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Eltern und Kind

08. Dezember 2016 | 10:57 Uhr

Geschlechterrollen : „Mir ist wichtig, dass sie schnell anfängt zu heulen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Blau für Jungs und rosa für Mädchen – in der vergangenen Woche kritisierte Autorin Almut Schnerring an dieser Stelle Geschlechterklischees. Im Netz hat sie viele Mitstreiter, die aus ihrem Alltag berichten.

Die Geschlechterklischees sind überall. Im Supermarkt und im Kindergarten, bei der Oma und im Katalog. Man kann sagen: Das beruht halt auf den natürlichen Unterschieden zwischen Mädchen und Jungen. Oder: Das ist doch nicht schlimm. Aber man muss zugeben: Die Rosa-Blau-Trennung ist extrem.

So gravierend, dass auch in zahlreichen Internetforen emotional diskutiert wird über Piraten- und Prinzessinnenbücher, pinke Klamotten, Vorurteile und genetische Disposition.

„Das Thema polarisiert und es betrifft uns alle persönlich, weil es unseren Blick auf die Welt in Frage stellt“, glaubt Autorin Almut Schnerring, die gegen die Rollenklischees kämpft. „Es gibt inzwischen viele, die genervt sind von den immer gleichen Stereotypen, die das Gendermarketing reproduziert.“

Gegenwind erlebe sie vor allem von Menschen, die „mein Anliegen als ,Gleichmacherei’ bezeichnen, nach dem Motto ,Es ist doch schön, dass es Unterschiede gibt zwischen Frauen und Männern’.“

Gut organisiert und präsent im Netz sind jedenfalls die Kritiker der starken Unterscheidung zwischen den Geschlechtern. Im Sommer erfuhr etwa eine Mutter aus Hamburg sehr viel Unterstützung, als sie einen scheinbar verzweifelten Hilferuf auf Nestlés Facebookseite postete.

Der Konzern hatte Rollen mit jeweils nur blauen (mit einem Ritter auf der Verpackung) und rosa Smarties (mit einer Prinzessin darauf) herausgebracht. „Hallo Nestlé“, schrieb die Hamburgerin, „ich brauche Ihre Hilfe. Meine Tochter (2) hat heute aus Versehen von den Ritter-Smarties ihres Bruders (7) gegessen. (...) Jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll, weil die ja, wie auf der Verpackung steht, nur für Jungs sind. Ich habe große Angst, dass der Verzehr Einfluss auf ihre Prinzessinnenhaftigkeit hat. Was mache ich, wenn sie jetzt plötzlich anfängt, sich jungenhaft zu benehmen?“

Die Satire gipfelt in der Ballung von Vorurteilen: „Ich hoffe, Sie verstehen, dass ich das absolut inakzeptabel fände, denn mir ist sehr wichtig, dass meine Tochter wie bisher wie ein Mädchen wirft, schießt, schnell anfängt zu heulen und später ganz schlecht in Mathe und Einparken wird.“ Tausenden gefiel der Eintrag.

Auch unter Hashtags wie Schnerrings #rosahellblaufalle machen Menschen ihrer Empörung Luft (Beispiele siehe unten): Sie laden Fotos aus Katalogen hoch, auf denen Mädchen mit Einhörnern und Jungs mit Raketen spielen oder von rosa Socken mit der Aufschrift „Drama-Queen“ und blauen mit „Super Hero“.

Sie ärgern sich, dass ihre Töchter nur rosa Sachen geschenkt bekommen oder erzählen von einer Mutter, die eine hellgrüne Jacke für ihre noch ungeborene Tochter ablehnte.

Nutzer „Pony Hütchen“ beklagt sich über eine TKKG-Folge, in der Fußball spielende Mädchen als Zicken und gleichzeitig friedlicher als Jungs dargestellt werden, „Joay-Anandi“ berichtet, wie ein Mädel für einen Jungen gehalten wird, weil es sich für Technik interessiert.

Aber es gibt auch Gegenbeispiele. Von „Lela“ etwa: „Ich habe unserem Sohn einen Ring gekauft. Mit Glitzer-Einhorn drauf. Er findet ihn toll.“

 

Von Drachentötern und Prinzessinnen

„Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus.“ Die Autoren des Bestsellers wollen 1001 Unterschiede zwischen Mann und Frau festgestellt haben. Aber ist das wirklich so? Biologisch gesehen sind Männchen und Weibchen doch gar nicht so weit auseinander.

Das Zepter der eigentlichen Geschlechter-Spaltung hält meiner Meinung nach die Industrie in der Hand, da liegt der Hund begraben. Wer in der Babyabteilung von H&M oder C&A steht, wird auf der einen Seite von Pink und Glitzer geflutet, während auf der anderen Seite mehr der Erbsensuppe– und Tarnfleck-Trend vorherrscht.

Männliche Säuglinge tragen Strampler, auf denen „Super-Chef“ steht. Weibliche Babys drängt man in die „Mini-Zicken“- Ecke. Jungs-Klamotten sind robust und trotzen jedem Rutschenstahl, Mädchen-Sachen sind zart und dürfen höchsten bei 30 Grad-Schonwaschgang gereinigt werden. Von den Spielzeugherstellern ganz zu schweigen. Da haben wir das Dilemma doch schon.

Dass Rosa die Farbe für weiblichen und Blau die Farbe für männlichen Nachwuchs ist, war übrigens anno dazumal genau umgekehrt: Mädchen trugen Blau, weil die Farbe im Christentum die Farbe der Jungfrau Maria war. Und Jungs trugen Rosa, als das „kleine Rot“ für Kraft und Kampfesmut. Erst in den 1920er Jahren wurde das Ganze umgedreht.

Nur mal unter uns Pastorentöchtern und laut gedacht: Warum sollen wir Eltern uns eigentlich nicht einfach mal dem Schicksal ergeben und den Dingen ihren Lauf lassen? Geschlechter-Trennung ist doch von ein paar Punkten wie Lohngleichheit, geteilte Haushaltsführung etc. abgesehen gar nicht sooo schlecht? Meiner Meinung nach dürfen Jungs ruhig ein wenig Drachentöter sein und Mädchen die Prinzessin. Ich finde es nämlich bis heute nett, wenn Mann mir die Tür aufhält, den Wasserhahn repariert und meine Einkaufstüten trägt.

 

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erstellt am 13.Nov.2016 | 08:00 Uhr

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