nahezu beschwerdefrei sind. Durch moderne Therapien kann die Zerstörung des betroffenen Gewebes aber aufgehalten werden. Je eher der Patient damit beginnt, umso weniger Schäden bleiben zurück. Bis zur Diagnose ist es allerdings häufig ein langer Weg: 13 Monate dauert es im Durchschnitt, bis ein Erkrankter erstmals zu einem Rheumatologen überwiesen wird, so die Deutsche Rheuma-Liga.

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