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Digital

28. September 2016 | 07:08 Uhr

Auszeiten : Digitale Enthaltsamkeit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Gesundheit zuliebe Auszeiten von der digitalen Welt nehmen / Apps können dabei helfen

Immer mehr durchdringt die digitale Welt die reale und fesselt unsere Aufmerksamkeit. Das Internet befriedigt die menschlichen Bedürfnisse nach Information, Unterhaltung und Nähe zu anderen Menschen. Klingt perfekt. Doch seiner Gesundheit zuliebe sollte man sich auch Auszeiten von der digitalen Welt gönnen. Schon jeder Zweite hierzulande hat nach Zahlen des IT-Verbandes Bitkom sein Smartphone immer dabei und damit auch Zugriff aufs Internet. Ein Drittel der Deutschen geht in jeder freien Minute online. Vier von fünf Internetnutzern sind in mindestens einem sozialen Netzwerk angemeldet und jeder fünfte Arbeitnehmer nutzt ein Dienst-Smartphone seines Arbeitgebers als mobiles Büro. „Das Internet befriedigt ein menschliches Bedürfnis nach Bindung und Bezug“, erklärt Sabria David die Anziehungskraft des Internets. „Es hilft, Distanzen zu überwinden und lässt Gemeinschaft entstehen.“

Zwar sei das Netz ein Schriftmedium, funktioniere aber nach den Regeln der Mündlichkeit. „Im Internet stehen die Menschen wie in einem Gespräch zusammen“, beschreibt die Leiterin des Slow Media Instituts in Bonn den Effekt. Dem Sog, der dadurch entsteht, muss man sich aber auch entziehen dürfen. „Unsere körperliche Organisation ist auf den Wechsel von Spannung und Entspannung angelegt“, sagt David. „Wir brauchen Pausen.“ Das Digitale erfordere deshalb das Erlernen neuer Kulturtechniken. Beispiel E-Mail: Man dürfe nicht der Versuchung erliegen, jede Mail gleich zu öffnen, zu lesen und zu bearbeiten wie einen Brief, der nur einmal täglich kommt. „Denn die Mails treffen ja ständig ein“, sagt David. Man müsse sich häufiger sagen: „Ich könnte sie öffnen, aber ich tue es nicht.“ Sabria David sieht also kein Problem in der Technik selbst, sondern nur im Umgang mit der Technik. Dieser müsse verantwortlicher und bewusster werden. Teilweise oder ganze digitale Enthaltsamkeit kann von Programmen unterstützt werden. Sie heißen etwa Breath, Time Out oder Workcrave und zeigen dem Nutzer an, wann er eine Pause bei der Bildschirmarbeit einlegen sollte. Das soll auch vor Mausarm (Repetitive Strain Injury) und müden Augen (Computer Vision Syndrome) schützen.

Die App Offtime dagegen schränkt für selbst gewählte Zeiträume Anrufe, Benachrichtigungen, E-Mails und SMS ein. Auch Anwendungen, die der Nutzer als Versuchung empfindet, kann die App blockieren. Bei der Arbeit lassen sich Kontaktaufnahmen von Freunden und Familie ausfiltern, in der Freizeit Ansprachen von Kollegenseite.

Die Arbeitspsychologin Annekatrin Hoppe von der Humboldt-Universität in Berlin hat mit 49 Probanden über zwei Wochen untersucht, wie Offtime wirkt. „Tatsächlich konnten die Versuchspersonen besser abschalten und waren am nächsten Tag engagierter bei der Arbeit“, sagt Hoppe. Eine extrem intensive Smartphonenutzung gehe mit Stress einher. Das zeige etwa die Untersuchung der beiden niederländischen Psychologen Daantje Derk und Arnold Bakke: Angestellte fühlen sich heute verpflichtet, auch in der Freizeit auf berufliche Nachrichten zu antworten. Diese Vermischung gehe mit körperlichen und psychischen Belastungen, Erschöpfung und schlechtem Schlaf einher. „Das Ziel muss sein, mit dem Smartphone bewusster umzugehen“, sagt Annekatrin Hoppe.

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