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Medizin und Gesundheit

30. September 2016 | 08:38 Uhr

Lesertelefon Extra : Keinen Demenztest im Internet machen

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Zahl der Erkrankten wird sich bis zum Jahr 2050 voraussichtlich verdoppeln. Experten gaben gestern in unserem Telefonforum Auskunft

Ich habe von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft gehört. Gibt es in Mecklenburg-Vorpommern eine solche Organisation? Und was macht diese genau?
Der Landesverband Mecklenburg-Vorpommern der Deutschen Alzheimer Gesellschaft - Selbsthilfe Demenz hat seinen Sitz in Rostock. Sie können sich unter www.alzheimer-mv.de oder am Telefon unter der Rufnummer 0381/800 82 20 informieren. Zu den wesentlichen Aufgaben der Alzheimer Gesellschaft zählen unter anderem Beratungen von Betroffenen rund um das Thema Demenz, Unterstützungsangebote wie etwa Angehörigentreffen, Betreuungsangebote, spezielle Angehörigenschulungen sowie Gedächtnissprechstunden in Mecklenburg-Vorpommern.

Ich habe vor kurzem einen Bericht über Demenz und Alzheimer gelesen. Gibt es da einen Unterschied oder ist Demenz und Alzheimer das Gleiche?
In der Öffentlichkeit werden häufig beide Begriffe gleichgesetzt. Es besteht jedoch ein gravierender Unterschied, ob man von einer Demenz spricht oder von einer Alzheimererkrankung. Als Demenz bezeichnet man in der Medizin einen Oberbegriff für Erkrankungsbilder, die mit einen Verlust der geistigen Funktionen wie Denken, Erinnern, Orientierung und Verknüpfen von Denkinhalten einhergehen. Die Erkrankungen führen dazu, dass alltägliche Aktivitäten im Verlauf der Erkrankung nicht mehr eigenständig bewältigt werden können. Darüber hinaus sind Gedächtnisstörungen, Sprachstörungen, Veränderungen der Stimmungskontrolle sowie der sozialen Verhaltensweisen zu erkennen. Der Erkrankte ist dabei aber bei klarem Bewusstsein. Übersetzt bedeutet Demenz „weg vom Geist“ oder auch „ohne Geist“.

Demenzerkrankungen können viele Ursachen haben. Es sind etwa 100 verschiedene Ursachen bekannt. Die Alzheimer-Krankheit ist mit rund 60 Prozent aller Demenzen die häufigste Form. Hierbei kommt es ohne äußerlich erkennbare Ursache zum Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten im Gehirn.

Insofern gilt: Jeder Alzheimer-Kranke ist dement, aber nicht jeder demente Mensch muss eine Alzheimer-Demenz haben. Darüber hinaus gibt es auch unter anderem noch die vaskuläre Demenz oder die frontotemporale Demenz.

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Ich habe das Gefühl, dass es immer mehr Menschen mit einer Demenz gibt. Stimmt das?
Da haben Sie nicht ganz Unrecht. Die Zahl von Erkrankten steigt seit Jahren an. Hauptursache ist das immer höhere Lebensalter. Die Zahl der Erkrankten wird in den nächsten Jahren weiter ansteigen. Gegenwärtig geht man davon aus, dass bundesweit etwa 1,6 Millionen Erkrankte von einer Demenz betroffen sind. Diese Zahl könnte sich bis zum Jahr 2050 verdoppeln. In Schwerin geht man beispielsweise davon aus, dass etwa 2300 Menschen an einer Demenz erkrankt sind.

Es ist jedoch zu beachten, dass nicht alle älteren Menschen an einer Demenz erkranken bzw. erkrankt sind. Es gibt auch das normale Altern. Darüber hinaus sollte man wissen, dass nicht jede Vergesslichkeit im Alter gleich eine Demenz bedeutet.

Kann ich selbst testen, ob ich an einer Demenz erkrankt bin?
Die Diagnose, ob eine Demenz vorliegt, sollte immer durch einen Arzt (Hausarzt bzw. einen Facharzt) vorgenommen werden. Eine Diagnoseerhebung ist sehr umfangreich und umfasst unter anderem psychologische Tests zur Einschätzung des Gedächtnisses, des Denkvermögens, der Sprache sowie der Wahrnehmung, aber auch Laboruntersuchungen und sehr häufig bildgebende Verfahren. Von Demenztests, welche unter anderem im Internet angeboten werden, ist dringend abzuraten.

Alles was man zu Demenz hört und liest, macht Angst. Kann man einer Demenzerkrankung vorbeugen?
Bislang gibt es leider keinen sicheren Schutz davor, an einer Demenz zu erkranken, zum Beispiel durch eine Impfung. Es gibt aber einige Faktoren, die das Erkrankungsrisiko verringern können. Dazu gehören geistige, körperliche und soziale Aktivität aber auch eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse. Darüber hinaus sollte die Ernährung fett- und cholesterinarm sein. Besteht bei ihnen eine Risikogefährdung im Bereich Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen oder Diabetes mellitus, sollten sie dieses regelmäßig überprüfen und behandeln lassen. Genauso wichtig ist es, dem Gehirn Reize und Anstöße nicht vorzuenthalten. Dies ist jedoch nur möglich, wenn die Hör- und Sehleistungen regelmäßig überprüft und ggf. unterstützt werden. Insbesondere stellt eine unkorrigierte Schwerhörigkeit einen Risikofaktor für die Verschlechterung einer demenziellen Erkrankung dar.

Ich befürchte, dass ich eine Demenz habe. Meine Oma und meine Tante sind dement gewesen. In den Medien höre ich auch immer von der Möglichkeit, Demenz zu vererben. An welchen Arzt kann ich mich jetzt wenden und was sollte ich tun?
Wenden Sie sich am besten zunächst an Ihren Hausarzt oder Ihre Hausärztin. Diese werden Sie untersuchen und entscheiden, ob und welche weiterführenden Maßnahmen notwendig sind wie beispielsweise die Überweisung zu einem Facharzt (Nervenarzt).

In vielen größeren Städten gibt es außerdem Gedächtnissprechstunden, die auf die Diagnose und Therapie von Demenz-Krankheiten spezialisiert sind. Die Diagnosestellung ist wichtig um festzustellen, ob überhaupt eine Demenz vorliegt und welche Form der Demenz.

Zur Diagnoseerhebung werden körperliche, geistige als auch bildgebende Untersuchungen durchgeführt. Ebenso wird das Blut untersucht. Je früher eine Diagnose gestellt wird, umso früher können dann entsprechende Therapien eingeleitet werden, die für den Verlauf der Erkrankung entscheidend sein können. Es muss aber nicht sein, dass Sie auch an einer Demenz erkranken. Neue Untersuchungen legen jedoch nahe, dass die familiäre Häufung eventuell überschätzt worden ist. Je später ein Mensch erkrankt ist, desto niedriger ist das Risiko der Verwandten.

Welche Möglichkeit gibt es, wenn Demenzerkrankte wichtige Entscheidungen nicht mehr selbst treffen können?
Wenn der Betroffene bereits „in gesunden Zeiten“ eine Vorsorgevollmacht ausgestellt hat, ist dann der Zeitpunkt gekommen, dass der Bevollmächtigte dem Betroffenen die Entscheidungen abnimmt, zu denen er selbst nicht mehr in der Lage ist. Eine rechtliche Betreuung über das Amtsgericht muss nur dann eingerichtet werden, wenn keine Vorsorgevollmacht vorliegt. Bei bestimmten Entscheidungen etwa bei freiheitsentziehenden Maßnahmen und medizinischen Eingriffen, bei denen Lebensgefahr oder ein schwerer gesundheitlicher Schaden nicht unwahrscheinlich ist, wird in jedem Fall eine richterliche Genehmigung benötigt.

Kostenlose Beratungen rund um das Thema Vorsorge bieten unter anderem Wohlfahrtsverbände wie die Caritas oder Betreuungsvereine an. Eine Übersicht von Anbietern erhalten Sie unter anderem vom Pflegestützpunkt Ihrer Region.

Wie gehe ich als Angehöriger mit aggressivem Verhalten um?
Versuchen Sie, freundlich zu bleiben, auch wenn Demenzkranke aus Wut schimpfen und um sich schlagen. Es gibt keinen Grund, dieses Verhalten als einen bewussten persönlichen Angriff zu werten. Die Aggression ist nicht gegen Sie persönlich gerichtet, sondern Folge einer organischen Störung im Gehirn. Manchmal hilft es bei Konflikten schon, aus dem Raum zu gehen und das demenzkranke Familienmitglied kurz allein zu lassen. Häufig beruhigt er oder sie sich schnell und wird wieder zugänglich. Es ist hilfreich, den Betroffenen nicht auf seine Defizite hinzuweisen. Fragen Sie bei Ihrer Alzheimergesellschaft in Ihrer Nähe nach, ob es dort ggf. spezielle Schulungen für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz gibt sowie Gesprächskreise für pflegende Angehörige. Hier erhalten Sie viele Tipps, wie Sie mit schwierigen Verhaltensweisen umgehen können.

Ich kann mich mit meinem demenzkranken Opa kaum noch unterhalten, ohne dass das Gespräch eskaliert. Was mache ich falsch?
Versuchen Sie, Vorwürfe zu überhören. Diese sind oft Ausdruck von Hilflosigkeit und richten sich nicht gegen Sie persönlich. Vermeiden Sie Diskussionen oder auch Kritik, das führt zu nichts. Stellen Sie keine Entscheidungsfragen, Erkrankte können sich in der Regel nicht mehr entscheiden. Demenzkranke brauchen wie wir alle Bestätigung. Da hilft es, über Dinge zu sprechen, die Ihr demenzkranker Opa gut gemacht hat – am besten in kurzen, einfachen Sätzen.

Sie sollten auch nicht zu viele Informationen in einem Satz unterbringen. Bitte bedenken Sie, dass der Erkrankte viele Dinge nicht so versteht, wie wir es meinen und es daher auch zu Missverständnissen kommen kann.

Ich habe letztens eine Broschüre in der Hand gehalten. Dort wurde von einem Pflegestärkungsgesetz II informiert. Was bedeutet das und welche Auswirkungen hat das Gesetz auf die Versorgung meines Ehemannes? Muss er jetzt durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung erneut überprüft werden? Er ist Fremden gegenüber sehr misstrauisch.
In den vergangen Jahren wurde die Krankheit Demenz immer mehr bei Reformen der Sozialen Pflegeversicherung im Leistungsrecht berücksichtigt. Zum 1. Januar 2015 trat das Pflegestärkungsgesetz I in Kraft und brachte viele Verbesserungen im Leistungsrecht für Pflegebedürftige, insbesondere für Menschen mit Demenz. Zum 1. Januar 2017 tritt dann das sogenannte Pflegestärkungsgesetz II in Kraft. Mit Inkrafttreten des neuen Gesetzes wird ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff eingeführt und eine grundlegende Änderung beim Begutachtungssystem vorgenommen. Zukünftig werden körperlich, geistig und psychisch bedingte Pflegebedürftigkeit gleichrangig bewertet. Im Mittelpunkt wird der Grad der Selbstständigkeit stehen. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung wird zukünftig den Grad der Selbstständigkeit anhand von sechs pflegerelevanten Bereichen prüfen. Die bisherigen Zeiteinteilungen für die Zuerkennung einer Pflegestufe entfallen. Ab 1. Januar 2017 wird es fünf Pflegegrade geben.

Wer, wie auch schon Ihr Mann, Leistungen der Pflegeversicherung bezieht, wird automatisch in das neue System übergeleitet und einem Pflegegrad zugeordnet. Alle, die bereits Leistungen von der Pflegeversicherung erhalten, erhalten diese auch weiterhin mindestens in gleichem Umfang, die allermeisten Pflegebedürftigen erhalten sogar deutlich mehr. Sie brauchen auch keinen weiteren Antrag stellen.

Lassen Sie sich vom Pflegestützpunkt ihrer Region in einem individuellen Gespräch beraten, welche Leistungen Ihr Mann anhand des ihm dann vorliegenden Pflegegrades zustehen und in welcher Leistungshöhe. Sie können sich aber auch mit Ihrem Pflegedienst in Verbindung setzen und alles besprechen.





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erstellt am 20.Sep.2016 | 20:55 Uhr

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