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Eltern und Kind

09. Dezember 2016 | 18:26 Uhr

Geschlechter-Klischees : „Wir bieten Kindern nur die Hälfte der Welt!“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Almut Schnerring, Autorin von „Die Rosa-Hellblau-Falle“, über Geschlechter-Klischees

Womit haben Sie als Kind am liebsten gespielt?

Ich bin in den 70ern aufgewachsen – ich war meistens draußen. Meine Eltern haben mir mal eine Dampfmaschine geschenkt, aber die fand ich gar nicht so doll. Es ist sehr verbreitet, dass Eltern denken, wenn die Tochter mit technischem Spielzeug nicht viel Zeit verbringt oder der Sohn die neue Puppe in die Ecke wirft, dann muss es an den Genen liegen. Diese Schlussfolgerung ist mir aber zu kurz gedacht und spielt dem Marketing in die Hände.

Inwiefern?

Die Zuweisung von Interessen, Farben, Eigenheiten und Spielzeug zu Geschlechtern ist allgegenwärtig – durch Eltern, Nachbarinnen, Erzieher, Werbung  ... Ein Kind kommt ja durch keinen Tag, ohne zu klären: Gehöre ich zu den Rosanen oder den Blauen? Die größte Hürde, mit meinem Anliegen durchzudringen, ist übrigens, dass die Mehrheit davon ausgeht, dass sie Jungen und Mädchen gleich behandelt.

Tut sie das denn nicht?

Man weiß aus Studien, dass die Erwartungshaltung der Eltern gegenüber einem Sohn ganz anders ist als gegenüber einer Tochter. Schon in der Schwangerschaft sprechen Eltern anders mit Sohn und Tochter im Bauch. Wenn Erwachsene ein Baby im blauen Strampler sehen, schätzen sie es schwerer und kräftiger ein – und wenn es schreit, muss es wohl zornig sein. Ein Baby im rosa Strampler erscheint ihnen zarter und süßer, und wenn es schreit, meinen sie, es hat Angst. Später trauen Eltern ihren Töchtern dann seltener eine Karriere im Mint-Bereich (Mathe, Informatik, Naturwissenschaft, Technik; Anm.) zu, dafür müssen sie mehr im Haushalt mithelfen.

Warum ist das schlimm?

Weil wir so individuelle Fähigkeiten und Interessen aus dem Blick verlieren. Oft bieten wir Kindern nur die Hälfte der Welt und Möglichkeiten an! Weil wir eben in unserer Erwachsenenwelt schon festgelegt haben, was zu Jungen und Mädchen passt.

Auf Ihrer Internetseite findet man ein „Bullshit-Bingo des Gendermarketing“. Kontern Sie doch mal folgende, dort aufgeführte Sätze: 1. Ich habe früher auch mit Barbies gespielt und bin heute ja auch emanzipiert.

Wahrscheinlich wird sich herausstellen: Diejenige, die das sagt, hat die Rollenklischees verinnerlicht und schenkt ihrem Sohn auch keine Barbies.

2. Lasst doch die Kinder Kinder sein und hört auf mit eurem Genderismus.

Ja, es wäre toll, wenn das ginge und man Kinder Kinder sein lassen könnte. Manche denken vielleicht, ich stehe moralisierend im Kinderzimmer, übersehen aber, wie viele Klischees und verengte Rollenbilder durch Werbung, Medien und die Industrie in die Kinderzimmer geschüttet werden. Kinder werden kein bisschen in Ruhe gelassen.

Was können Eltern dagegen tun?

Nicht verbieten. Aber mit Kindern darüber reden und ihnen erklären, warum man etwas blöd findet. Und sich nochmal an die eigene Nase fassen. Ich glaube, dass die meisten ihren Zorn auf Werbung und Marketing werfen, aber sich selbst noch nicht richtig zugeguckt haben. Vielen wäre es doch unangenehm, wenn ihr Sohn in Rosa in den Kindergarten gehen möchte. Wir unterschätzen, wie sehr wir selber in dieser Rosa-Hellblau-Falle stecken.
 

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erstellt am 05.Nov.2016 | 10:00 Uhr

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