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Digital

03. Dezember 2016 | 01:17 Uhr

Social Bots : Roboter als Wahlkampfhelfer

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Social Bots: Nicht nur im US-Wahlkampf gewinnen Fake-Profile auf Twitter und Facebook eine immer größere Bedeutung

Früher erkauften sich Unternehmen Likes und Follower – jetzt werden Fake-Profile im Wahlkampf eingesetzt: Wie US-Forscher herausfanden, erhielten Donald Trump und Hillary Clinton auf Facebook und Twitter zuletzt große Unterstützung durch versteckte Programme, die versuchten, in sozialen Netzwerken auf die öffentliche Meinung massiv Einfluss zu nehmen.

Social Bots heißen die Werkzeuge, mit denen man täuschend echte Botschaften massenhaft in sozialen Medien verbreiten kann. Weniger als ein Jahr vor dem Bundestagswahlkampf werden die Meinungsroboter auch in Deutschland zum Thema. So will die Alternative für Deutschland (AfD) einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zufolge im Bundestagswahlkampf 2017 ebenfalls auf Socaial Bots setzen. „Gerade für junge Parteien wie unsere sind Social-Media-Tools wichtige Instrumente, um unsere Positionen unter den Wählern zu verbreiten“, sagte Bundesvorstandsmitglied Alice Weidel dem Magazin.

„Bots werden hauptsächlich benutzt, um Trends zu verstärken“, so der Politik- und Computerwissenschaftler Simon Hegelich von der Hochschule für Politik München (HfP). Ziel sei es, Tweets oder Facebookseiten von Kandidaten noch populärer zu machen. Man müsse aber vorsichtig sein, dies als Manipulation zu bezeichnen.

Eine Täuschung der Öffentlichkeit sei es aber allemal, meint der Kommunikationswissenschaftler André Haller von der Universität Bamberg. Besonders problematisch seien Bot-Armeen, wenn sie durch sehr viele automatisierte Nachrichten zu einem Thema einen falschen Trend vorgeben. „Der Nutzer kann dann den Eindruck erhalten, dass ein bestimmtes Thema von herausragender Bedeutung ist und politisch wichtiger ist als andere Themen oder Aspekte eines Themas.“ Strategisch nützlich seien Bots bei moralisch oder emotional aufgeladenen Ereignissen. Zum Beispiel bei der ersten TV-Debatte im US-Wahlkampf. Laut einer Studie der Oxford University hatten Bots hier einen beträchtlichen Teil der Nachrichten zur Unterstützung der Kandidaten auf Twitter abgesetzt. Bei Trump war jeder dritte Unterstützer-Tweet gefaked, jeder vierte bei Clinton. Hinzu komme, dass ein Drittel der Follower beider Kandidaten keine echten Menschen, sondern Roboter seien.

Martin Fuchs, Wahlbeobachter aus Hamburg, erklärt, dass mithilfe von Social Bots unter anderem auch Trends auf Plattformen wie Twitter entstehen, die dann von Medien als vermeintliches Stimmungsbild aufgegriffen werden. „Dabei handelt es sich bei einigen, wie beispielsweise beim Hashtag #Merkelsommer, mutmaßlich um Trends, die von Bots beeinflusst worden sind“, sagt Fuchs. Auch schaffen es Social Bots, die aktuell meistgenutzten Hashtags zu „kapern“, also für ihre Zwecke umzudeuten.

Dürfen diese Statement-Schleudern in sozialen Netzwerken zur Stimmungsmache überhaupt eingesetzt werden? Strafrechtlich gibt es gegen sie kein Mittel, in den Geschäftsbedingungen verstoßen sie gegen das Kleingedruckte. Ihre Verwendung ist vielmehr eine ethische Frage. In Deutschland seien Parteien vorsichtig, nicht den Eindruck der Manipulation zu erwecken, sagt Hegelich. Wahlbeobachter Martin Fuchs sieht hier auch die Medien in der Pflicht, sich von einer computergenerierten Agenda-Steuerung nicht beeinflussen zu lassen.

Für Haller ist klar: Social Media als Wahlkampfinstrument ist in der deutschen Politik noch Lichtjahre von den USA entfernt. Er sieht dies in der politischen Tradition begründet. Deutschland zeichnet sich zum einen im Vergleich zu anderen politischen Systemen durch einen eher moderaten Diskursstil aus. Zum anderen führe das Mehrheitswahlrecht in den USA zu einer „stärkeren Polarisierung und Personalisierung“ von Politik. Meinungen müssen dort pointierter und direkter formuliert werden. Bots können hierbei helfen, meint Haller. Selten sind sich CDU, SPD, Grüne, FDP und Linkspartei deshalb so einig gewesen: Computer-Bots als digitale Wahlhelfer sind tabu. Zumindest gibt kaum jemand öffentlich sein Interesse für die neuen Möglichkeiten zu. Lediglich die AfD denkt in einem „Spiegel“-Bericht laut darüber nach, Bots in ihr Wahlkampf-Arsenal aufzunehmen. Wenig später geht die Partei auf ihrer Webseite aber wieder auf Abstand.

Ob eine offizielle politische Kraft hinter ferngesteuerten Meinungsmachern steckt, ist aber kaum überprüfbar: Im Netz treiben Bots ihr Unwesen wie Soldaten ohne Hoheitsabzeichen, sagt Haller.

Hintergrund: Soocial Bots

Mit wenigen Handgriffen sind Meinungsroboter zum Leben erweckt: Zunächst benötigt man Social-Media-Accounts – die Körper der Bots. Zweitens einen Zugriff auf eine Programmschnittstelle (API) zum sozialen Netzwerk – die Synapsen des Systems. Drittens ein Programm , das die Bots steuert. Im Verhältnis zu Aufwand und Kosten sind Social Bots als Propaganda-Maschinen hocheffektiv. 1000 gefälschte Profile sind im Internet zwischen 50 Dollar (einfache Twitter-Accounts) und 150 Dollar (ältere Facebook-Profile) zu haben, erklärt Simon Hegelich in der Studie „Invasion der Meinungs-Roboter“. Die Schnittstellen stellen die sozialen Netzwerke öffentlich und kostenlos zur Verfügung, um die Entwicklung von Apps voranzutreiben. Auch fertige Systeme lassen sich im Netz kaufen: Eine 10  000 Bot starke Twitter-Armee kostet rund 500 Dollar.

David Fischer

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