zur Navigation springen

Garten und Blumen

27. September 2016 | 17:32 Uhr

Seltenes Gut : Oje, Tannenbaum!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nur noch jeder 50. Baum in deutschen Wäldern ist eine Weiß-Tanne, jeder vierte eine Fichte. Viele Waldbesucher halten diese für einen echten Tannenbaum.

Noch immer wird es zu Weihnachten gerne gesungen, das Lied vom Tannenbaum. Und mit der aus dem Kaukasus stammenden Nordmanntanne (Abies nordmannia), benannt nach dem finnischen Biologen Alexander von Nordmann (1803 –1866), stehen heute ja auch wirklich in fast drei von vier Fällen Tannen in deutschen Stuben – nur halt nicht die heimische Weiß-Tanne (Abies alba).

Offenbar geht das seit 1824 in der heutigen Form übliche Lied „O Tannenbaum“ zum Teil schon zurück auf ein anderes mit dem Titel „Es hing ein Stallknecht seinen Zaum“. Dieses enthielt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bereits die Strophe: „O Tanne, du bist ein edler Zweig / Du grünest Winter und die liebe Sommerzeit / Wenn alle Bäume dürre sein /So grünest du, edles Tannenbäumelein.“

Doch was da im Liedgut so hartnäckig grünt, muss gar nicht in jedem Fall eine Weiß-Tanne gewesen sein. „Man nennt so auch allgemein Nadelbäume“, sagt der Pflanzenökologe Hansjörg Küster von der Universität Göttingen. Manche Weihnachtsbaumverkäufer preisen etwa Rottannen an, meinen damit aber die Gemeine Fichte (Picea abies), deren lateinischen Namen man mit Tannenfichte übersetzen könnte.

Auch Kiefern werden Küster zufolge vor allem in Norddeutschland Tannen genannt, niederdeutsch „Dannen“. Erkennbar sei das an Ortsnamen, die auf alte Kiefernvorkommen verweisen, so etwa Dannenberg, Dannenwalde oder Danndorf, aber auch Tannenhausen in Ostfriesland, einem Ortsteil von Aurich. Die Weißtanne, ein Baum des Hügel- und Berglandes, kommt dort von Natur aus gar nicht vor, ebenso wenig in den Mittelgebirgen Rhön und Taunus, Eifel und Hunsrück, Pfälzer- und Odenwald – wiewohl man sie hier und da mit Erfolg ausgesät hat. Auch im Harz meinte sie der Dichter Heinrich Heine bloß zu erkennen, als er 1824 den Brocken bestieg und dort angeblich „durch die Tannen“ schweifte. Doch auch zu Heines Zeit wuchsen auf dem Harzgipfel nur Fichten.

So allgegenwärtig die Weiß-Tanne an Weihnachten erscheint – in unseren Wäldern ist sie vielerorts selten geworden, auch im höheren Bergland und jenen Mittelgebirgen, die sie wiederbesiedelt hat, nachdem die Gletscher der jüngsten Kaltzeit sich vor etwa 10  000 Jahren zurückgezogen hatten. Während der Bayerische Wald Mitte des 19. Jahrhunderts noch einen Tannenanteil von etwa 24 Prozent aufwies, sind es heute nur noch fünf Prozent. Ihren Anteil im Schwarzwald, dem Hauptverbreitungsbiet der Weiß-Tanne in Deutschland, schätzt Wolf Hockenjos, ehemaliger Leiter des Forstamts Villingen-Schwenningen, auf etwa 20 Prozent. Das klingt nach viel, ist aber wenig im historischen Vergleich, denn es war einmal mehr als doppelt so viel. Im gesamten Wald des Landes Baden-Württemberg stehen noch acht Prozent Weiß-Tannen, aber 34 Prozent Fichten.

Hockenjos attestiert dem einst viel häufigeren Nadelbaum – trotz Mut machender lokaler Rettungsversuche – einen „galoppierenden Rückzug“ aus den Wäldern Mitteleuropas; mancherorts stehe die Weiß-Tanne vor dem Aussterben. Dazu haben zeitweise nicht nur Luftschadstoffe beigetragen, auf welche die Tanne stark reagiert. Auch ein nicht tannenförderlicher Waldbau, der seit dem 19. Jahrhundert stark auf die schnellwüchsige Fichte sowie in jüngerer Zeit auf die nordamerikanische Douglasie gesetzt hat und noch immer setzt, hat sie zurückgedrängt.

Wo drittens zu viel Rehwild durch die Wälder zieht, also vielerorts in unseren Forsten, überleben Tannenschösslinge nur schwer. Denn vor allem Rehe, viel eher als Rothirsche, haben es auf die weichen, nicht stechenden und zudem noch schmackhaften Tannenknospen und -keimlinge abgesehen. Deshalb habe die Tanne „kaum eine Chance, statt der Fichten und Kiefern in unsere Wälder zurückzukehren“, bedauert der Öko-Förster Peter Wohlleben aus Hümmel in der Eifel.

Hockenjos macht dafür die falsche Jagdpraxis verantwortlich, wenn er in seinem Buch über „Tannenbäume“ schreibt: „Weil die natürlichen Fressfeinde unserer großen Pflanzenfresser ausgerottet wurden, weil der Winter als natürlicher Regulator durch die Winterfütterung außer Kraft gesetzt wurde und weil die Jäger seitdem, entgegen den jagdgesetzlichen Forderungen, viel zu viel Wild heranhegen, werden die jungen Tannen schon ab dem Keimlingsstadium gefressen.“ Wer mehr Weiß-Tannen im Wald will, wird also das Rehwild zurückdrängen müssen – mit der Flinte und durch das Fördern von Luchs und Wolf.

In Deutschland, wo insgesamt nur noch jeder fünfzigste Waldbaum eine Weiß-Tanne ist, war diese vor allem im Schwarzwald verbreitet und dort der prägende Charakterbaum. „Von Natur aus gab es im Schwarzwald Buchen-Tannen-Wälder mit etwas Ahorn – und an einigen Stellen auch wenige Fichten“, sagt der Waldkenner Hansjörg Küster. „Man kann davon ausgehen, dass die Wälder im Schwarzwald zu rund 40 Prozent aus Tannen und 40 Prozent aus Buchen bestanden.“ Mancherorts habe es sogar „fast reine Tannenwälder gegeben“. Die Weißtannen seien so charakteristisch gewesen für den Schwarzwald, „dass das ganze Gebirge nach ihnen benannt wurde“. Denn schwarz, mithin dunkel, sei ein Wald durch Nadelgehölze, und das waren in diesem Fall Weißtannen gewesen, keineswegs die im Schwarzwald bis zur frühen Neuzeit noch sehr seltenen Fichten. Sie wurden dort erst im 19. Jahrhundert im großen Stil von Förstern angepflanzt, um dem industriell bedingten Holzmangel abzuhelfen.

Die Fichten „wuchsen ursprünglich im Schwarzwald nur an wenigen Stellen, vor allem dort, wo Frost drohte“, merkt Küster an, der sich in einem seiner Bücher mit der „Geschichte des Waldes“ intensiv beschäftigt hat. Frostig aber wird es grundsätzlich am ehesten in den höchsten Kammlagen des Mittelgebirges, vor allem aber in sogenannten Karmulden, wo sich in den Kaltzeiten der Vergangenheit Gletschereis bildete und beim Losfließen hinab ins Tal trogförmige Vertiefungen (Kare) in den Fels riss oder schürfte.

Schon im Mittelalter, vor allem aber in der frühen Neuzeit und noch bis ins 19. Jahrhundert, hatte der Schwarzwald einen Ruf als Lieferant wertvollen Bauholzes. Den Rhein hinab geflößte Tannenstämme wurden sehr gerne für Schiffsmasten verwendet, aber auch als Rammpfähle für Stadthäuser auf sumpfigem Untergrund, wie er in den Niederländen typisch ist. „Die Flößerei von Tannenholz spielte damals eine große Rolle“, sagt Küster. „Bis heute heißen die höchsten Tannen im Schwarzwald Holländertannen, weil man solche Bäume für den Transport rheinabwärts vorgesehen hatte.“ Die Flöße aus Holzstämmen erreichten Längen von einigen hundert Metern.

Für eine naturnahe Waldwirtschaft sind Weiß-Tannen sehr gut geeignet, denn sie mögen es, sich unter Laubbäume zu mischen. Als Einzelbäume oder in kleinen Gruppen gehörten sie schon zu den Buchenurwäldern, wie sie in Mitteleuropa um Christi Geburt noch typisch waren und einen Großteil der Waldstandorte bedeckten. „Ihre Wurzeln reichen sehr tief, und das hat gleich zwei Vorteile“, urteilt Öko-Förster Peter Wohlleben in seinem Buch „Menschenspuren im Wald“: „Zum einen erschließen sie sich so mehr Wasservorräte, wodurch sie Trockenheit deutlich besser überstehen als etwas Fichten. Zum anderen verankern sich die Weißtannen dadurch sehr gut und sind so wenig sturmanfällig.“ Und auch das lässt sie für die Wälder der Zukunft gut geeignet erscheinen, da der vom Menschen angefachte Klimawandel wegen der zunehmenden Wärme-Energie in der Atmosphäre aller Voraussicht nach zu mehr und heftigeren Stürmen führen wird.

zur Startseite

von
erstellt am 22.Nov.2015 | 09:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen