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Eltern und Kind

26. September 2016 | 03:55 Uhr

Spracherwerb bei Kindern : Sag mal „Ball“!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schon im Bauch der Mutter beginnt fürs Baby der Deutschkurs – und dann? Wir erklären, wie der Spracherwerb funktioniert

sollte sanft und ehrfurchtsvoll zu den toten Sprachen abgelegt werden, denn nur die Toten haben die Zeit, diese Sprache zu lernen“, meinte einst Mark Twain. Vielleicht hätte er noch ergänzen sollen: „und die noch nicht Geborenen“, denn ironischerweise beginnt der Mutterspracherwerb schon vor der Geburt im Bauch der Schwangeren. Etwa ab der 25. Schwangerschaftswoche sind die Hörwerkzeuge schon so gut ausgebildet, dass sie durch die Bauchdecke hindurch Geräusche von außen wahrnehmen können. Schon jetzt bekommen die Ungeborenen erste Eindrücke von Rhythmus und Sprachmelodie.

Welchen Gesetzmäßigkeiten der Erwerb der Muttersprache dann aber nach der Geburt folgt, darüber haben sich schon ganze Generationen von Sprachforschern gestritten. Bekannt geworden ist unter anderem die Theorie des amerikanischen Psychologen Burrhus Frederic Skinner, der davon ausgeht, dass eine Sprache durch Nachahmung erworben wird. Mit anderen Worten: Die Eltern zeigen dem Kind einen Ball, sagen „Ball“ und loben und bestärken das Kind, wenn es seinerseits irgendwann „Ball“ sagt. Das ist schon alles. So schlecht scheint diese Theorie auf den ersten Blick auch gar nicht zu sein, wissen Eltern aus eigener Erfahrung doch, dass Kinder alles Mögliche gern und intensiv nachbrabbeln.

Ganz so einfach ist das Sprechenlernen dann aber doch nicht, meint schon 1959 der amerikanische Linguistikprofessor Noam Chomsky und setzt seine eigene Theorie der von Skinner entgegen. Aber auch Chomsky schießt wohl etwas über das Ziel hinaus mit seiner Vorstellung vom Spracherwerb, die aus einem komplizierten und umfangreichen Regelwerk besteht, und so liegt die Wahrheit wohl wie so oft irgendwo zwischen den Extremen – sagen Sprachwissenschaftler, Psychologen und Pädagogen heute.

Spracherwerb ist demnach ein individueller Vorgang, bei dem jedes Kind seine eigene Geschwindigkeit hat, die Muttersprache oder auch eine Fremdsprache zu erlernen. Gemeinsamkeiten gibt es dennoch. In den ersten Monaten nach der Geburt lernt der Säugling durch Hören und Nachbrabbeln die einzelnen Laute näher kennen und unterscheiden. Dem französischen Hals-Nasen-Ohren-Arzt Alfred A. Tomatis nach können wir nur diejenigen Laute und Frequenzen hervorbringen, die wir auch hören können. Ein japanischer Säugling etwa hört demnach also durchaus den Unterschied zwischen einem „L“ und einem „R“ ganz genau heraus. Erst ab dem elften Lebensmonat verschließt sich das Ohr dann mehr und mehr für fremde Laute, zugunsten der täglich immer wieder gehörten der eigenen Umgebung. So ähneln aber auch die Lautäußerungen der Kinder im Laufe der Zeit immer stärker der Muttersprache. Im zweiten Lebensjahr kommt es nicht nur zu einer wahren Wortexplosion, auch Sätze bestehen nicht länger mehr nur aus einem einzigen Wort wie „Arm?“. Am Ende des zweiten Lebensjahres müsste das Kind eigentlich 50 Wörter aussprechen können, davon gehen Linguisten heute aus, und bezeichnen alle anderen Kinder, die diese Hürde nicht so schnell schaffen als „Late Talker“.

Mit drei Jahren haben sich Kinder zumeist einen Grundwortschatz zu eigen gemacht und beherrschen schon die wichtigsten Grammatikregeln – übrigens unabhängig davon, welche Sprache sie erlernen. Im sechsten Lebensjahr beherrschen Kinder ihre Muttersprache in der Regel so gut, dass sie Reime finden können und somit auch die Wörter und Sätze wieder zurück in ihre Einzelteile zerlegen – eine wichtige Voraussetzung für das Lesen- und Schreibenlernen.

Dennoch ist der Spracherwerb in diesem Alter keineswegs abgeschlossen: Nun folgen die Feinheiten. Etwa ab dem zehnten Lebensjahr fällt den Kindern das Erlernen einer Sprache interessanterweise wieder zunehmend schwerer. Ihre extreme sprachliche Aufnahme- und Lernfähigkeit geht mehr und mehr zurück. Kein Wunder also, dass Erwachsenen das Erlernen einer Fremdsprache so schwer fällt. Das beste Alter dafür ist längst vorbei. Andererseits wird so deutlich: Wer eine Sprache erlernen will, sollte damit so früh wie nur möglich beginnen, ganz gleich ob Erst- oder Zweitsprache.

Ja, das Zeitfenster zum Erlernen der Muttersprache, beziehungsweise einer ersten Sprache überhaupt, kann sogar vollends verpasst werden, haben Linguisten anhand von sogenannten „Wolfskindern“ herausgefunden. In der Sprachwissenschaft hat vor allem der Fall des 13-jährigen amerikanischen Mädchens Genie für Aufsehen gesorgt, das von ihren Eltern ihr Leben lang komplett von der Außenwelt abgeschottet wurde und nie zu sprechen gelernt hatte. Nach ihrer Befreiung im Jahre 1970 versuchte man ihr das Sprechen beizubringen, was dank der Intelligenz und der Auffassungsgabe des Mädchens auch gelang – allerdings nur bis zu einem gewissen Grad. Vor allem die Grammatik bereitete Genie derart große Schwierigkeiten, dass sie diese niemals wirklich beherrschen lernte. Das Zeitfenster, in dem sich die jeweiligen Hirnstrukturen herausbilden können, war in Genies Alter, mit 13 Jahren, ganz einfach schon geschlossen. So erklären sich die Wissenschaftler dieses Phänomen heute. Somit rät man Eltern, die ihre Kinder sprachlich fördern wollen, heutzutage auch, diese möglichst früh sprachlichen Reizen auszusetzen, getreu dem Motto: „Sprechen lernt man durch sprechen.“ Die Interaktion und der geistige Austausch mit Gleichaltrigen kann dabei ebenso hilfreich sein wie das Vorlesen von Geschichten. Nur eines sollte nicht sein: das kommentarlose Abstellen der Kinder vor dem Fernseher oder auch vor dem Kassettenrekorder. Dies hat nämlich keinen positiven Einfluss auf die Sprachentwicklung, wie verschiedene Studien zeigten. Besser ist es dann schon, mit den Kindern gemeinsam Filme zu sehen oder Kassetten zu hören und dabei mit ihnen das Gesehene und Gehörte zu besprechen, raten Pädagogen.

Wieder ist es vor allem die soziale Interaktion, die das Lernen der Sprache erleichtert. Die Möglichkeit, nicht nur passiv zu konsumieren, sondern auch das Erlebte sprachlich zu verarbeiten oder auch einfach in den eigenen Äußerungen bestärkt zu werden, ein Feedback zu bekommen: All das fördert den Spracherwerb. Manche Eltern fragen sich, warum sie mit ihren Kindern überhaupt sprechen sollen, wenn diese noch ganz offensichtlich viel zu jung sind, das Gesprochene zu verstehen. Doch genau das macht den Lernprozess ja gerade aus: etwas Neues zu erfahren, etwas Neues kennenzulernen, was man vorher eben noch nicht kannte.

Allein schon durch das Hören der Sprache lernen die Kinder diese besser kennen und bringen auf diese Art und Weise etwas über die Laute, Wörter, Sätze und deren Regelhaftigkeiten in Erfahrung. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb Eltern nicht in einer speziellen, vermeintlich kindgerechten Sprache mit ihren Sprösslingen kommunizieren sollen, sagen viele Pädagogen heute. „Blablabla“ bleibt eben nur „blablabla“.

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erstellt am 18.Sep.2016 | 09:00 Uhr

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