zur Navigation springen

Fitness und Wellness

09. Dezember 2016 | 14:36 Uhr

Wann ist Röntgen sinnvoll : Rückenschmerzen - Wahlloses Durchleuchten?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Um dem Volksleiden Rückenschmerz auf den Grund zu gehen, landen viele Patienten im Röntgenraum. Zu schnell, kritisieren Experten

Ziehen im Kreuz, Schmerzen an der Bandscheibe: Rückenschmerzen kennt fast jeder. Rund 85 Prozent der Erwachsenen haben schon einmal darunter gelitten, wie Studien zeigen. Eine Auswertung der Bertelsmann-Stiftung von Versichertendaten zeigt nun, dass 2015 jeder Fünfte mindestens einmal wegen Rückenschmerzen beim Arzt war – 38 Millionen Arztbesuche kamen so zusammen. Insgesamt machten Haus- und Fachärzte sechs Millionen Bildaufnahmen ihrer Patientenrücken – in vielen Fällen überflüssigerweise, wie die Fachleute kritisieren.

Wann ist ein solches Bild sinnvoll, wann überflüssig?
Laut medizinischer Leitlinien sollen bildgebende Verfahren bei Kreuzschmerzen nicht routinemäßig eingesetzt werden. Vor dem „Gießkannenprinzip“ warnt auch die Deutsche Röntgengesellschaft (DRG). „Unsere Faustregel lautet: Diagnostik so oft wie nötig, aber Röntgen so wenig wie möglich“, sagt Rainer Braunschweig, Direktor der Klinik für bildgebende Diagnostik in Halle und Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Bildgebende Verfahren des Bewegungsapparates der DRG. Nötig ist eine Röntgenuntersuchung etwa bei Anzeichen für gefährliche Verläufe. Warnhinweise dafür können etwa Taubheitsgefühl oder starker nächtlicher Schmerz sein. Auch wenn nach dreiwöchiger Therapie keine Besserung in Sicht sei, sollte ein Arzt genauer hinsehen – am besten mittels Magnetresonanztomographie (MRT), auch Kernspintomographie genannt. Denn Röntgen mache die Wirbelsäule sichtbar, nicht jedoch, ob der Schmerz vielleicht von der Muskulatur oder den Nerven herrühre, erläutert der Experte.

 

Wieso sehen die Experten zu häufiges Röntgen kritisch?
Bildgebende Verfahren sind mit Strahlenbelastung verbunden und teuer. „Zwar schadet die Strahlenbelastung einem Einzelnen erstmal nicht, kollektiv gesehen müssen wir aber an einer Reduzierung der Belastung arbeiten“, sagt der Radiologe Braunschweig. Unnötige Röntgenbilder können zudem kränker machen, als der Patient eigentlich sei, sagt Eckhard Volbracht, bei der Bertelsmann-Stiftung zuständig für den „Faktencheck Rücken“. So zeigten die meisten Röntgenbilder von Über-60-Jährigen Verschleiß an – ob das nun mit den Rückenschmerzen zu tun hat oder nicht. Werden solche Befunde überbewertet, ist der Patient verunsichert, weitere Untersuchungen und unnötige Therapien könnten folgen.

mit_rueckenschmerzen_51624030
 

 

Welche weiteren Folgen sind denkbar?
Schlimmstenfalls könne eine übersteigerte Krankheitsaufmerksamkeit dazu führen, dass die Schmerzen chronisch werden. Andersherum bleiben mögliche Einflussfaktoren unentdeckt: „Viele Ursachen wie Stress, Unzufriedenheit am Arbeitsplatz oder Bewegungsmangel, lassen sich eben auf keiner Röntgen- oder MRT-Aufnahme erkennen“, lässt sich Facharzt Jean-Francois Chenot von der Universität Greifswald in der Studie zitieren. 85 Prozent aller Rückenschmerzen gelten den Fachleuten zufolge als unspezifisch und damit medizinisch als unkompliziert. Meist verschwinden sie nach einiger Zeit wieder.

 

Welche Erklärungen gibt es für die dennoch hohen Bildgebungsraten?
Haus- und Fachärzte führen meist die Nachfrage von Patienten nach sinnlich wahrnehmbaren Untersuchungen ins Feld. Tatsächlich zeigt die Befragung der Bertelsmann-Stiftung von mehr als 1000 Deutschen, dass sie mehrheitlich der Meinung sind, mittels Röntgen, Computer- oder Magnetresonanztomographie ließe sich der Grund für ihre Schmerzen aufspüren – entsprechend erwarten 60 Prozent schnellstens durchleuchtet zu werden. Dass sie entsprechend laut in der Sprechstunde eine solche Diagnostik einfordern, scheint jedoch auch nicht der Fall zu sein: Zumindest gaben etwa drei Viertel der Befragten an, der Arzt allein sei der Initiator für die Bildaufnahmen gewesen. Hinzukommen die Fehlanreize, die das Vergütungssystem setzt: Wer ein teures Röntgen oder MRT-Gerät angeschafft habe, nutze es auch, so Volbracht.

 

Was muss besser werden?
Das Arzt-Patienten-Gespräch werde im Gegensatz zu den teureren Bildgebungsverfahren nicht ausreichend vergütet, kritisierte die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie auf ihrem Jahreskongress im Oktober. Auch die Fachleute dort waren sich einig: Fachkundige Befragung des Patienten und sachgerechte körperliche Untersuchung müssen bei der Erstdiagnose bei Rückenbeschwerden im Vordergrund stehen: „Ein Wort sagt mehr als 1000 Bilder“ hieß entsprechend der Fachvortrag über kluge Diagnostik eines führenden Experten zum Thema.

 

 

zur Startseite

von
erstellt am 22.Nov.2016 | 20:45 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen