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Eltern und Kind

29. September 2016 | 20:41 Uhr

Familie : Die Vater-Kind-Kur

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Jahrzehnte richteten sich Kurkliniken nur auf Mamas mit Kind ein. Die klassische Mutter-Kind-Kur brauchen nun aber immer häufiger Väter

Als Mario Weinrich merkte, dass ihm die Belastung als Ehemann, Vater und Vollzeit-Berufstätiger zunehmend auf die Gesundheit schlug, war erst einmal Warten angesagt. In einer Vater-Kind-Kur wollten er und sein an Asthma erkrankter Sohn Leonard sich erholen. Doch auch wenn sie immer mehr nachgefragt werden: Das Thema Vater-Kind-Kur wird noch stiefmütterlich behandelt. „Das Angebot ist sehr übersichtlich. Gepaart mit dem recht langen Antragsverfahren ist es ziemlich schwer, einen Kurplatz zu bekommen“, sagt Weinrich.

Nach vielen Anträgen und eingeholten Bescheiden klappte es letztlich: Der Justizwachtmeister aus Berlin konnte mit seinem elf Jahre alten Sohn eine Vater-Kind-Kur im bayerischen Bad Wörishofen antreten.

Dank Wechselfußbädern, Laufen auf Barfußpfaden, Gesprächen mit Therapeuten und anderen Vätern oder einfach beim Tischkickern und Tischtennis konnten die beiden richtig ausspannen – und gleichzeitig ihre im Alltag etwas zu kurz gekommene Beziehung stärken. Doch der Papa aus Berlin weiß: Nicht jeder Vater kennt die Möglichkeit von Vater-Kind-Kuren. Ihn machte sein Hausarzt darauf aufmerksam. Und dann braucht es noch die Unterstützung des Chefs.

„Wir hatten auch schon einen Papa, der sich nicht getraut hat, zum Arbeitgeber zu gehen und lieber gleich drei Wochen Urlaub eingereicht hat“, sagt Thomas Hilzensauer vom Bad Wörishofer Familien-Kind-Haus. Dabei sind Arbeitgeber verpflichtet, gestresste Väter und Mütter für eine vom Arzt verordnete Vater-Mutter-Kind-Kur freizustellen.

„Die Aufklärung über die Möglichkeit der Vater-Kind-Kur ist ein bisschen besser geworden in der Gesellschaft“, betont Hilzensauer. Die Männer würden vom Chef und Bekannten zwar nicht mehr so schräg angeschaut wie noch vor ein paar Jahren. „Aber wir sind noch nicht am Ziel.“

In Hilzensauers Haus gibt es 16 Kuren pro Jahr, drei davon speziell für Väter. Das Angebot soll bald aufgestockt werden, denn die Nachfrage steigt. Auch in den Einrichtungen des Müttergenesungswerks (MGW) ist die Zahl der Männer im vergangenen Jahr um knapp ein Viertel auf 1500 gestiegen.

Angebote für Väter sind beim MGW erst seit einigen Jahren fester Bestandteil des Programms. 16 der 76 Einrichtungen bieten mittlerweile spezielle Vater-Kind-Kuren. Diese werden gezielt bei Ärzten und Vätern bekannt gemacht. Denn es nehmen immer noch deutlich weniger Väter Kuren in Anspruch als Mütter: Deren Zahl lag 2015 bei knapp 49  000, Väter machen drei Prozent in den MGW-Einrichtungen aus. Dennoch sind die Männer inzwischen fester Bestandteil in der Arbeit des MGW, wenn auch nicht im Titel: Als Stiftung, die 1950 die damalige First Lady Elly Heuss-Knapp gründete, kann das MGW den Namen nicht so einfach ändern. Heuss-Knapp wollte damals speziell eine Maßnahme für Mütter schaffen, die zu der Zeit fast ausschließlich allein für die Erziehung der Kinder zuständig waren.

Doch das hat sich geändert: „Uns war ganz wichtig, dass wir nun auch etwas Väterspezifisches anbieten“, sagt MGW-Geschäftsführerin Anne Schilling. Es soll kein Vater mit 50 Müttern im Stuhlkreis sitzen müssen, um seine Probleme zu besprechen. Im weitesten Sinne seien die Symptome und Belastungen bei Müttern und Vätern zwar ähnlich. Aber speziell für Väter, die Haupt- und Vollzeitverdiener sind, stelle das eine extreme Herausforderung dar. Nahezu 60 Prozent nennen den Daten des MGW zufolge die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Belastung.

Die Einrichtungen kennen die Zweifel der Väter. Deshalb haben sie speziell auf Väter zugeschnittene Konzepte entworfen. „Die Kliniken sagen uns ganz klar: Bei Müttern läuft die psychosoziale Therapie eher über das Gespräch, bei Vätern eher über die Aktivität“, sagt Schilling. Papas brauchen weniger Meditation zum Runterkommen, dafür mehr Sportangebote. In Norderney wird für Vätergruppen das Bad in der Nordsee zum Beispiel ganzjährig angeboten.

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erstellt am 18.Sep.2016 | 09:00 Uhr

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